Proteste gegen Rentenreform Streiks in Frankreich behindern Reiseverkehr

Frankreich steuert auf einen neuen Streik-Höhepunkt zu: Nach der Billigung der Rentenreform durch den Senat stehen zahlreiche Züge still, Flüge werden gestrichen. Auch der Bahn- und Flugverkehr nach Deutschland ist betroffen.

AP

Paris - Zehntausende Reisende, die auf ihre Züge warten, Chaos an den Flughäfen: Die Proteste gegen die geplante Rentenreform in Frankreich haben mit großangelegten Streiks an diesem Dienstag einen neuen Höhepunkt erreicht. Auch der Reiseverkehr nach Deutschland und in andere europäische Nachbarländer ist beeinträchtigt:

  • Auf dem Pariser Flughafen Orly soll die Hälfte der Flüge ausfallen.
  • Auf den Hauptstadt-Airports Charles de Gaulle-Roissy und Beauvais soll jeder dritte Flug gestrichen werden.
  • Auf dem Frankfurter Flughafen sind laut einem Sprecher bislang zwei Flüge ausgefallen.
  • Nach Deutschland fahren nur noch zwei Drittel aller Züge aus Frankreich. Eingeschränkt sind die Verbindungen zwischen französischen Bahnhöfen und München, Stuttgart oder Frankfurt (mehr Informationen auf dieser Website der Deutschen Bahn). Züge fahren oftmals nur bis oder ab der Grenze. Bei den Nachtzügen ist ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet.
  • Bei den Thalys-Zügen nach Belgien und in die Niederlande sowie bei den Zügen in die Schweiz wurde erwartet, dass jeder fünfte ausfällt. Die Eurostar-Verbindung von Paris nach London blieb zunächst ungestört.

"Diese Woche ist entscheidend. Die Demonstration am Dienstag ist eine der letzten Gelegenheiten, die Rentenreform der Regierung doch noch kippen zu können", sagte der Generalsekretär des Gewerkschaftdachverbands CFDT, Francois Chérèque, dem französischen Fernsehsender Canal Plus. Im Gegensatz zu früheren Protestaktionen, die nach einem Tag beendet wurden, sind diesmal einige Streiks zeitlich nicht befristet.

Die Gewerkschaften wollen mit der neuen Streikwelle Zugeständnisse in Einzelpunkten der Rentenreform erzwingen. Am Tag zuvor hatte das Reformwerk eine wichtige Hürde im Senat genommen.

Die Kammer hatte mehrheitlich dafür gestimmt, volle Rentenbezüge erst ab 67 statt wie bisher mit 65 Jahren auszuzahlen. Dies ist einer der beiden Kernpunkte von Sarkozys Vorhaben, das zur Sanierung der Staatsfinanzen beitragen soll. Ende vergangener Woche hatte der Senat bereits die Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre gebilligt. Dagegen laufen die Gewerkschaften seit Monaten mit Streiks und Straßenprotesten Sturm.

Mehr als zwei Drittel der Franzosen unterstützen den Streik

Die Gewerkschaften erwarten eine ähnlich hohe Teilnehmerzahl wie bei den Aktionstagen der vergangenen Wochen, als nach ihren Angaben zuletzt rund drei Millionen Menschen auf die Straße gegangen waren. Die Regierung sprach von knapp unter einer Million Teilnehmern. Erstmals sind einige Streikaktionen nicht zeitlich befristet.

Einerseits ist besonders der Zugverkehr von dem Streik betroffen. Die staatliche Bahngesellschaft SNCF ging davon aus, dass nur jeder dritte Hochgeschwindigkeitszug (TGV) zwischen Paris und dem Rest des Landes fährt. Von den TGV, die nicht die Hauptstadt passieren, wurde sogar erwartet, dass nur jeder fünfte Zug planmäßig im Einsatz ist. Die Pariser Nahverkehrsbetriebe RATP vermeldeten hingegen am Morgen geringere Folgen des Streiks als erwartet. Dies könne sich jedoch noch im Lauf des Tages ändern, warnte ein RATP-Sprecher.

Auch Lehrer, Lastwagenfahrer und Post-Mitarbeiter hatten angekündigt, sich an dem Streik zu beteiligen. Auch Schüler und Studenten beteiligten sich an der landesweiten Protestaktion. Knapp sieben Prozent der rund 4300 Gymnasien in Frankreich waren laut Bildungsministerium am Dienstagmorgen betroffen.

Einer Umfrage zufolge unterstützen mit 69 Prozent mehr als zwei Drittel der Franzosen den Streik am Dienstag. 61 Prozent sprachen sich für länger währende Protestaktionen aus. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Ifop-Umfrage für die Zeitung "France Soir" vertrauen derzeit 53 Prozent der Franzosen den Gewerkschaften. Das sind zehn Prozentpunkte mehr als bei einer ähnlichen Umfrage im Juni.

anr/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 10 Beiträge
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dilletantes 12.10.2010
1. Antititel
Irgendwie fehlen mir noch immer die gesamten Informationen zur Rentenreform, weil ja angeblich gar nicht so sehr das Renteneintrittsalter, sondern diverse andere Punkte, wie z.B. die Mindesteinzahlungsjahre, den Protest ausgelöst haben. Ansonsten finde ich es immer wieder erstaunlich, dass man sich in Deutschland freut, wenn ein paar Zehntausend oder auch mal Hunderttausend auf die Straße gehen, wohingegen die Franzosen zu Millionen gegen Ungerechtigkeiten demonstrieren.
brux 12.10.2010
2. Was fehlt
Nicht viel Analyse hier. Die Franzosen sind politisch infantil und fordern einfach das Unmögliche. Keiner scheint sich ernsthaft mit den Problemen des französischen Rentensystems auseinander setzen zu wollen. Dieses ist viel zu grosszügig bei den Zahlungen und schwach bei den Einnahmen (teilweise auch, weil die Migranten so wenig zur Wirtschaftsleistung beitragen. Schöner Bezug zum Grundthema Sarrazins also.) Was man auch sagen sollte ist, dass die Franzosen immer noch in dem Glauben leben, dass die Deutschen irgendwie am Ende zahlen werden. Das ist die alte EU-Erfahrung, die aber auch nicht mehr gilt.
Armenspeisung 12.10.2010
3. Dann streikt mal schön!
Zitat von sysopFrankreich steuert auf einen neuen Streik-Höhepunkt zu: Nach der Billigung der Rentenreform durch den Senat stehen zahlreiche Züge still, Flüge werden gestrichen. Auch der Bahn- und Flugverkehr nach Deutschland ist betroffen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,722575,00.html
Nach ein paar Tagen kommen sowieso Alle brav zur Arbeit zurückgekrochen. Zumal es nunmal keine Alternative zu Rentenreformen gibt. Außer natürlich, man stirbt freiwillig mit 70. Dann bräuchte es keine Reform.
lsg0y 12.10.2010
4. Warum nicht auch in Deutschland ?
Warum machen wir das nicht auch so ? Gründe auf die Straße zu gehen gibt es genug: "Rente mit 67" "Atomausstieg" "Gesundheitsreförmchen" "Bundeswehreinsatz in Afghanistan" ... Stuttgart ist erwacht - Deutschland erwache
mexi42 12.10.2010
5. So ist es, ...
Zitat von lsg0yWarum machen wir das nicht auch so ? Gründe auf die Straße zu gehen gibt es genug: "Rente mit 67" "Atomausstieg" "Gesundheitsreförmchen" "Bundeswehreinsatz in Afghanistan" ... Stuttgart ist erwacht - Deutschland erwache
der TIPPING-POINT ist überschritten.
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