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Proteste gegen Erdogan: "Natürlich habe ich Angst"

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Proteste in der Türkei Die Helfer der Revolte

Sie bringen Medikamente, Essen, Wasser: Auf Istanbuls Taksim-Platz zeigt sich, wie der Widerstand gegen das brutale Vorgehen der Staatsmacht funktioniert. Es sind ganz normale Bürger, die den Demonstranten zur Hilfe kommen.

"Natürlich habe ich Angst", sagt die junge Frau mit dem Mundschutz und dem Rucksack vor dem Bauch. "Ich bin keine Militärärztin, ich war nie im Krieg." Zeynep, 28, hat gerade neue Medikamente herangeschleppt und neues Verbandszeug. Als angehende Ärztin hätte sie eigentlich ihre Schicht in der Klinik antreten müssen, doch auch ihr Chefarzt fand: Auf dem Taksim-Platz ist sie für die Menschen eine größere Hilfe.

Jetzt bringt sie Nachschub zu einem improvisierten Versorgungsposten, hier im Zentrum Istanbuls, wo seit Tagen immer wieder Polizisten und Demonstranten aufeinander prallen. Nur wenige Schritte sind es von hier zum Gezi-Park, mit dessen Besetzung alles begonnen hat: Proteste, die zu einer Revolte der Empörten anschwollen und auf Dutzende türkische Metropolen und Städte übersprangen.

Ein Krieg ist das natürlich nicht, wahrscheinlich auch nicht der Beginn einer Revolution, aber für Zeynep ist es dennoch eine der intensivsten Erfahrungen. Sie ist aufgewachsen in einem Land, mit dem es seit über einem Jahrzehnt wirtschaftlich aufwärts geht, mit der Aussicht auf Wohlstand, aber eben weitestgehend ohne Mitspracherechte. Sie sympathisiert mit den Demonstranten, das schon, sagt sie. Doch sie betont, sie sei als Medizinerin hier: "Wir protestieren nicht, wir versorgen die Verwundeten."

Allerdings gehört sie damit zur Infrastruktur des Widerstands - eine Notärztin des Protests.

Die Infrastruktur des Widerstands funktioniert so: Tagsüber verteilen Helfer an einem kleinen Versorgungsposten - gelegen im Eingang einer Starbucks-Filiale am Taksim-Platz - Trinkwasser, belegte Brote und Sesamringe. Aktivisten bringen Nachschub, auch Medikamente, gespendet etwa von Apothekern in der Nähe.

Die Uno verlangt eine Untersuchung der Vorfälle

Nachts verwandelt sich der Posten zum provisorischen Feldlazarett, auf einem Transparent steht auf Türkisch "Erste Hilfe". Hierher kommt, wem die Augen brennen vom Gas. Hierher bringen die Medizinstudenten die Verwundeten der Proteste. Die Demonstranten fassen sich bei den Händen und bilden Gassen, damit die Verletzten durchkommen. Und Ärzte wie Zeynep kümmern sich um sie.

Die genaue Zahl der Verletzten bleibt jedoch eine der größten Unbekannten in dieser Auseinandersetzung. Menschenrechtler sprechen von 1300 bis zu 2000 Menschen, die zum Teil schwer verletzt wurden bei den Tränengas-Einsätzen und Prügelattacken der Polizei. Die türkische Regierung gibt sie mittlerweile mit 308 an. Von der EU bis zu den USA haben Politiker die Polizeigewalt angeprangert. Jetzt verlangt sogar die Uno eine Untersuchung der Vorfälle, und der türkische Vize-Premier entschuldigt sich.

Krankenhäuser sollen keine Auskunft erteilen. Doch der Leiter der Notaufnahme des Deutschen Krankenhauses, einer Privatklinik in der Nähe des Taksim-Platzes, sagt, allein bei ihm seien in der heftigsten Protestnacht von Freitag auf Samstag rund 80 Verletzte angekommen. "Das ist etwa das Vierfache unsere normalen Kapazität", sagt er, "und in den staatlichen Krankenhäusern war es noch schlimmer". Die Nacht hat er durcharbeiten und zum Teil schwere Kopfverletzungen behandeln müssen. Einige seien offensichtlich dadurch entstanden, dass Beamte aus wenigen Metern Entfernung Tränengas-Patronen auf die Menschen abfeuerten.

Unstrittig ist, dass es auch Tote gegeben hat bei den Zusammenstößen von Demonstranten und Polizisten. Unklar ist jedoch, wie viele es sind und wie sie zu Tode kamen. Nach Angaben der türkischen Ärztevereinigung starb ein Mann in Istanbul, als jemand einen Wagen in eine Menge steuerte. Zudem gab es Meldungen, denen zufolge ein weiterer Mann in Antakya nahe der syrischen Grenze infolge eines Kopfschusses seinen Verletzungen erlegen ist. Die Behörden teilten aber später mit, eine Autopsie habe keine Hinweise auf einen Kopfschuss geliefert. Einige Aktivisten berichten von weiteren Todesopfern, allerdings ohne jeden Beleg - die Gerüchte verbreiten sich trotzdem.

So widersprüchlich die Angaben im Detail sind, so eindeutig ist die Wut der Demonstranten und der jungen medizinischen Helfer. Ob man schon einmal gesehen habe, was für Wunden zurückbleiben, wenn eine Gaspatrone jemanden aus der Nähe trifft und die Haut aufplatzt, fragt Can, 26.

Er studiert eigentlich Medizin in Sofia, Bulgarien. Aber als er im Netz von den Protesten in seiner Heimatstadt Istanbul erfuhr, machte er sich sofort auf den Weg, so erzählt er es. Er habe das provisorische Feldlazarett mit aufgebaut: Erst nur zwei Tische, ein paar Medikamente, dann brachten immer mehr Leute etwas zu essen, etwas zu trinken. "Nicht wir haben das geschafft", sagt er, "das Volk hat das geschafft."

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