Proteste gegen Benedikt XVI. Türken wollen den Papst am liebsten ausladen

Die umstrittene Papst-Rede hat auch in der Türkei zu wütenden Protesten geführt. Benedikt XVI. predige "mit Schaum vorm Mund Hass". Viele fordern, den für November geplanten Besuch des Heiligen Vaters abzusagen.

Von Dilek Zaptcioglu, Istanbul


Istanbul - "Was hast du hier zu suchen? Komm lieber erst gar nicht!" rufen Türken in Internet-Foren dem Papst "in absentia" zu. Benedikt VXI. hat mit seiner deutlichen Islam-Kritik einen äußerst empfindlichen Nerv getroffen - nicht nur in der Türkei, sondern in vielen Staaten der muslimischen Welt. Sein philosophischer Exkurs über das Verhältnis des Islam zu Vernunft und Gewalt wird in der Türkei als böswillig interpretiert.

Anti-Papst-Demonstrant in Ankara: "Was hast du hier zu suchen?"
REUTERS

Anti-Papst-Demonstrant in Ankara: "Was hast du hier zu suchen?"

Die für den November anberaumte Türkei-Reise des Papstes scheint gefährdet - dies auch deshalb, weil seine Sicherheit schwerlich gewährleistet werden kann. Denn vor einem halben Jahr wurde der katholische Priester Andrea Santoro in seiner Kirche im türkischen Trabzon mit zwei Schüssen in den Rücken niedergestreckt. Ankara will den Papst nicht offiziell ausladen, hofft aber, dass er seine Reise selbst verschiebt.

Dabei war die islamisch-christliche Zusammenarbeit bisher blendend. Der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten in Ankara, Ali Bardakoglu, gilt als ein aufgeklärter Kleriker. Er tritt für den interreligiösen Dialog ein und kooperiert bei der Bekämpfung von islamischem Extremismus gern mit deutschen Behörden. Noch vor wenigen Tagen sagte er, das Kopftuch sei im Islam "nicht Vorschrift, sondern nur eine persönliche Präferenz".

Bardakoglus Worte über "westliche Kirchenmänner, die stets eine Kreuzfahrermentalität im Hinterkopf haben", sorgten gestern für ein weltweites Echo. Heute ist seine Papst-Kritik durchweg auf den Titelseiten der türkischen Tageszeitungen abgedruckt: "Die katholische Kirche glaubt, dass ihre Verfälschung des Monotheismus vernünftig sei. Gerade weil die Kirche die Vernunft ausschaltete und das Heilige schamlos ausbeutete, musste doch der Westen die Aufklärung und die Reformation erleben", sagt der Hodscha.

Sein Vertreter in Deutschland sieht das genauso. Ridvan Cakir, Vorsitzender des türkischen Religionsamtes Ditib in Deutschland, versteht den Papst und die Welt nicht mehr. Cakir berichtete SPIEGEL ONLINE, dass er im vergangenen Jahr den Papst Benedikt XVI. in Köln traf. "In einem zweistündigen, freundlichen Gespräch haben wir uns über den Fortgang des interreligiösen Dialogs geeinigt." Der jüngste Vortrag des Papstes sei befremdend und passe überhaupt nicht in die allgemeine Strategie des Vatikans. Es sei jedoch zu früh, von einem Wechsel des katholischen Diskurses über den Islam zu sprechen.

Der Ditib-Vorsitzende, dem über 800 Moscheen und Hunderttausende Muslime in Deutschland unterstehen, ruft seine Gemeinde in Deutschland ausdrücklich zur Mäßigung auf: "Wir müssen vernünftig sein und dürfen uns nicht von Scharfmachern treiben lassen."

Die Muslime in der Türkei teilen die Empörung ihrer Repräsentanten. Das wissen auch die Politiker. Im Herbst 2007 gibt es Neuwahlen zum Parlament, der Wahlkampf hat bereits begonnen. Während Premierminister Recep Tayyip Erdogan selbst schweigt, lässt er seine Stellvertreter reden.

So sagte sein Fraktionsvize Salih Kapusuz heute, der Papst sei ein "bedauernswerter Ignorant", weil er die Wahrheit über den Islam nicht kenne: "Jetzt ist offensichtlich, wie es nach der Ernennung des Papstes zu der Kampagne gegen den Islam und seine Propheten und zur Karikaturenkrise kam. Die Kreuzfahrer-Mentalität soll wieder auferstehen. Der Urheber dieser unglücklichen und unverschämten Worte, Benedikt XVI., ist in die Geschichte eingegangen. Es darf niemals vergessen werden, dass er in derselben Kategorie mit Führern wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingegangen ist."

"Mit Schaum vorm Mund Hass predigen"

Said Yazicioglu, einflussreicher Abgeordneter der Regierungspartei AKP, fragte ungeniert: "Wird der Papst jetzt die Chuzpe haben, uns hier zu besuchen?" Von links bis rechts entdecken die türkischen Parteien, dass der Zivilisationskrieg Stimmen einbringt. Auf den Zug sprang zuletzt auch der renommierte Reformtheologe Yasar Nuri Öztürk, der den Papst beschuldigte, "mit Schaum vorm Mund Hass zu predigen".

Der für den November geplante Besuch von Papst Benedikt ist schon seit Monaten Gegenstand innerpolitischer Querelen in der Türkei. Der Papst wurde ursprünglich von dem Orthodoxen Patriarchen eingeladen. Da dies eine Aufwertung des griechischen Patriarchen bedeutete, dessen ökumenischen Anspruch Ankara ablehnt, suchte man lange nach einer Formel, um den Papstbesuch in einen anderen Kontext zu setzen. Zum Schluss lud der säkulare Staatspräsident Ahmet Sezer den Papst als das Oberhaupt des vatikanischen Staates ein.

Die Nationalisten und islamische Kreise standen dem Besuch von Anfang an ablehnend gegenüber. Gerüchte darüber, dass der Papst in der Hagia Sophia eine Messe feiern werde, halten sich immer noch hartnäckig. Die byzantinische Kirche dient heute als Museum und ist umstrittenes Symbol sowohl der griechisch-orthodoxen Kirche als auch der türkischen Nationalisten. In einer solchen Messe sehen nationalistische Scharfmacher den Vorboten des Untergangs der muslimischen Türkei.

Die steigende Ablehnung der Christen macht kühle Analysten besorgt. So warnt Mehmet Ali Birand in seiner Kolumne in der Zeitung "Milliyet" fast täglich vor einem "Aufflackern anti-westlicher Ressentiments" – in einer Zeit, in der die EU-Zuneigung der Türken ohnehin auf dem Tiefstand ist. Politisches werde in religiöse Begriffe übersetzt, und Hardliner nützten den Konflikt genüsslich aus, sagt der konservative Anchorman des Senders CNN-Türk, Taha Akyol.

Wer sich aber in diesen Tagen am eifrigsten um die Glättung der Wogen bemüht, ist der Botschafter des Vatikans in Istanbul, Georges Marovitch. In einem Interview mit der pro-islamischen Zeitung "Yeni Safak" wies der Monsignore heute auf die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils aus dem Jahre 1965 hin. In dem "Nostra Aetate" genannten Beschluss versöhnte sich die Katholische Kirche nicht nur mit dem Judentum, sondern auch mit dem Islam und betonte das "gemeinsame Erbe" der Weltreligionen. "Ich glaube nicht, dass der Papst diese Beschlüsse des Zweiten Konzils revidieren will", sagte Marovitch, "wir werden uns auf jeden Fall an sie halten, nicht nur in der Türkei, sondern in vielen Staaten der muslimischen Welt."



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