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Proteste in Brasilien "Wenn bloß diese dumme Gewalt nicht wäre"

Erneut sind in Brasilien Zehntausende Menschen auf die Straßen gegangen, erneut gab es Festnahmen und Verletzte. Die Eskalation der Gewalt verunsichert die friedlichen Demonstranten. Aufgeben wollen sie nicht.

Am Samstagnachmittag ist die Situation noch überschaubar. Nur wenige hundert Menschen protestieren vor dem Confed-Cup-Spiel zwischen Brasilien und Italien im Zentrum von Salvador da Bahia. Sie wenden sich gegen Korruption, Intransparenz und die Milliardeninvestitionen für die sportlichen Großveranstaltungen in Brasilien. "Gott sei Dank ist es heute mal friedlich", sagt Guilherme, der mit einigen Freunden auf die Straße gegangen ist.

Am Abend jedoch kippt die Situation. Die Polizei setzt Tränengas und Gummigeschosse gegen randalierende Demonstranten ein und nimmt vier Jugendliche fest, die im Besitz von Molotow-Cocktails waren.

Nicht nur in Salvador da Bahia gingen die Menschen erneut auf die Straße. Trotz Reformversprechen von Präsidentin Dilma Rousseff demonstrierten allein in der südöstlichen Stadt Belo Horizonte 70.000 Menschen. Bei gewaltsamen Zusammenstößen wurden dabei laut Medienberichten 15 Menschen verletzt.

Präsidentin Rousseff hat zuvor erstmals seit Beginn der Unruhen vor anderthalb Wochen Stellung bezogen. Sie rief ihre Landsleute zur Einheit auf. Zugleich versprach sie in der Fernsehansprache mehr Anstrengungen gegen die grassierende Korruption sowie einen "großen Pakt" zur Verbesserung der öffentlichen Dienstleistungen. Die Regierung werde aber nicht einfach zusehen, wenn öffentliches und privates Gut zerstört werde, warnte sie.

"Die machen all das wofür wir kämpfen wieder kaputt"

Doch die Wirkung verpuffte. "Die WM für wen?", skandierten Zehntausende Menschen in Belo Horizonte. Sie brachten damit ihre Wut über die Milliardenausgaben für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 zum Ausdruck. Die Polizei feuerte Tränengas auf steinewerfende Demonstranten, die in den Sicherheitsbereich um das Stadion Mineirao eindringen wollten, wo Mexiko in der Confed-Cup-Partie 2:1 gegen Japan gewann.

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Brasilien: Friedliche Proteste und Randale

Foto: STRINGER/BRAZIL/ REUTERS

In São Paulo zogen am Samstagabend erneut 35.000 Menschen durch die Straßen. Sie protestierten friedlich gegen eine geplante Verfassungsänderung, die die Befugnisse unabhängiger Staatsanwälte beschneiden würde. Eine Maßnahme, die als Rückschritt bei der Bekämpfung der Korruption wahrgenommen wird. In der Universitätsstadt Santa Maria, wo im Januar fast 250 Jugendliche beim Brand einer Disco ums Leben gekommen waren, protestierten 30.000 Menschen gegen die als unfähig wahrgenommenen Behörden.

Die Situation am Wochenende ist nicht mit dem vergangenen Donnerstagabend vergleichbar, als die Lage eskalierte. Demonstranten versuchten den "Palácio do Itamaraty", den Sitz des Außenministeriums in Brasília, in Brand zu stecken. Vielen Brasilianern war klar, dass es hier nicht mehr um die Botschaft der Menschen gegen Korruption und Geldverschwendung ging - sondern um stumpfen Vandalismus.

Adriana muss mit den Tränen kämpfen, als sie im Fernsehen noch einmal die Gewaltszenen aus Brasília und vielen weiteren brasilianischen Städten sieht. "Die machen all das wofür wir kämpfen wieder kaputt", sagt sie. Die 24-jährige Medizinstudentin hat gemeinsam mit Freunden in Salvador da Bahia friedlich protestiert. Und auch sie musste schon erleben, wie die friedlichen und kreativen Kundgebungen vor allem nach Einbruch der Dunkelheit von Gewalt überschattet werden.

Polizei wirkt oft hilflos

Es sind die zwei Seiten der brasilianischen Protestbewegung. Da sind die jungen Menschen, die sich ihre Gesichter in den Landesfarben angemalt haben und ihrem Unmut auf kreative Weise Luft machen. Und dann plötzlich gerät die Situation außer Kontrolle. Die militärisch organisierte Polizei wirkt dabei oft hilflos. Die Regierung will unbedingt verhindern, dass die Sicherheitskräfte vor den Augen der Welt als Schlägertruppe dastehen. Doch Lage ist häufig so unübersichtlich, dass die Polizei keinen Unterschied mehr macht. Die Gummigeschosse fliegen dann genauso unkontrolliert umher wie die Steine der Randalierer. "Die kennen keine Gnade. Wenn du in deren Schusslinie gerätst, dann ist es egal, ob du friedlich oder gar nicht demonstriert hast", sagte Demonstrant Lucas in Salvador da Bahia.

Schon wird in Brasilien immer häufiger auch darüber diskutiert, ob man die Ausrichtung der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr abgeben sollte. Das wird nicht eintreten. Aber schon die Tatsache, dass in dem fußballverrückten Land darüber gesprochen wird, wäre vor zwei Wochen noch völlig undenkbar gewesen.

Als Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari nach seiner Meinung gefragt wird, zögert er einen Augenblick und sagt dann ausweichend: "Ich bin nicht derjenige, der so etwas beantworten sollte." Scolari solidarisiert sich genau wie seine Spieler vorsichtig mit der friedlichen Version der Proteste. "Wir alle wollen ein gerechteres Land, aber wir können nicht erwarten, dass sich Brasilien über Nacht verändert. Das kann fünf oder zehn Jahre dauern", sagt er.

Der ConfedCup endet am 30. Juni. Bis dahin werden die Proteste vor den Augen der We-lt weitergehen. Was passiert, wenn die Teams, Fans und Journalisten wieder abgereist sind, kann in Brasilien noch niemand genau sagen.

Aufhören wollen die Demonstranten keinesfalls. "Ich bin zum ersten Mal stolz Brasilianerin zu sein. Es ist unglaublich, dass überall im Land, egal ob in Salvador da Bahia, São Paulo, Rio de Janeiro oder Belo Horizonte, die Leute genauso denken und fühlen wie meine Freunde und ich", sagt Demonstrantin Beatriz lächelnd und hält dann kurz inne. "Wenn bloß diese dumme Gewalt nicht wäre."

Mit Material von AFP