Proteste Mubarak-Gegner wollen die Massen mobilisieren

Der Prügeleinsatz der Polizei kann die Demonstranten in Ägypten nicht stoppen. Immer wieder kommt es in Kairo und anderen Städten zu Protesten gegen Präsident Mubarak. Die Regimegegner hoffen auf neue Massenkundgebungen am Freitag. Wer den Machtkampf gewinnen wird, ist noch völlig offen.

Unruhen in Suez: "Freitag ist unser Tag"
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Unruhen in Suez: "Freitag ist unser Tag"

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash


Auf den ersten Blick wirkt Kairo an diesem Donnerstag friedlich. Die Busse fahren, die Schawarma-Spieße drehen sich, Schulmädchen flanieren kichernd über die "Straße der Befreiung". Doch schon der zweite Blick offenbart, wie viel Anspannung in der Luft liegt. Hinter den Schulmädchen stehen zwei Polizisten auf einer klapprigen Leiter und übermalen mit dickflüssiger, schwarzer Farbe ein regierungskritisches Grafitto.

So viel zur Erklärung der Regierung, es gebe keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Auch anderswo gilt sie nicht: Facebook und Twitter, für die Protestbewegung zwei wichtige Mobilisierungs- und Informationswerkzeuge, sind nur schwer oder gar nicht zu erreichen. Allerdings hatte die Regierung auch erklärt, die Freiheit der Meinungsäußerung finde ihre Grenzen, wo Fragen der Sicherheit berührt würden. Genau das passiert jetzt - die Sicherheit des Regimes von Präsident Husni Mubarak ist in Gefahr. Zumindest steht der Herrscher vor der ernsthaftesten Herausforderung seit Jahrzehnten.

Seit am Dienstag Zehntausende Ägypter zu einer Massenkundgebung am zentralen "Platz der Befreiung" in der Hauptstadt zusammenkamen, hoffen viele im größten arabischen Land auf einen Umsturz nach dem Vorbild Tunesiens. "Revolution bis zum Sieg, in Tunis wie in Ägypten": Dieser Slogan, der sich im Arabischen reimt und als Schlachtruf eignet, macht in den Internetforen, die die Demonstranten frequentieren, pausenlos die Runde. Ihre Hoffnungen richten sich auf den Freitag: Im Anschluss an das Mittagsgebet sollen im ganzen Land neue Massenkundgebungen stattfinden, die Parole lautet "Marsch der Million".

Die Szene derjenigen, die sich im Internet austauschen und mobilisieren, ist extrem lebhaft und aktiv. "Freitag ist unser Tag", machen sie sich Mut, sie tauschen Tipps aus, wie man am besten mit Tränengas umgeht, und bitten Anwälte, die gerade ein bisschen Zeit zur Verfügung haben, in die Gefängnisse zu fahren und festgenommene Demonstranten zu vertreten. "Das Internet hat eine neue Generation hervorgebracht", schreiben sie. Sie fordern die Ägypter auf, ihre privaten W-Lan-Netzwerke für alle zu öffnen, damit der Austausch untereinander noch besser wird.

Sie versuchen alles, um diesen Elan auch auf die Straße zu bringen. "Im Moment konzentrieren wir uns auf Freitag", sagt einer von ihnen, der seinen Namen nicht nennen will. "Vorher ist es zu gefährlich." Als es am Mittwoch zu spontanen Demonstrationen kam, schlugen die Sicherheitskräfte wie schon am Dienstag sofort zurück: In dicht geschlossener Reihe, mit Holzknüppeln bewaffnet, rannten die Polizisten auf die Menge los. Später feuerten sie Tränengas-Granaten ab, mitten in der Innenstadt, wo längst nicht nur Demonstranten, sondern auch Mütter mit ihren Kleinkindern unterwegs waren.

Die für Freitag erhofften Massenproteste sollen besseren Schutz gegen das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte bieten: Ist die Menge groß genug, können die Polizeitruppen, die seit Tagen in der gesamten Innenstadt stationiert sind, auch nicht mehr viel ausrichten. Dann, so die Hoffnung, ist alles möglich - auch eine Wende nach tunesischem Vorbild, wie die ganz Optimistischen hoffen. Dort entschied sich Präsident Ben Ali schließlich zur Flucht.

"Ich hoffe, dass die Proteste weitergehen"

Noch ist es in Ägypten nicht so weit. Doch sicher ist: Das Land ist im Ausnahmezustand. Nach einer zweiten Nacht mit Protesten, die sich auf Kairo und Suez konzentrierten, versammelten sich am Donnerstag mehrere Dutzend Oppositionelle vor dem Außenministerium im Kairoer Stadtteil Maspero. Sie riefen Slogans gegen die Regierung und beschädigten nach Angaben von Augenzeugen eine Eingangstür.

In Alexandria und anderen Städten brodelt es ebenfalls, vielleicht sogar mehr als in Kairo. Ein Regierungsgebäude soll in Suez gebrannt haben, drei Menschen, heißt es, seien getötet worden.

Der greise Präsident Mubarak, seit 1981 an der Macht, hat sich noch nicht mit einer Silbe geäußert. Es wäre schwer für ihn, einen Ton zu finden, der ihm nicht augenblicklich den Hohn zahlloser Aufbegehrender einbringen würde. Würde er Reförmchen anbieten, bliebe von denen, die jetzt auf die Straße gehen, wohl kaum einer zu Hause.

Dabei haben nicht alle, die demonstrieren oder mit den Demonstranten sympathisieren, dieselben Forderungen. "Ja, ich hoffe, dass die Proteste weitergehen", sagt der 54-Jährige Hassan, der ein kleines Restaurant besitzt, am Mittwoch. "Ich will, dass etwas passiert."

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Proteste gegen Mubarak: Ägypten in Aufruhr
Aber ihn treibt vor allem um, dass die Lebensmittel so viel teurer geworden sind, dass seine Söhne keine Arbeit finden und deshalb nicht heiraten können. Gleich um die Ecke neben seinem Restaurant schreien flüchtende Demonstranten den Polizisten Flüche zu, durch den Torbogen sieht man sie die Straße herunterrennen. Hassan guckt interessiert. Wird er sich einreihen? Er mag Mubarak auch nicht besonders, sagt er. Aber er will erst einmal abwarten.

Unruhen ohne Anführer

Die ägyptischen Unruhen haben keinen Anführer. Zu den Trägern der Revolte gehören Studenten, Gewerkschaften, Intellektuelle, Demokratiebewegungen aber auch ganz normale Menschen. Niemand spricht für alle Unzufriedenen oder bündelt ihre Forderungen. Es ist nicht ausgemacht, ob mit Hilfe der bestehenden Parteien und Bewegungen Reformen erreicht werden können - und noch viel weniger, ob das den Protestierenden reichen würde. Wer bringt wie viel Menschen auf die Straße, auf welche Ziele kann man sich einigen? All das ist ungeklärt.

Einer, der sich jetzt in Position bringt, ist der ägyptische Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei. Er hat sich am Donnerstag in die Proteste seiner Landsleute gegen die Regierung von Präsident Husni Mubarak eingeschaltet. Er sei bereit, einen politischen Wechsel in Ägypten anzuführen, wenn die Menschen dies wünschten, sagte er in Wien. Am Freitag will er selbst an den Demonstrationen teilnehmen, im Zuge derer bislang bereits tausend Menschen festgenommen wurden.

Ägypten ist deshalb nicht nur im Ausnahmezustand, es ist auch in einem Schwebezustand. Der Freitag könnte den Anfang vom Ende für das Regime einläuten, wenn wirklich noch mehr Menschen als am Dienstag auf die Straße gehen. Aber er könnte auch das Ende vom Anfang der ägyptischen Revolte markieren, falls das misslingt. Und dazwischen ist ebenfalls alles möglich - auch, dass die Proteste noch Wochen oder Monate lang sporadisch weitergehen.

"Niemand weiß, was als nächstes passiert", sagt ein Student, der in einem Café nahe dem "Platz des Befreiung" Zitronenlimonade trinkt. "Wer etwas anderes sagt, der lügt."

Mit Material von AFP

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Seite 1
spiegel-hai 27.01.2011
1. .
Zitat von sysopDer Prügeleinsatz der Polizei kann die Demonstranten in Ägypten nicht stoppen. Immer wieder kommt es in Kairo und anderen Städten zu Protesten gegen Präsident Mubarak. Die Regimegegner hoffen auf neue Massenkundgebungen den Freitag. Wer den Machtkampf gewinnen wird, ist noch völlig offen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741982,00.html
Die größte Herausforderung für ElBaradei dürfte nach einem wie auch immer gearteten Sturz der Regierung sein, zu verhindern, daß die Moslem-Brüder die Macht ergreifen. Wegen seines hohen Ansehens dürfte der Erwartungsdruck an ihn enorm sein. Und er wäre ein Kandidat für ein Attentat.
elbröwer 27.01.2011
2. Ausnahmezustand seit 30 Jahren
Das letzte mal als das Volk mit einem Führer übereinstimmte hieß der Gamal Abdel Nasser. Seit Saddat lebt Ägypten von US-amerikanische Almosen und Touristen, die es nicht stört wenn in ihrem Urlaubsland, Terror und Folter gegen die eigene Bevölkerung ausgeübt wird. Und ja, auch ich war da.
simha 27.01.2011
3. Muslimbrüder
Zitat von spiegel-haiDie größte Herausforderung für ElBaradei dürfte nach einem wie auch immer gearteten Sturz der Regierung sein, zu verhindern, daß die Moslem-Brüder die Macht ergreifen. Wegen seines hohen Ansehens dürfte der Erwartungsdruck an ihn enorm sein. Und er wäre ein Kandidat für ein Attentat.
Die Muslimbrüder spielen längst keine so große Rolle mehr. Diese Gefahr ist im Wesentlichen vom Regime selbst am Leben gehalten worden. Mit der 'Legitimation' gegen radikale Muslime vorzugehen ist Mubarak angetreten, damit hat er sich an der Macht gehalten. Viele haben gar vermutet, die sporadischen Attentate auf Touristen wären letztlich von der Regierung zumindest gebilligt, wenn nicht initiiert worden. Es war ja immer das einzige, was scheinbar für Mubarak sprach. Wer wirklich hinter dem Attentat auf Sadat stand, welches Mubarak ja wie durch ein Wunder unbeschadet überstand, ist bis heute auch nicht geklärt.
Hans1970 27.01.2011
4. .
Beschämend wie wir Westen diese Diktatoren jahrzehntelang unterstützt haben. Im Kampf gegen den Terrorismus haben wir Terroristen gegen ihr Volk unterstützt.
counterstrike 27.01.2011
5. Ist das so toll was da gerade abläuft?
Ja was passiert dann wenn die Massen mobilisiert werden und der Diktator gestürzt ist? Geht es dann den Massen besser? Ich denke nicht. Über Mubarak kann man ja halten was man will. Aber immerhin hat er Ägypten politische Stabilität gebracht. Immerhin kommen bisher Millionen von Urlaubern und bringen Devisen. Und für sein total überbevölkertes Land zahlen die Amerikaner Millionen an Dollar für Weizenlieferungen jedes Jahr, damit sein Volk etwas zu essen hat. Das alles fällt weg wenn Mubarak gestürzt ist. Und ich habe die Befürchtung, dass die Massen gar nicht nach mehr Demokratie, Menschenrechte, Frauengleichberechtigung, usw. schreien, sondern nach mehr Scharia. Und dann wird es kommen wie in Persien. Dann werden die moderaten Moslems aus dem Land fliehen und dann wird noch den Rest an wirtschaftlicher Stabilität zusammenbrechen. Dann haben die Islamisten ihr Ziel erreicht und sie können einen moslemischen Gottesstaat errichten. Politische Gegner werden wie im Iran an Baukränen aufgehängt, Frauen gesteinigt und Hände abgehackt. Und der Masse geht es noch schlechter als jetzt und die werden noch weniger Rechte in einem moslemischen Gottesstaat haben als jetzt.
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