Proteste in Hongkong Trotz Demonstrationsverbots versammeln sich Tausende im Zentrum

Aus Angst vor Repressalien haben die Organisatoren in Hongkong eine geplante Großdemo abgesagt. Trotzdem gingen die Proteste am Samstag weiter - zum Teil sangen die Menschen religiöse Lieder.

Kundgebung am Samstag im Zentrum von Hongkong
JEON HEON-KYUN/ EPA-EFE/ REX

Kundgebung am Samstag im Zentrum von Hongkong


Mehrere Tausend Menschen mit überwiegend schwarzen T-Shirts trafen sich auf einem Sportplatz im Zentrum von Hongkong. Viele liefen auch durch umliegende Straßen. Die Polizei hatte zuvor neue Absperrungen vor dem Verbindungsbüro der chinesischen Regierung errichtet und Wasserwerfer in den Straßen postiert.

In der chinesischen Sonderverwaltungszone gibt es seit drei Monaten Massendemonstrationen für mehr Demokratie und gegen eine wachsende Einflussnahme Pekings. Dabei hatte es am vergangenen Wochenende erneut gewaltsame Zusammenstöße gegeben. Die Beamten setzten unter anderem Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein, erstmals seit Beginn der Proteste feuerte zudem ein Polizist einen Schuss ab.

Unmittelbar vor geplanten neuen Protestaktionen am Samstag anlässlich des fünften Jahrestags der Regenschirm-Bewegung 2014 waren die Behörden am Freitag zudem massiv gegen Demokratie-Aktivisten vorgegangen: Die Polizei nahm die Protestanführer Joshua Wong und Agnes Chow sowie mindestens drei weitere bekannte Aktivisten und drei der Demokratiebewegung nahestehende Abgeordnete fest. Ein weiterer Aktivist, Andy Chan, war bereits am Donnerstag festgenommen worden. Ihm wird vorgeworfen, an Ausschreitungen teilgenommen und Polizisten angegriffen zu haben.

"Halleluja" als Protestgesang

Wong und Chow sind inzwischen auf Kaution freigekommen. Die Lage ist aber weiterhin angespannt. Angesichts des Drucks sagten die Organisatoren von der Civil Human Rights Front (CHRF) eine für Samstag geplante Großdemonstration ab, die bereits am Donnerstag von der Polizei verboten worden war. Es wäre eine illegale Versammlung gewesen, sodass Teilnehmer mit rechtlichen Konsequenzen hätten rechnen müssen.

Billy H.C. Kwok/ Getty Images

Die CHRF kündigte aber andere Aktionen an. Unter anderem einen religiösen Marsch. Tausende Menschen zogen am Samstag entlang prominenter sakraler Stätten im historischen Distrikt Sheung Wan und weiter in Richtung Regierungsviertel. Viele "spazierten" nur, wie sie sagten, auf dem Fußweg und sahen davon ab, Straßen zu blockieren. Zum Teil wurde "Halleluja" gesungen. Entlang der Route der "Spazierenden" war eine massive Polizeipräsenz zu sehen.

Vor genau fünf Jahren hatte die chinesische Regierung entschieden, politische Reformen in Hongkong zu verbieten. Diese Entscheidung hatte 2014 die sogenannte Regenschirm-Bewegung ausgelöst. Damals hatte der heute 22-jährige Wong an der Spitze der 79-tägigen Proteste gestanden. Politisch ist er nach wie vor aktiv, aber eine Führungsfigur wie 2014 ist er nicht. Die Protestbewegung von 2019 legt Wert darauf, keine öffentlich dominierenden Anführer mehr zu haben.

Die Proteste richten sich gegen den zunehmenden Druck Chinas auf Hongkong. Peking hatte der ehemaligen britischen Kronkolonie bei der Übernahme 1997 unter dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" für mindestens 50 Jahre Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit zugesichert. Nach Ansicht der Demonstranten wird diese Zusicherung schrittweise ausgehöhlt. Auslöser für die Proteste war ein Auslieferungsgesetz, das Überstellungen von Verdächtigen an Festlandchina vorsah, inzwischen aber gestoppt wurde.

cbu/dpa/AFP

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hardeenetwork 31.08.2019
1. Wie sollten sie unterstützen
Ihnen unsere Stimme geben, den Protestierenden. China kann und darf nicht die anders Denkenden bestrafen. Wir leben im 21. Jahrhundert und China benimmt sich wie eine starre und sture Diktatur aus dem Mittelalter.
udo46 31.08.2019
2.
Aha. Religiöse Lieder etc. - daher weht also der Wind.
Waahrer 31.08.2019
3. Was wollen die eigentlich?
Warum wollen die den Sonderstatus von Hongkong mit einer eigene gewählten Regierung zerstören und wieder ein Besatzungsregime mit Gouverneur provozieren? Die sollten doch froh über ihren Status der Selbstbestimmung nach dem Kolonialismus seit 1843 sein. Dass Hongkong als chinesische Gründung eine Insel der Seligen in Rotchina bilden könnte, ist eine absurde Vorstellung. Es erinnert fatal an die französische Revolution vor 240 Jahren. Erst wollten die Demonstranten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, dann bekamen sie den Terror der Jakobiner und die Renaissance des Feudalismus mit dem Kaisertum Napoleons. Freunde, das geht schief. Ihr könnte zwar als Laus dem Drachen Ungemach verursachen, aber irgendwann erwischt der euch und zerdrückt euch.
Stoepse 31.08.2019
4. Es fehlt die Information: "von aussen gesteuert"
"Massendemonstrationen für mehr Demokratie und gegen eine wachsende Einflussnahme Pekings." Nach über 150 Jahren Kolonialismus haben die seit 1997 die Freiheit und einen Sonderstatuts mit einer selbst gewählten Regierung. Die Staatshoheit liegt seit 1997 bei der Volksrepublik China Die Einflussnahme Chinas ist verfassungsbedingt. China ist der Hoheitsträger. Die genannten Ziele sind so inhaltsleer (Phrasen) und ohne innere Rechtfertigung, dass ich von gezielten Aktionen aus Taiwan ausgehe, die ständig versuchen, China zu belästigen.
SkeptischerLeser 31.08.2019
5. China ist nicht Mittelalter
Der Vergleich China/Mittelalter passt nicht. DDR, oder Deutschland um 1938 passt besser. Das totale Kontrollsystem, keine Pressefreiheit, keine Redefreiheit, keine Gewaltenteilung, kein Rechtssystem. Und dahinter ein extrem nationalistisches Volk von den nicht der geringste Widerspruch kommt. Ich verstehe schon dass dieses für die Menschen in Hong Kong nicht wirklich erstrebenswert ist. Aber vielleicht hilft da ja mehr Bildung, so wie in Westchina, wo Uiguren in Bildungslager interniert werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.