Protokoll des Protesttages Wüste Schlachten auf Kairos Straßen

AP

4. Teil: Molotow-Cocktails und Gewehrfeuer


+++ Hisbollah-Mitglieder aus Gefängnis geflohen +++

[17.04] Mehrere Mitglieder der libanesischen Hisbollah haben das Chaos in Ägypten zur Flucht aus dem Gefängnis genutzt. Entsprechende Fernsehberichte arabischer Sender bestätigte die Führung der pro-iranischen Islamisten-Organisation in Beirut. Unter den Geflohenen sei auch der Chef der ägyptischen Hisbollah-Zelle, Sami Chehab. Er war zusammen mit 25 weiteren Beschuldigten festgenommen worden. Der Vorwurf: Die Männer sollen Anschläge gegen Touristenziele in Ägypten und auf Schiffe im Suez-Kanal geplant sowie Waffen in den Gaza-Streifen geschmuggelt haben.

+++ "Allah verfluche die Verantwortlichen für das Blutbad" +++

[16.52] Der ägyptische Parlamentssprecher Fathi Surur findet im Staatsfernsehen überraschend deutliche Worte, beobachtet SPIEGEL-Reporter Volkhard Windfuhr. Surur fordert die "sofortige Aburteilung" und "gebührende Bestrafung der Verantwortlichen für das Blutbad auf die unschuldigen Demonstranten" auf dem Tahrir-Platz. "Allah verfluche diejenigen, die das zu verantworten haben", so Surur. Die Protestler hätten ein "legitimes Recht auf freie Meinungsäußerung".

+++ Massendemonstration in Alexandria +++

[16.44] Auch in Alexandria trotzen die Demonstranten der Ausgangssperre. Dort haben sich Hunderte Menschen versammelt, sie klatschen, sie rufen, sie tragen Flaggen und Banner.

+++ Schießereien und Brände in Kairo +++

[16.41] Die Straßenschlachten zwischen Gegnern und Anhängern des ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak werden heftiger: Nun gibt es in Kairo offenbar ein heftiges Feuergefecht, mindestens ein Mensch wurde verletzt davongetragen. Aus mehreren Teilen der Stadt und aus Vorstädten werden Brände gemeldet. So stand ein großer Supermarkt in der Nähe der Vorstadt Scheich Sajed in Flammen, hieß es aus Sicherheitskreisen. Plünderer drangen in das Gebäude ein. Im Zentrum Kairos brannte ein Gebäude neben einem Luxushotel nahe des Nil.

+++ Sicherheitskräfte suchen nach Journalisten in Hotel +++

[16.40] Reporter, die sich im Hilton-Ramses-Hotel unweit des Tahrir-Platzes befinden, berichten, dass Sicherheitskräfte das Hotel durchsuchen. In dem Hotel sind viele Fernsehsender untergebracht, die von den Balkonen aus Live-Aufnahmen der Unruhen senden. Ob die Sicherheitskräfte die Kameras beschlagnahmen, war zunächst unklar, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer. Bereits am Mittwoch waren in zivil gekleidete Männer in das Hotel gekommen und hatten nach Kameras gesucht. Diese Aktion richtete sich offenbar gegen al-Dschasira, den bei der ägyptischen Regierung verhassten TV-Sender.

+++ Merkel übt Druck auf Mubarak aus +++

[16.20] Kanzlerin Angela Merkel hat Ägyptens Präsident Mubarak aufgefordert, friedliche Demonstrationen zuzulassen und die Attacken zu beenden. Sie habe ihm am Telefon gesagt, dass er für die Sicherheit verantwortlich sei, sagte Merkel bei einer Pressekonferenz in Madrid. Mubarak müsse den Dialog mit den Regierungsgegnern sofort beginnen.

+++ "Wir werden zurückschlagen" +++

[16.13] Die Gegner des Regimes rüsten sich in Kairo für neue Kämpfe, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer. Aus einem zerstörten Lkw, der an der Straße am Ägyptischen Museum steht, füllen sie Benzin in Plastikflaschen ab und bauen Molotow-Cocktails, die sie dutzendweise in Pappkartons abtransportieren. "Wir werden zurückschlagen", sagt einer der Männer an dem Tank, "sie werden den Platz nicht einnehmen".

+++ Ägyptische Journalistin berichtet von Propaganda +++

[16.07] Shahira Amin - frühere Mitarbeiterin des ägyptischen Staatsfernsehens, die zur Opposition übergelaufen ist - erklärt gegenüber BBC, sie habe sich nicht länger in der Lage gesehen, die Realität zu unterschlagen. "Wir haben die ganze Zeit die Pro-Mubarak-Demos gezeigt, als ob dies das einzige wäre", sagte die Journalistin Shahira Amin. Ich durfte nicht zeigen, was auf dem Tahrir-Platz passiert - und nicht einmal die wahren Zahlen nennen." Nun, nach ihrer Kündigung, fühle sie sich erleichtert.

+++ Mubarak-Anhänger stürmen Hotels +++

[16.06] Laut dem Fernsehsender al-Arabija stürmen Anhänger Mubaraks Hotels in Kairo und machen Jagd auf Journalisten. Zahlreiche Warnungen werden per Twitter verschickt.

+++ Molotow-Cocktails und Gewehrfeuer +++

[16.01] Langsam wird es dunkel über Kairo, und die Situation spitzt sich zu, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer. Oppositionelle haben den ersten Molotow-Cocktail in Richtung ihrer Gegner geworfen. Die Szenerie am Ägyptischen Museum gleicht einem Bürgerkrieg, mehrere Barrikaden mit ausgebrannten Autos versperren die Straße neben dem Museum, darauf stehen teils Vermummte mit Steinen und Flaschen mit Benzin. Hinter der Barrikade ist dumpfes Gewehrfeuer zu hören.

+++ Demonstranten ignorieren Ausgangssperre +++

[16.00] Die Ausgangssperre tritt in Kraft. Doch die Protestler auf dem Tahrir-Platz gehen nicht.

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proximus1977 03.02.2011
1. Teuflischer Schachzug....
...des im Sterben liegenden Regimes, ihre Sicherheits- und Geheimdienstkräfte in Räuberzivil schlüpfen zu lassen und eine Eskalation der friedlichen Proteste zu bewirken. Ein Armutszeugnis das dieses doch sehr offensichtliche Vorgehen eines Diktators nicht von den Medien erkannt wird. Der ägyptische Diktator war im Hintergrund sehr aktiv die letzten Tage. Das Militär hat er teilweise wieder auf seine Seite (nach wahrscheinlich großzügigen Zuwendungen an entsprechende Schlüsselpositionen - eine naheliegende Vermutung) und seine Sicherheitskräfte hat er in Form von (angeblichen) Regierungssympatisanten in die Stadt zurückkehren lassen um dort für eine Eskalation der Lage zu sorgen mit größstmöglichsten Chaos um die Legitimation der Demonstration in Frage zu stellen somit für drastischere Maßnahmen und strikteres Vorgehen moralisch und international verantworten zu können. Wie gesagt...sehr, sehr clever der alte Diktator. ;( Mein Resümee...Umsturz ade in Ägypten. Die internationalen Verbündeten werden diese Entwicklung nicht gerade bedauern. Im Gegenteil...ein Unterstützung einiger westlicher Geheimdienste (ohne Staaten nennen zu wollen) halte ich sogar für gut möglich.
loetilein 03.02.2011
2. Chapeau
Meine ganze Bewunderung gilt dem Ägyptischen Volk. Ihr Mut und die Etschlossenheit ist zu bewundern. Gleichzeitig wird die ganze Verlogenheit und das gefasel von "freiheitlichen Demokratien" als blanke Hülse entlarft. Leider mußte es in Kairo zur Gewalt kommen, es ist die einzigste Sprache, welche von Politilern weltw3eit verstanden wird, und somit alternativlos. Von Ägypten lernen heißt siegen.
sir.viver 03.02.2011
3. Live ticker sieht anders aus
Zitat von sysopIn der Nacht ist die Gewalt in Kairo wieder eskaliert: Anhänger von Präsident Mubarak schossen auf Demonstranten, laut al-Dschasira wurden mindestens fünf Menschen getötet. Trotzdem strömen wieder Hunderte auf den Platz der Befreiung. Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743250,00.html
Auf MSNBC MSN wurde die News schon vor Stunden gebracht http://www.msnbc.msn.com/id/41399519/ns/world_news-mideastn_africa/?gt1=43001
kundennummer 03.02.2011
4. Gehn wie ein Eeegypteer
Hoffentlich auch bald anderswo. Das tosende Schweigen von grün-links zum Befreiungskampf der Ägypter spricht für sich. Wo weilen denn die sonst unvermeidbaren Spitzengrünen Claudia/Cem oder "der Frank-Walter" oder der linke NOTAR Gysi? Gefällt wohl nicht wenn es ein sozusagen unparteiischer Umsturz ist. Das Links-Rechts-Spektakel hat in Dtl. eben genauso fertig wie in den USA.
Dirk Ahlbrecht, 03.02.2011
5. ...
Zitat von loetileinMeine ganze Bewunderung gilt dem Ägyptischen Volk. Ihr Mut und die Etschlossenheit ist zu bewundern. Gleichzeitig wird die ganze Verlogenheit und das gefasel von "freiheitlichen Demokratien" als blanke Hülse entlarft. Leider mußte es in Kairo zur Gewalt kommen, es ist die einzigste Sprache, welche von Politilern weltw3eit verstanden wird, und somit alternativlos. Von Ägypten lernen heißt siegen.
Na, loetilein, da werfen Sie doch einiges durcheinander - dies wohl mit Absicht. Freiheitliche Demokratien gibt es, dies hat aber mit Ägypten aktuell nichts zu tun. Ägypten, und dies wäre sehr schön, will sich auf den Weg dorthin machen. Das dieser Weg beschwerlich und bisweilen gefährlich ist, sehen wir gerade in Ägypten.
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