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Straßenschlachten in Kairo: "Sie schießen auf uns, die Hundesöhne!"

Foto: Ali Sabaa/ dpa

Nach Wutrede des Muslimbrüder-Chefs Tote und Verletzte bei Straßenkämpfen in Kairo

Die Warnungen des Militärs nützten nichts: In Kairo kam es am Abend zu Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mursi. Mindestens zwei Menschen starben. In ganz Ägypten wurden am Freitag 17 Menschen getötet und Hunderte verletzt.

Hamburg/Kairo - Das Militär hatte am zweiten Tag nach dem Putsch gegen Präsident Mursi klare Warnungen ausgesprochen: Demonstrationen ja, aber nur gewaltfrei. Und es hatte angekündigt, die gegnerischen Parteien voneinander fernzuhalten.

Doch die Warnungen verhinderten gewaltsame Auseinandersetzungen, an denen auch das Militär beteiligt war, nicht. Bis zum frühen Abend waren laut einer Mitteilung des Gesundheitsministeriums bei Demonstrationen im ganzen Land zehn Menschen gestorben und mehr als 300 verletzt worden. Im Verlauf des Abends korrigierten offizielle Quellen die Zahl der Toten auf insgesamt 17.

Nach Einbruch der Dunkelheit eskalierten die Kämpfe in Kairo, es fielen Schüsse. Das Staatsfernsehen berichtete, dass während der nächtlichen Ausschreitungen zwei Demonstranten getötet und 70 verletzt wurden. Nahe der 6.Oktober-Brücke trafen Anhänger des vom Militär gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi und dessen Gegner aufeinander. Beide Seiten bewarfen sich mit Feuerwerkskörpern und Pflastersteinen. Einige Männer trugen Helme und behelfsmäßige Schilde. Am Rande des Tahrir-Platzes waren Schüsse zu hören. Auf der Brücke brannte ein Auto. Krankenwagen brachten Verletzte ins Krankenhaus.

"Sie schießen auf uns, die Hundesöhne, wo ist die Armee?", schrie einer der Mursi-Gegner, während ein anderer von Ärzten versorgt wurde; die Jeans des Mannes war blutgetränkt. Später setzten die Militärs gepanzerte Fahrzeuge ein: Die Wagen rasten auf die Brücke, um Mursi-Anhänger zu vertreiben; auf mehreren Fahrzeugen saßen junge Mursi-Gegner. Danach seien die Angreifer so schnell verschwunden wie sie gekommen waren, berichteten Augenzeugen.

Auch in der nördlichen Stadt Alexandria kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Dabei sind zwölf Menschen getötet und rund 200 verletzt worden, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Mena in der Nacht zu Samstag.

Vize-Chef der Muslimbrüder Khairat al-Schater festgenommen

Einen ersten blutigen Zwischenfall hatte es in Kairo am Nachmittag gegeben. Mursi-Anhänger und Soldaten lieferten sich einen Schusswechsel vor einer Kaserne. Nach Angaben der Nachrichtenagenturen AFP und Reuters gab es mindestens drei Tote. Ein Sprecher des Militärs dementierte diese Darstellungen. Die Armee habe lediglich Platzpatronen und Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt, hieß es.

Am frühen Abend war der Chef der Muslimbrüder, Mohammed Badi, in dem Kairoer Stadtteil Nasr City vor seine Anhänger getreten. Bisher hatte es aus Kreisen der Sicherheitskräfte geheißen, Badi sei am Donnerstag wegen der "Anstiftung zur Tötung von Demonstranten" festgenommen worden. Während seiner hitzigen Ansprache vor Zehntausenden Menschen stellte er vor allem eine Forderung: Ex-Präsident Mohammed Mursi müsse sofort zurück ins Amt gehoben werden.

Am Abend wurde bekannt, dass zwei prominente Mitglieder der Muslimbrüderschaft freigelassen werden. Saad al-Katatni und Rashad al-Bayoumi saßen seit Donnerstag in Haft, auch ihnen wurde Aufruf zur Gewalt vorgeworfen.

Kurz nach Mitternacht wurde bekannt, dass der stellvertretende Muslimbrüder-Chef, Khairat al-Schater, festgenommen worden ist. Ein Vertreter des Innenministeriums bestätigte dessen Festnahme. Im vergangenen Frühjahr hatten die Islamisten ihren Vize in das Rennen um die Präsidentschaft geschickt. Der Multimillionär zählt zu den mächtigsten Figuren in den eigenen Reihen.

Islamisten stürmen Gouverneurs-Sitz auf Sinai

Übergangspräsident Adli Mansur hatte am Nachmittag das von den Islamisten dominierte Oberhaus aufgelöst. Dies meldete die amtliche Nachrichtenagentur Mena. Der Schura-Rat, die zweite Kammer der Volksvertretung, hat beratenden Charakter. Das von islamistischen Kräften dominierte Gremium war seit über einem Jahr praktisch die einzige parlamentarische Institution, da die Militärs die Volksversammlung - die erste Kammer - aufgelöst hatten.

In Nord-Sinai haben bewaffnete Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi am Freitagabend den Sitz des Gouverneurs in Nord-Sinai gestürmt. Die islamistischen Kämpfer lieferten sich zunächst ein Feuergefecht mit Sicherheitskräften, bevor diese das Gebäude in El-Arisch aufgaben, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Daraufhin hissten die Mursi-Anhänger die schwarze Fahne der militanten Islamisten.

Zuvor hatten Islamisten auf der Sinai-Halbinsel bereits mehrere Angriffe auf die regulären Streitkräfte verübt. Vor einem Regierungsgebäude in El-Arisch wurden fünf Polizisten erschossen. Bei simultanen Attacken mit Raketen und Maschinengewehren auf Posten der Sicherheitskräfte und der Polizei wurde ein Soldat getötet. Als Reaktion schloss die Armee den Grenzübergang Rafah zum Gazastreifen.

bos/jok/dpa/AFP/AP
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