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Präsidentschaftswahl: Russland demonstriert gegen Putin

Foto: Sergei Ilnitsky/ dpa

Proteste in Moskau Lächelnd gegen Putin

Das russische Bürgertum rebelliert gegen Putin und die anstehenden Präsidentschaftswahlen. Der Protest bleibt friedlich, das Kalkül geht auf: Die Herrscher im Kreml wissen nicht, wie sie auf Luftballons und Lächeln reagieren sollen. Sie fürchten bereits eine "Revolution in Orange".
Von Benjamin Bidder und Anastasia Offenberg

Als Ilschat Gilmanow, ein 29-Jähriger aus der Provinzstadt Ufa, vor einigen Jahren lächelnd für ein neues Passfoto posierte, sorgte er für einen handfesten Skandal. Russlands Passwesen ist eine ernsthafte Angelegenheit. "Lächeln", wurde Gilmanow beschieden, nachdem er seinen Antrag für einen neuen Reisepass nebst Foto eingereicht hatte, "können Sie zu Hause".

Aber Ilschat Gilmanow, der Mann aus Ufa, hatte Recht. So sehr Russlands Beamte auch blätterten, in keiner Vorschrift stand, dass ein Russe auf seinem Passbild nicht lächeln darf. Als sie ihm seine neuen Dokumenten endlich aushändigten, warnten sie ihn noch einmal. Er werde sicher Probleme mit diesem Lächeln bekommen, sagte der Vorsteher des Passamts: "Auf den Seiten seines Passes hat der Bürger das Gesicht seines Staates zu repräsentieren."

Ein Lächeln gegen die Autorität - nach dem Vorbild Gilmanows protestierten am Sonntag Zehntausende in Russlands Hauptstadt. Ihr Kalkül ging auf. Der Staat ist verunsichert.

Eine wachsende Zahl von Russen würde eben diesen autoritären Staat lieber heute als morgen loswerden. Eine Woche, bevor sich Wladimir Putin, Ex-Oberst des Geheimdienstes KGB, am 4. März wieder zum Präsidenten wählen lassen will, bilden sie eine riesige Menschenkette im Zentrum von Moskau. Sie umstellen den Kreml.

Rund 30.000 Moskauer haben sich am Sonntag im Zentrum der Hauptstadt postiert. Es gibt keine Bühne wie bei den Massendemonstrationen im Dezember und Februar, keine Auftritte umjubelter Hoffnungsträger, keine langen Reden. Vor der Aktion gab es deshalb Zweifel, ob es gelingen kann, die Kette um den Kreml zu schließen. Die Strecke entlang der Ringstraße ist 15 Kilometer lang. Es gab keine Koordination, nur eine Internetseite, auf der sich aber viel zu wenige Teilnehmer angemeldet hatten.

Luftballons und Pfannkuchen statt verbrannte Putin-Puppen

Doch um halb drei am Nachmittag steht die Kette, auch wenn sie hier und dort von parkenden Autos und Stichstraßen durchbrochen wird, auf denen die Demonstranten den Verkehr nicht behindern wollen.

130.000 Anhänger hatte der Kreml am Donnerstag zum Olympiastadion Luschniki gekarrt. Putin selbst rief in der Arena martialisch zur "Schlacht um Russland" auf.

Das gegen Putins Herrschaft rebellierende russische Bürgertum aber mag die verbale Aufrüstung nicht mitmachen. Entlang der Ringstraße werden stattdessen Luftballons und Pfannkuchen verteilt. Es ist ein friedlicher Protest. In der Menschenkette stehen viele junge Familien, die Kundgebungen mit großem Polizeiaufgebot sonst der Kinder wegen meiden. Viele der vorbeifahrenden Autos drosseln ihr Tempo. Ihre Fahrer hupen der jubelnden Menge zu. "Wir feiern das Ende von Russlands politischem Winter" ruft Boris Stern. Der 61-Jährige arbeitet als Astronom bei Russlands Akademie der Wissenschaften. "Es ist, als hätte über Nacht eine neue Population Bürger Moskau bevölkert", sagt er. Er habe "noch niemals zuvor so viele fröhliche Menschen auf den Straßen gesehen". Moskau lächelt.

Nahe des Paweletskij-Bahnhofs im Süden des Stadtzentrums steht eine junge Mutter im Schnee. Natascha ist 25 Jahre alt und studierte Psychologin. Auf dem Arm hält sie ihren neun Monate alten Sohn Petja. Sie hat ihm ein weißes Band um die Mütze gebunden, das Zeichen der Protestbewegung gegen Putin. "Wir wollen den Kreml nicht belagern", sagt Natascha. "Wir fassen uns an den Händen, um uns zu zeigen, dass wir nicht allein sind."

Der Kreml fürchtet eine zweite "Revolution in Orange"

Im Norden eilen Larissa und ihr Mann Igor von Metrostation zu Metrostation. An der Haltestelle Kurskaja standen die Menschen schon zu dicht, jetzt versucht das Pärchen sein Glück an der Nachbarstation "Rote Tore". Igor, 63, hat ein weißes Bändchen an das Revers seiner Jacke gepinnt, Larissa, 58, hat ihren Mantel aus weißem Fell übergeworfen. "Wir wollen verhindern, dass Putin Präsident wird, aber zu einer normalen Demonstration hätten wir uns nicht getraut", sagt Larissa. Dann reiht sie sich mit Igor in die Menschenkette ein.

Der Kreml reagiert ratlos auf den Protest. Die Opposition sei "einfallslos". Sie destabilisiere das Land, wettert Sergej Newerow, ein Kader der Putin-Partei "Einiges Russland", es drohe eine "Revolution in Orange", wie in der Ukraine.

Dabei haben sich die gemäßigten Kräfte unter den Kreml-Gegnern durchgesetzt. Im Vorfeld hatten Oppositionsführer wie der Ex-Vize-Premier Boris Nemzow mit dem Gedanken gespielt, medienwirksam Puppen mit dem Konterfei von Premierminister Putin zu verbrennen. Das hätte die Protestbewegung vermutlich auf Titelseiten von Zeitungen im In- und Ausland gebracht, aber auch zu einer Eskalation des Konflikts mit der Staatsmacht führen können.

Am Paweletskij-Bahnhof steht Natascha, die Demonstrantin mit dem kleinen Sohn auf dem Arm. Die Verbrennungsidee nennt sie "eine große Dummheit, die nur unsere Gegner provoziert". Putin aber werde bei den Wahlen in einer Woche ohnehin deutlich siegen. "Wir müssen also besonnen vorgehen," sagt sie und wiegt den kleinen Petja auf dem Arm. "Und um unserer Kinder Willen müssen wir einen langen Atem beweisen."