Proteste in Afghanistan Bundeswehrsoldaten gaben Warnschüsse ab

Es war eine der bislang heikelsten Situationen für die Bundeswehr in Afghanistan: Bei der Attacke auf das deutsche Camp starben am Mittwoch mehrere Demonstranten - doch nicht durch Schüsse der Deutschen, so die Truppe. Die Soldaten hätten nur Warnschüsse auf die Beine abgegeben.
Bundeswehrsoldaten im Talokan-Camp: "Nur Warnschüsse abgefeuert"

Bundeswehrsoldaten im Talokan-Camp: "Nur Warnschüsse abgefeuert"

Foto: ? Fabrizio Bensch / Reuters/ REUTERS

Berlin - Einen Tag nach den gewalttätigen Protesten vor einem Bundeswehrlager in Nordafghanistan hat die Truppe mitgeteilt, dass deutsche Soldaten nicht für den Tod von bis zu zwölf Demonstranten verantwortlich seien. Auf der Homepage der Bundeswehr veröffentlichte die Armee am Donnerstagabend eine Mitteilung, dass nach ersten Ermittlungen "keine Erkenntnisse" vorlägen, dass "Angreifer durch Schüsse deutscher Soldaten getötet worden sind".

Die Bundeswehr war am Mittwochmorgen im Zug der Demonstrationen in eine der heikelsten Situation des gesamten Einsatzes am Hindukusch gekommen. Nach einer Trauerfeier für vier bei einem nächtlichen Anti-Terror-Einsatz von US-Soldaten getöteten Afghanen, darunter zwei Frauen, war eine wütende Menge zu dem kleinen Camp der Deutschen in der Stadt Talokan in Nordafghanistan gezogen. Plötzlich flogen aus der Menge Brandbomben und auch Handgranaten in Richtung des Camps.

Sowohl die afghanischen Soldaten, die den äußeren Ring des sogenannten "Provincial Advisory Teams" (PAT) schützen, in dem rund 40 deutsche Soldaten stationiert sind, als auch die Deutschen feuerten nach den heftigen Attacken Warnschüsse ab. Durch die Brandbomben und Splitter der Handgranaten wurden drei deutsche Soldaten und mehrere Afghanen teilweise schwer verletzt.

Dennoch ist sich die Verantwortlichen sicher, dass durch deutsche Kugeln keine Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Zwar wurden nach Erkenntnissen der Bundeswehr vier Menschen vor den Mauern des Camps getötet, allerdings nicht durch Schüsse der Deutschen. Vielmehr, so die Mitteilung, hätten die Soldaten Warnschüsse auf die Beine von mehreren Angreifern abgegeben. Dabei seien sieben bis zehn der Demonstranten verletzt worden.

Neue Ausschreitungen gegen die Isaf am Donnerstag

Insgesamt waren bei den gewalttätigen Protesten bis zu zwölf Menschen getötet und rund 80 verletzt worden. Die Ausschreitungen, bei denen antiamerikanische aber auch Parolen gegen die Regierung des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai skandiert wurden, zeigen den Hass der Afghanen auf die nächtlichen Einsätze der Anti-Terror-Einheiten der US-Armee. Bei diesen kommen immer wieder auch unschuldige Zivilisten ums Leben.

Dieser Hass entlud sich auch einen Tag nach der Gewalteskalation. Am Donnerstag kam es in der nordafghanischen Provinzhauptstadt zu neuen Protesten gegen die internationale Schutztruppe Isaf. Rund 200 Demonstranten zogen vor eine Polizeistation, einige warfen Steine und legten Feuer, wie der örtliche Polizeichef am Donnerstag sagte. Mindestens drei Menschen wurden verletzt, als Polizisten in die Luft schossen, um die Demonstration aufzulösen.

Das Camp der Bundeswehr war nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr von den neuen Unruhen nicht betroffen. Eine weitere Eskalation könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, hieß es bei der Bundeswehr. Die afghanische Regierung entsandte unterdessen ein mehrköpfiges Team von Ermittlern nach Nordafghanistan, diese sollen den Vorfall untersuchen. Präsident Karzai hatte die nächtliche Operation der US-Armee am Mittwoch scharf verurteilt. Die Gewalt bei den Protesten geißelte er allerdings ebenso.

Während die Afghanen annehmen, dass die Einheiten der US-Armee bei ihrer Suche nach einem Kommandeur der "Islamischen Bewegung Usbekistans" vier Zivilisten getötet haben, geht die Armee davon aus, dass es sich um Kämpfer der Aufständischen handelte. Demnach hätten die vier Getöteten die Einheiten - vermutlich handelte es sich um Spezialkräfte der US-Armee und afghanische Soldaten - mit Waffen bedroht und seien deshalb erschossen worden.

Wie die Gewalt am Mittwoch eskalierte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Der Trauerzug für vier von US-Einheiten getöteten Afghanen sei offenbar von Taliban unterwandert worden, berichtete der Gouverneur des Provinz. Sie hätten sich der zunächst friedlichen Demonstration angeschlossen und dann die tödliche Eskalation provoziert, sagte Abdul Jabar Taqwa SPIEGEL ONLINE. "Wir haben außerdem Berichte, dass sich Taliban auf Motorrädern dem Protestzug genähert haben und in die Menge gefeuert haben sollen", sagte Taqwa, "so wollten sie die Menge zu einem Angriff auf das Camp anstacheln".

Auch hätten die Aufständischen einige ihrer Kämpfer mit Waffen und Handgranaten unter die Trauernden eingeschleust, die später das Camp attackierten. Anschließend sei es zu der Schießerei vor dem Lager gekommen. Die Aufständischen selber versuchten am Donnerstag, den Vorfall für ihre Propaganda zu nutzen. Der gleiche Sprecher, der sonst gern über Tote bei Anschlägen der Taliban triumphiert, sprach plötzlich von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", das die Deutschen begangen hätten. Über die eigene Rolle bei der Gewalt-Orgie sagte der Sprecher freilich nichts.

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