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22. Juni 2011, 15:53 Uhr

Proteste gegen Sparpaket

"Griechen fühlen sich von den Deutschen verraten"

In Griechenland wächst die Mutlosigkeit - und bei einigen Bürgern die Wut auf die Deutschen. Im Interview spricht Schriftsteller Petros Markaris über enttäuschte Liebe, depressive Landsleute und eine Nation am politischen Abgrund. 

SPIEGEL ONLINE: Herr Markaris, griechische Demonstranten bezeichnen auf Plakaten Bundeskanzlerin Merkel als Nazi, fordern Deutschlands Austritt aus der EU. Wie ernst ist diese anti-deutsche Stimmung zu nehmen?

Markaris: Die Demonstranten übertreiben es! Sie übertreiben nicht nur Deutschland gegenüber, sondern auch Griechenland, bezeichnen das Land als eine Junta. All das ist natürlich absoluter Unsinn, falsch und verletzend.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Enttäuschung gegenüber den Deutschen in der breiten Bevölkerung?

Markaris: Es handelt sich schlicht um enttäuschte Liebe. Mich hat es schon immer verwundert, dass die Griechen nach dem Krieg größere Sympathien für ihre ehemaligen Besatzer, also die Deutschen, hatten als für ihre Befreier, die Engländer und Amerikaner. Jetzt fühlen sich viele Griechen von den Deutschen verraten. Sie fragen sich: Wir haben uns doch mit den Deutschen so gut verstanden, warum sind es ausgerechnet sie, die jetzt am strengsten mit uns ins Gericht gehen? Natürlich haben dabei deutsche Boulevard-Schlagzeilen nicht geholfen, genauso wenig wie manche Äußerung von Kanzlerin Merkel. Viele haben das Gefühl: Wir sind schon ganz am Boden, jetzt haut man noch drauf.

SPIEGEL ONLINE: Steckt Griechenland fest in der Opferrolle?

Markaris: Die Griechen haben sich in der neueren Geschichte immer als Opfer gesehen. Daher kommen auch alle diese Verschwörungstheorien, die jetzt bei den Protesten wieder Konjunktur haben. Tatsächlich ist die Finanzkrise hausgemacht - und zwar in allererster Linie von der griechischen politischen Klasse. Das politische System versagt seit 30 Jahren, und es versagt immer noch. Das haben die Menschen auch schon früher gesehen, aber erst jetzt, wo sie selbst die harten Folgen spüren, begehren sie dagegen auf.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen sagen: Die überwältigende Mehrheit der Griechen lehnt die Regierung von Premier Papandreou ab, fast genauso viele finden auch die Opposition schlecht...

Markaris: Die Menschen wollen Politiker, die ihnen die Wahrheit sagen und nicht immer nur in kleinen Dosen neue Einschnitte verkünden. Sie wollen Politiker, die ihre tiefe Verunsicherung ernst nehmen und die nicht nur Löhne und Renten kürzen, sondern auch Steuern eintreiben. Gegen den Steuerbetrug hat der marode Staatsapparat bis heute nichts unternommen. Die Menschen spüren, dass sie zur Kasse gebeten werden, aber andere ungeschoren davonkommen. Ich kann die Empörung darüber verstehen, auch wenn ich die Mittel ablehne, mit denen dieser Protest zum Ausdruck gebracht wird.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen politischen Akteur, der als Hoffnungsträger taugt?

Markaris: Nein, Griechenland wird seit 30 Jahren wie von Großgrundbesitzern untereinander aufgeteilt - zwei Familien hatten die Macht, die Papandreous und die Karamanlis. Darüber hinaus hatte kein anderer Emporkömmling eine Chance. Es gibt eine große Sehnsucht nach neuen Leuten in der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich im vergangenen Jahr in Griechenland verändert?

Markaris: Es geht den Menschen noch viel schlechter, jetzt sind sie am Boden. Sie haben den Schock nicht überwunden und den Mut verloren. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte sind die Griechen wieder depressiv - das zieht sich durch das komplette Alltagsleben. Es hat sich ein extremer Fatalismus ausgebreitet, die Menschen glauben nicht, dass die Krise zu bewältigen ist.

SPIEGEL ONLINE: Demonstranten attackieren Parlamentarier, Steine fliegen. Woher kommt diese Gewalt?

Markaris. Eine Minderheit, Gruppen von etwa 50 Menschen, ist extrem aggressiv, extrem brutal. Das liegt auch daran, dass die Regierung sie gewähren lässt. Erst wenn es zum Äußersten kommt, wird die Polizei eingesetzt. Man denkt, man muss der Wut der Menschen freien Lauf lassen, um noch Schlimmeres zu verhindern. Das ist natürlich einerseits richtig, andererseits bekommen Gewalttätige dadurch Freiraum. Diese Gewalttätigkeit empfinde ich als extrem beunruhigend, denn sie wird immer größer.

Das Interview führte Anna Reimann

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