Mursi-Sturz in Ägypten Die Tränen der Muslimbrüder

In Kairos Stadtteil Nasr City harren die Muslimbrüder aus. Sie müssen zusehen, wie die Armee die Hauptstadt übernimmt. Sie sind entsetzt, dass ihr Präsident abgesetzt wird. Doch mit Mursis Sturz wollen sie sich nicht abfinden.

Aus Kairo berichtet


Kairo/Hamburg - Die Kolonne ist einen halben Kilometer lang: Beigefarbene Lkw, auf deren Ladeflächen sich Soldaten drängen. Panzerwagen mit offenen Luken, in denen Schützen an Maschinengewehren stehen. Jeeps, zu rollenden Gefängnissen umgebaute Transporter. Es sind Hunderte Soldaten, die um 19.30 Uhr durch Kairo rollen.

Die Makram-Straße, auf der die Infanterieeinheit fährt, führt direkt zur Raaba-al-Adawija-Moschee in Nasr City. Dort hatten sich Tausende Anhänger des zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Präsidenten Mohammed Mursi versammelt. Soldaten, die bereits unweit des Treffpunkts der Muslimbrüder Stellung bezogen hatten, drängten diejenigen zur Eile, die versuchten, die abgeriegelte Zone zu verlassen. "In den Seitenstraßen warten schon die Panzer, beeilt euch."

Am Mittwochnachmittag hatten sich die beiden verfeindeten politischen Lager Ägyptens in einigen Kilometern Entfernung voneinander versammelt. Auf dem Tahrir-Platz im Stadtzentrum feiert eine riesige Menschenmenge ihrem Sieg entgegen. Seitdem die ägyptischen Streitkräfte Präsident Mursi am Montag ein 48-Stunden-Ultimatum für eine totale Kehrtwende gesetzt haben, weiß die Opposition am Nil, dass sie gewonnen hat.

Die Muslimbrüder haben 85 Jahre Oppositionserfahrung

In Nasr City hingegen ist man noch lange nicht bereit, die sich abzeichnende, vernichtende Niederlage der Muslimbrüder hinzunehmen. Minuten bevor das Ultimatum am Nachmittag ausläuft, machen sich vor der Rabaa-Moschee Hunderte bereit, für ihren Präsidenten in den Kampf zu ziehen. Mit Knüppeln bewaffnet nehmen sie mit finsterer Miene letzte Anweisungen in Empfang. Das Wort "Schahid", Märtyrer, ist in aller Munde.

Auch wenn sie trotzigen Optimismus an den Tag legen: Mursis Leute wissen, dass der Tag böse enden könnte. Was ihre Gegner dabei nicht einzukalkulieren scheinen, ist, dass die Muslimbrüder eine schier unendliche Leidensfähigkeit haben. Knast, Folter, Untergrund: Die Brüder haben 85 Jahre Erfahrung darin, der Staatsmacht zu widerstehen.

Doch erst einmal lassen die Generäle die Frist verstreichen. Nach ein, zwei Stunden haben auch die ganz hochmotivierten Milizionäre ihre Knüppel zur Seite und die Stirn in Sorgenfalten gelegt und trinken im Schatten Tee. Der Besitzer eines Blumenladens hat seinen alten Fernseher rausgestellt.

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Militärputsch in Ägypten: Panzer und Soldaten auf den Straßen
Die Stimmung ist angespannt, aber nicht mehr so aggressiv wie noch Stunden zuvor. Trotzdem artet ein Streit um die Fernbedienung aus. Warum den Brüdersender Ägypten 25 gucken, wettert ein Mann. "Da sehen wir uns doch nur selbst." Tatsächlich sendet der Kanal eine Live-Übertragung der Demo - die Islamisten sind bis zum bitteren Ende gnadenlos selbstbezogen. Nur wer ein Smartphone hat, weiß, was wirklich los ist: Mursi und die Führer der Bruderschaft sind mit Ausreisesperren belegt, die Armee rückt aus den Kasernen aus. Journalisten twittern Bilder, die zeigen, wie Soldaten die Nilbrücken besetzt haben. "Tu das Telefon weg", wispert ein Mann, der die Reaktion der Umstehenden fürchtet.

Dann reißt ein Ruf die Männer aus dem Schatten: Die Armeehubschrauber kreisen wieder. Die Armee hat sich auf die Seite der Millionen Mursi-Gegner geschlagen. Was Mursis Anhängern nach dieser Nacht bleibt, ist ungewiss. Schon wird von einem drohenden Schauprozess gesprochen.

Das Militär schaltet TV-Sender der Muslimbrüder ab

Doch um die Muslimbrüder wieder in den Untergrund zu treiben, in dem sie Jahrzehnte überlebt haben, bräuchte es Mittel, die eine Demokratie sich nicht erlauben sollte.

Zwei Stunden nachdem Ägyptens Sonne über Mursis Anhängern und Gegnern untergegangen ist, werden die Fernsehkanäle für die Ansprache des Armeechefs gleichgeschaltet. Abd al-Fattah al-Sisi erklärt Mursi für abgesetzt und erläutert das weitere Prozedere: Der Oberste Richter des Verfassungsgerichts wird das Land bis auf weiteres führen. Das Gericht soll nun ein neues Wahlgesetz erarbeiten. Einen genauen Zeitplan bleibt der Verteidigungsminister schuldig.

Was Sisi auch nicht sagt, ist, dass er damit ein Experiment beendet, in das mehr als die Hälfte der Ägypter vor nur einem Jahr ihre Hoffnungen gelegt hatte. Und er hat auch keine Antwort auf die Frage, die im ohrenbetäubenden Freudentaumel auf dem Tahrir-Platz untergeht: Gab es eigentlich jemals einen Militärputsch mit Happy End?

Direkt nach der Übertragung von Sisis Ansprache wurden die islamischen TV-Sender Ägyptens abgeschaltet, auch der Bildschirm von Ägypten 25 ist fortan schwarz. Ein sehr schlechter Auftakt für die von Sisi angekündigte "nationale Versöhnung".



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Haywood Ublomey 03.07.2013
1. "Gab es eigentlich jemals einen Militärputsch mit Happy End?"
Ja: 1974 in Portugal. Das ist aber auch das einzige Beispiel, das mir einfällt, und mit Ägypten nicht zu vergleichen. Hier wurde eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt, mochte sie auch noch so schlecht sein.
RogerT 04.07.2013
2. Die Moslembrüder
Zitat von sysopREUTERSIn Kairos Stadtteil Nasr City harren die Muslimbrüder aus. Sie müssen zusehen, wie die Armee die Hauptstadt übernimmt. Sie sind entsetzt, dass ihr Präsident abgesetzt wird. Doch mit Mursis Sturz wollen sie sich nicht abfinden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/protokoll-des-putsches-gegen-aegyptens-praesident-mohammed-mursi-a-909331.html
Die Moslembrüder in Ägypten sind extrem gewaltbereit und auch entsprechend bewaffnet. Hier ist jetzt sehr stark der Scheich Ahmed al-Tajeb als geistliches Oberhaupt des Islam in Ägypten gefragt. Er ist recht vernünftig und lehnt Gewalt ab, wenn die nicht auf den hören, wird es noch einige Tote geben... Leider ist das zu befürchten, denn der Islam ist bei diesen Leuten nur Mittel zum Zweck, die Gegner sind auch alles Islamisten - die koptischen Christen wagen sich doch seit Tagen schon nicht mehr aus ihren Häusern.
denkmalnach2 04.07.2013
3. Ein sehr schlechter Auftakt für die von Sisi angekündigte nationale Versöhnung?
.. ist das Abschalten der Islamistensender nicht. Das kann nur jemand behaupten, der diese Sender noch nie gesehen hat. Hier wird permanent gegen Andersdenkende/-gläubige gehetzt. Solche Sender würden auch in einer westlichen Demokratie wegen Volksverhetzung sofort geschlossen und die Macher vor Gericht gestellt werden. Daher: BRAVO Sissi!
mikefuerbass 04.07.2013
4. GUt gemacht - Viel Glück für die freiheitlichen Kräfte
Die ägyptische Armee hat gezeigt, wie man einen friedlichen Putsch durchführt - wenn man s denn überhaupt so nennen darf, denn letztlich hat sich die Armee auf die Mehrheit der Bevölkerung gestellt. Sie versuchen, die Fehler, die begangen wurden, zu korrigieren und stützen sich auf ein breites Bündnis. Gut so, es zeigt, dass auch in einem Land mit Muslimen nicht mehr autokratisch regiert werden kann.
ReichertRo 04.07.2013
5. Revolutionen
waren schon immer blutig und haben selten zu dauerhaften Lösungen geführt. Das Christentum hat den langen und kriegerischen Weg zur Säkularisation hinter sich und erzeugt dennoch genügend Friktion in unserer Gesellschaft. ohne eine weitreichende Reform des Islams ist der islamische Lebensraum dazu verurteilt den Erneuerungsprozess so lange schmerzhaft in kleinen Schritten zu iterieren, bis eine hinreichende Annäherung an den Rest der Welt erreicht ist.
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