Proteste gegen Regierungschef Tausende Bulgaren blockieren Hauptstadt

"Mafia" und "Roter Dreck" rufen sie: Den siebten Tag in Folge haben Tausende in der bulgarischen Hauptstadt Sofia demonstriert. Sie verlangen den Rücktritt der neuen sozialistisch dominierten Regierung - erstmals bekommen sie Unterstützung von der orthodoxen Kirche.
Demonstrantin in Sofia: Empört über die "korrupte politische Klasse".

Demonstrantin in Sofia: Empört über die "korrupte politische Klasse".

Foto: NIKOLAY DOYCHINOV/ AFP

Sofia - Tausende Bulgaren haben sich am Donnerstag vor dem Ministerrat und dem Parlament in Sofia versammelt. Die Menschen protestierten gegen Ministerpräsident Plamen Orescharski und seine Regierung aus Sozialisten und der Partei der türkischen Minderheit (DPS). Sie forderten wieder Neuwahlen. Anschließend zogen die Demonstranten auf die größte Kreuzung der Hauptstadt und blockierten diese. Auch in anderen Städten gingen wieder Menschen auf die Straße.

Die neuen Proteste dauern seit einer Woche an. "Rücktritt!", "Mafia" und "Roter Dreck" skandieren die Bulgaren. Die Demonstranten wollen sich mit einer Entschuldigung von Regierungschef Orescharski zufriedengeben. Vor einigen Wochen protestierten die Menschen noch gegen hohe Strompreise und geringe Löhne. Jetzt gehen vor allem auch finanziell gut gestellte Bulgaren auf die Straße. Sie sind empört über die "korrupte politische Klasse".

In Brüssel ausgepfiffen

Orescharski hatte sich am Mittwoch für die Nominierung des umstrittenen Medienmoguls Deljan Peewski zum Geheimdienstchef entschuldigt. "Ich habe einen politischen Fehler gemacht, und ich entschuldige mich nicht nur bei Ihnen, sondern auch bei allen Teilnehmern der Proteste", sagte Orescharski im Parlament. Einen Rücktritt lehnte der Regierungschef ab.

Orescharski war am Donnerstag zu seinem Antrittsbesuch nach Brüssel gereist. Vor der Vertretung seines Landes wurde er nach Berichten bulgarischer Medien von Dutzenden protestierenden Bulgaren ausgepfiffen.

Kirche solidarisch

Der bürgerliche Staatschef Rossen Plewneliew rechtfertigte die Proteste der Menschen, die "Gerechtigkeit und einen Rechtsstaat" fordern. Auch Bulgariens orthodoxe Kirche solidarisierte sich zum ersten Mal mit den Demonstranten. "Wenn sie fühlen, dass die Gerechtigkeit verletzt ist, sind die Menschen frei auszudrücken, dass sie nicht einverstanden sind", hieß es in einer Erklärung des Kirchenoberhaupts Patriarch Neofit.

Orescharski ist erst seit drei Wochen im Amt. Der parteilose Finanzexperte war von den Sozialisten nominiert worden. Der 53-Jährige war bereits zwischen 2005 und 2009 Finanzminister in einer von Sozialisten geführten Koalition. Seine Regierung soll das EU-Land aus der Krise führen.

heb/dpa