Proteste in Moskau Lächelnd gegen Putin

Das russische Bürgertum rebelliert gegen Putin und die anstehenden Präsidentschaftswahlen. Der Protest bleibt friedlich, das Kalkül geht auf: Die Herrscher im Kreml wissen nicht, wie sie auf Luftballons und Lächeln reagieren sollen. Sie fürchten bereits eine "Revolution in Orange".

DPA

Von und Anastasia Offenberg, Moskau


Als Ilschat Gilmanow, ein 29-Jähriger aus der Provinzstadt Ufa, vor einigen Jahren lächelnd für ein neues Passfoto posierte, sorgte er für einen handfesten Skandal. Russlands Passwesen ist eine ernsthafte Angelegenheit. "Lächeln", wurde Gilmanow beschieden, nachdem er seinen Antrag für einen neuen Reisepass nebst Foto eingereicht hatte, "können Sie zu Hause".

Aber Ilschat Gilmanow, der Mann aus Ufa, hatte Recht. So sehr Russlands Beamte auch blätterten, in keiner Vorschrift stand, dass ein Russe auf seinem Passbild nicht lächeln darf. Als sie ihm seine neuen Dokumenten endlich aushändigten, warnten sie ihn noch einmal. Er werde sicher Probleme mit diesem Lächeln bekommen, sagte der Vorsteher des Passamts: "Auf den Seiten seines Passes hat der Bürger das Gesicht seines Staates zu repräsentieren."

Ein Lächeln gegen die Autorität - nach dem Vorbild Gilmanows protestierten am Sonntag Zehntausende in Russlands Hauptstadt. Ihr Kalkül ging auf. Der Staat ist verunsichert.

Eine wachsende Zahl von Russen würde eben diesen autoritären Staat lieber heute als morgen loswerden. Eine Woche, bevor sich Wladimir Putin, Ex-Oberst des Geheimdienstes KGB, am 4. März wieder zum Präsidenten wählen lassen will, bilden sie eine riesige Menschenkette im Zentrum von Moskau. Sie umstellen den Kreml.

Rund 30.000 Moskauer haben sich am Sonntag im Zentrum der Hauptstadt postiert. Es gibt keine Bühne wie bei den Massendemonstrationen im Dezember und Februar, keine Auftritte umjubelter Hoffnungsträger, keine langen Reden. Vor der Aktion gab es deshalb Zweifel, ob es gelingen kann, die Kette um den Kreml zu schließen. Die Strecke entlang der Ringstraße ist 15 Kilometer lang. Es gab keine Koordination, nur eine Internetseite, auf der sich aber viel zu wenige Teilnehmer angemeldet hatten.

Luftballons und Pfannkuchen statt verbrannte Putin-Puppen

Doch um halb drei am Nachmittag steht die Kette, auch wenn sie hier und dort von parkenden Autos und Stichstraßen durchbrochen wird, auf denen die Demonstranten den Verkehr nicht behindern wollen.

130.000 Anhänger hatte der Kreml am Donnerstag zum Olympiastadion Luschniki gekarrt. Putin selbst rief in der Arena martialisch zur "Schlacht um Russland" auf.

Das gegen Putins Herrschaft rebellierende russische Bürgertum aber mag die verbale Aufrüstung nicht mitmachen. Entlang der Ringstraße werden stattdessen Luftballons und Pfannkuchen verteilt. Es ist ein friedlicher Protest. In der Menschenkette stehen viele junge Familien, die Kundgebungen mit großem Polizeiaufgebot sonst der Kinder wegen meiden. Viele der vorbeifahrenden Autos drosseln ihr Tempo. Ihre Fahrer hupen der jubelnden Menge zu. "Wir feiern das Ende von Russlands politischem Winter" ruft Boris Stern. Der 61-Jährige arbeitet als Astronom bei Russlands Akademie der Wissenschaften. "Es ist, als hätte über Nacht eine neue Population Bürger Moskau bevölkert", sagt er. Er habe "noch niemals zuvor so viele fröhliche Menschen auf den Straßen gesehen". Moskau lächelt.

Nahe des Paweletskij-Bahnhofs im Süden des Stadtzentrums steht eine junge Mutter im Schnee. Natascha ist 25 Jahre alt und studierte Psychologin. Auf dem Arm hält sie ihren neun Monate alten Sohn Petja. Sie hat ihm ein weißes Band um die Mütze gebunden, das Zeichen der Protestbewegung gegen Putin. "Wir wollen den Kreml nicht belagern", sagt Natascha. "Wir fassen uns an den Händen, um uns zu zeigen, dass wir nicht allein sind."

Der Kreml fürchtet eine zweite "Revolution in Orange"

Im Norden eilen Larissa und ihr Mann Igor von Metrostation zu Metrostation. An der Haltestelle Kurskaja standen die Menschen schon zu dicht, jetzt versucht das Pärchen sein Glück an der Nachbarstation "Rote Tore". Igor, 63, hat ein weißes Bändchen an das Revers seiner Jacke gepinnt, Larissa, 58, hat ihren Mantel aus weißem Fell übergeworfen. "Wir wollen verhindern, dass Putin Präsident wird, aber zu einer normalen Demonstration hätten wir uns nicht getraut", sagt Larissa. Dann reiht sie sich mit Igor in die Menschenkette ein.

Der Kreml reagiert ratlos auf den Protest. Die Opposition sei "einfallslos". Sie destabilisiere das Land, wettert Sergej Newerow, ein Kader der Putin-Partei "Einiges Russland", es drohe eine "Revolution in Orange", wie in der Ukraine.

Dabei haben sich die gemäßigten Kräfte unter den Kreml-Gegnern durchgesetzt. Im Vorfeld hatten Oppositionsführer wie der Ex-Vize-Premier Boris Nemzow mit dem Gedanken gespielt, medienwirksam Puppen mit dem Konterfei von Premierminister Putin zu verbrennen. Das hätte die Protestbewegung vermutlich auf Titelseiten von Zeitungen im In- und Ausland gebracht, aber auch zu einer Eskalation des Konflikts mit der Staatsmacht führen können.

Am Paweletskij-Bahnhof steht Natascha, die Demonstrantin mit dem kleinen Sohn auf dem Arm. Die Verbrennungsidee nennt sie "eine große Dummheit, die nur unsere Gegner provoziert". Putin aber werde bei den Wahlen in einer Woche ohnehin deutlich siegen. "Wir müssen also besonnen vorgehen," sagt sie und wiegt den kleinen Petja auf dem Arm. "Und um unserer Kinder Willen müssen wir einen langen Atem beweisen."

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Seite 1
duk2500 26.02.2012
1. Stärke und Stabilität
Russland braucht nach dem Desaster des Kommunismus und den Chaos der Übergangszeit jetzt Stabilität und eine starke Führung zur weiteren politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Daran hat der Westen leider kein Interesse. Befremdlich auch wie viele westliche Intellektuelle die nie oder nur halbherzig die kommunistischen Diktaturen kritisierten, jetzt lautstark gegen bestimmte und notwendige Eigenarten der "gelenkten Demokratie" protestieren.
Finnländer 26.02.2012
2.
Bringen Sie doch erstmal ihre Fakten zusammen: 35.000 waren das Ziel. Ihr Aufmacher auf der Titelseite: ---Zitat--- Mit etwa 35.000 Menschen war die Kundgebung in Moskau die größte des Landes. ---Zitatende--- Die Veranstalter sprechen von 30.000, die Polizei von 11.000 Teilnehmern. Es werden also wohl um die 15.000 gewesen sein.
LaRussophobe 26.02.2012
3. 3
Zitat von sysopWladimir Putin wird aller Vorraussicht nach neuer Präsident Russlands. Trotz der seit Monaten anhaltenden Proteste gegen ihn und das politische System, welches sich unter ihm in den vergangenen 12 Jahren etabliert hat. Was denken Sie - ist Putin der Richtige, um Russland in den kommenden Jahren zu führen? Oder ist eine Erneuerung des Landes mitsamt der politischen Institutionen überfällig?
Ja, überfällig. Denn Putins dritte Amtszeit steht unter einem anderen Stern als der vom Ölpreis gepushte Einstieg des ehemaligen Geheimdienstlers vor zwölf Jahren. Inzwischen sind Staat und Infrastruktur zerfallen und die Korruption zerfrisst die verbliebenen Reste. Die überfällige Modernisierung in Armee, Bildungs- und Gesundheitswesen wurde schon in satten Zeiten versäumt. Und die von Putin nun installierte Elite wird sich um sie trotz gegenläufiger Rhetorik auch in den nächsten Jahren nicht kümmern. Russland droht der weiter beschleunigte Abstieg in Richtung Dritte Welt. Putins nächste Amtszeit steht unter dem Stern des Zerfalls: Die neue Dritte Welt - taz.de (http://www.taz.de/!78808/)
M67 26.02.2012
4. Lachnummer
Diese Anzahl der Demonstranten bei einer 11 Millionenstadt wie Moskau ist einfach nur lächerlich. Was soll dieser Bericht eigentlich bedeuten. Kohl war 16 Jahre Bundesknzler der BRD, darüber regt sich keiner auf. Laßt doch endlich Russland in Ruhe und kümmert Euch um die Ungerechtigkeiten in diesem Lan, da haben wir alle Hände voll zu tun. Einfach nur langweilig das ewige Gezedere.
michaelslo 26.02.2012
5. Der Übereifer des Westens
Zitat von sysopWladimir Putin wird aller Vorraussicht nach neuer Präsident Russlands. Trotz der seit Monaten anhaltenden Proteste gegen ihn und das politische System, welches sich unter ihm in den vergangenen 12 Jahren etabliert hat. Was denken Sie - ist Putin der Richtige, um Russland in den kommenden Jahren zu führen? Oder ist eine Erneuerung des Landes mitsamt der politischen Institutionen überfällig?
hat den Wunsch zum Vater des Gedankens. Eine starke Persönlichkeit - der richtige Mann für dieses Riesenreich - ist gut für Russland, schlecht für den Westen. Eine Marionette wäre dem Westen lieber. Jedwede "Proteste werden so aufgebauscht, als ob diese von Wladiwostok bis Smolensk reichen würden. Die ständigen Kritiker Putins sollten die Wahlbeteiligung in der BRD beachten - darauf kann der Westen nicht stolz sein.
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