Proteste in der Ukraine Polizei stürmt Rathaus in Kiew

Die Lage in der ukrainischen Hauptstadt eskaliert: Sicherheitskräfte und gewaltbereite Demonstranten liefern sich Kämpfe vor dem besetzten Rathaus. Die Polizei setzt Schlagstöcke ein, die Regierungsgegner wehren sich mit Knüppeln. Auf dem Maidan stehen sich die Lager gegenüber.


Kiew - Bei den Protesten gegen die ukrainische Regierung hat es am Mittwochmorgen Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und prowestlichen Demonstranten gegeben. Die Polizei versucht das besetzte Rathaus zu stürmen.

Hunderte Sicherheitskräfte setzten Schlagstöcke ein. Die Demonstranten wehrten sich mit Knüppeln, spritzten mit Feuerlöschern Wasser aus dem besetzten Gebäude, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Benjamin Bidder. Wegen eisiger Temperaturen von etwa minus neun Grad Celsius gefror das Wasser umgehend. Viele Einsatzkräfte zogen sich in ihre Fahrzeuge zurück.

Fotostrecke

15  Bilder
Proteste in der Ukraine: Polizei drängt Demonstranten vom Maidan
Bei den Demonstranten handelt sich um Nationalisten aus der Westukraine, unter ihnen sind auch gewaltbereite Regierungsgegner. Sie halten seit Sonntag die Stadtverwaltung besetzt. Der Eingang des Rathauses ist mit drei Autobussen verbarrikadiert. Ein Trupp von 300 Nationalisten hatte in der Nacht versucht, Polizisten anzugreifen. Laut dem Führer der nationalistischen Swoboda-Partei, Oleg Tjagnibok, wurden mehrere Demonstranten verletzt und mindestens elf festgenommen.

Das Kiewer Innenministerium hatte mit einem harten Durchgreifen gegen die Demonstranten gedroht. Jeder Widerstand werde als versuchte Organisation von Massenunruhen eingestuft, teilte das Ministerium am Mittwochmorgen in Kiew mit. Gegen Provokateure sollten Tränengas und andere Mittel eingesetzt werden. Beim nächtlichen Abbau von Barrikaden im Stadtzentrum seien zehn Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt worden, teilte die ukrainische Miliz weiter mit.

Karte: Proteste in Kiew
SPIEGEL ONLINE

Karte: Proteste in Kiew

Am Platz der Unabhängigkeit in Kiew - dem Maidan - stehen sich am Mittwochmorgen Tausende Demonstranten und Truppen der Sondereinheiten Berkut (Steinadler) gegenüber. Die Lage ist angespannt. Immer mehr Menschen strömten am Morgen auf den Maidan.

Der Innenminister Witalij Sachartschenko kündigte an, dass der Platz nicht gestürmt werde - er rief alle zur Ruhe auf: "Ich möchte alle beruhigen - der Maidan wird nicht erstürmt."

Der Oppositionspolitiker und Boxweltmeister Vitali Klitschko forderte den sofortigen Rücktritt des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Klitschkos Partei Udar teilte mit, dass in der Nacht zehn Demonstranten festgenommen worden seien. Der Fernsehsender 5. Kanal sprach von mindestens einem Schwerverletzten.

Am Maidan umstellten Sicherheitskräfte das Gewerkschaftshaus. Dort liegt das von der Opposition so bezeichnete Stabquartier des nationalen Widerstands gegen Janukowitschs Regierung. Spezialeinheiten waren in der Nacht auf den Unabhängigkeitsplatz vorgerückt, sie hatten Demonstranten weggedrängt und Barrikaden entfernt.

Scharfe Kritik aus dem Ausland

Polen zeigte sich sehr besorgt angesichts des Polizeieinsatzes gegen die Demonstranten. Nach Angaben des Außenministeriums wurde der ukrainische Botschafter einbestellt, wie Reuters meldete.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle warnte die ukrainische Regierung davor, die Proteste in Kiew gewaltsam niederzuschlagen. "In einer Demokratie lassen sich friedliche Demonstrationen der Menschen nicht einfach verbieten und mit Staatsgewalt unterbinden", sagte er. "Die Proteste sind lebendiger Ausdruck des Wunsches der Menschen nach einer europäischen Ukraine."

Washington übte scharfe Kritik an dem Polizeieinsatz: Die US-Regierung sei "angewidert" von der Entscheidung der ukrainischen Behörden, mit Spezialeinheiten, Panzern und Schlagstöcken gegen friedliche Demonstranten vorzugehen, sagte US-Außenminister John Kerry. Dies sei "weder akzeptabel noch ziemt es sich für eine Demokratie".

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton reagierte "mit Trauer" darauf, dass die Polizei Gewalt einsetze, "um friedliche Menschen zu vertreiben". Es wäre nicht nötig gewesen, "dass die Behörden im Schutze der Nacht handeln". Ashton hatte das Zentrum der Protestbewegung in Kiew wenige Stunden zuvor besucht. Arm in Arm ging sie mit dem Oppositionsführer Arsenij Jazenjuk durch das Protestcamp. Sie wurden dabei von den Demonstranten jubelnd mit "Europa!"-Rufen empfangen.

heb/AFP/Reuters/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.