Provinz-Wahlkampf Obama umgarnt sein Volk

Der mächtigste Mann der Welt geht auf Kuschelkurs zur Basis. Offiziell wirbt Barack Obama in Amerikas Südstaaten für seinen Job-Plan, doch in Wahrheit geht es um mehr: Der US-Präsident kämpft in der Provinz um sein politisches Überleben - der brillante Rhetoriker ist zurück.

Aus Virginia berichten und (Video)


Barack Obama braucht jetzt dringend Verbündete. Und in der Hauptstadt wird er die nicht finden, so viel ist klar. Da blockieren die Republikaner seine Gesetze im Parlament; da bekämpft ihn unerbittlich die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung.

Obama ist ein isolierter Präsident. Seine Macht schwindet, die Wirtschaft schwächelt, seine Umfragewerte sind mies. In gut einem Jahr wird gewählt. Soll seine Präsidentschaft dann schon vorüber sein? Nach nur vier Jahren? Erst gefeiert wie der Messias, dann abgestürzt wie Jimmy Carter?

Über jenen demokratischen Präsidenten, der 1981 nach nur einer Amtszeit das Weiße Haus räumen musste, spotten sie bis heute. Schon geben sich die Republikaner trotz ihres clownesken Kandidatenfeldes siegessicher. Wer aus ihren Reihen am Ende auch immer antreten mag: Obama gilt ihnen als schlagbar. Obama ist wie Carter, sagen sie.

Der Präsident kämpft

Und der Präsident selbst? Offenbar hat er sich entschlossen, doch noch zu kämpfen. Jetzt. Seine Verbündeten sucht er nicht mehr in der Hauptstadt, sondern draußen auf dem Land: in Schulen oder Feuerwehrhäusern. Der Präsident und das Volk gegen die Blockierer in Washington. Das ist der Plan.

Also ran an die Leute. Der Präsident macht einen Roadtrip. Neulich war er schon im Mittleren Westen, jetzt geht es in die Südstaaten.

Szene I: Chesterfield County, Virginia, zwei Autostunden südlich der Hauptstadt. Die Feuerwache Nummer 9, ein chromblitzender Pumpenwagen, riesige US-Fahne, nicht mehr als 200 Zuhörer. Auftritt Obama.

Der Präsident umarmt einen Feuerwehrmann, krempelt sich die Ärmel hoch und stellt fest: "Es ist immer schön, ein paar Tage außerhalb Washingtons zu verbringen." Es gehe aber um mehr, "ich werde eure Hilfe brauchen". Obama wirbt für seinen "American Jobs Act". Ein Konjunkturpaket, das 450 Milliarden Dollar kosten und eine Million neuer Arbeitsplätze schaffen soll. "Amerika wiederaufbauen", sagt Obama. Er meint: Marode Straßen und Brücken instand setzen, Schulgebäude sanieren, Lehrer einstellen - und die Feuerwehrleute vor der Entlassung bewahren. "Yeah!", rufen sie in Feuerwache 9.

Direkter Druck vom Volk

In Washington haben die Republikaner bisher "No" gesagt. Aber deshalb ist Obama ja jetzt hier draußen. "Ich bin vor allem da, um euch zu bitten, dem Kongress mitzuteilen, dass das hier wichtig ist. Lasst es sie wissen, per Telefon, in einem Brief, einem Fax oder twittert - und erinnert die Kongressabgeordneten daran, was hier auf dem Spiel steht."

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Obama auf Tour: Charme-Offensive in den Südstaaten
Was auf dem Spielt steht - das ist keineswegs allein ein Konjunkturprogramm. Tatsächlich steht Obamas Präsidentschaft auf dem Spiel. Der Mann weiß: Wenn er noch gewinnen will, dann muss er die Stimmung so schnell wie möglich drehen, am besten noch in diesem Herbst. Und sollten im nächsten Jahr ein paar hunderttausend neue Jobs zu verzeichnen sein - für den Präsidenten könnte es das politische Überleben sichern.

Das wissen die Republikaner im Kongress natürlich auch. Deshalb stimmen sie ja nicht zu. Und genau deshalb versucht Obama, den Druck auf sie zu erhöhen. Druck direkt aus dem Volk.

Es ist eine ungewohnte Rolle für diesen Präsidenten, der im Reden stets brilliert, aber all die Hoffnungen des Wahlkampfes 2008 nie einlösen konnte. "Black Jesus", diesen Spitznamen hatten ihm seine Vertrauten damals verpasst. In der Regierung aber wirkt Obama zögerlich, nach Harmonie strebend. Er hat nach den Bush-Jahren versöhnen wollen; doch der Zeitgeist in Amerika steht auf Konfrontation.

"Obama zahlte immer wieder das Lösegeld"

So hat Obama in den letzten Monaten ein leichtes Ziel für die Tea Party abgegeben: Er setzte sich kaum zur Wehr. In der Schuldenkrise während des Sommers ließ er sich von den Republikanern dominieren. Unter den eigenen Anhängern hat sich Enttäuschung breitgemacht. Obama habe sich oft beschwert, die Republikaner nähmen Geiseln und verhielten sich wie Erpresser, kommentiert "Le Monde Diplomatique": "Aber er bezahlte immer wieder das Lösegeld, und manchmal legte er noch ein großzügiges Trinkgeld obendrauf. Gelegentlich bezahlte er sogar schon, bevor die Lösegeldforderung überhaupt auf dem Tisch lag."

Als Wahlkämpfer hatte Obama einen Neuanfang in fast allen Bereichen versprochen. Als Präsident hat er wenig verändert. Die USA führen Krieg in Afghanistan, das Gefangenenlager Guantanamo besteht weiterhin, der Kampf gegen den Klimawandel hat keine Priorität mehr, die Bankenregulierung ist zaghaft. Bushs Vizepräsident Dick Cheney sagte jüngst im SPIEGEL über Obama: "Die Politik, die seine Regierung umsetzt, ist besser als das, was ich nach seinem Wahlkampf erwartet hatte." Es ist ein vergiftetes Lob.

Szene II: Greensville County High School, Emporia, an der Grenze zu North Carolina. Die Turnhalle der Schule, 2500 Zuhörer. Die Nationalhymne verklingt, Auftritt Obama.

Der Präsident als Popstar. "O-Ba-Ma", skandieren die Alten, die Jungen kreischen, halten die Fotohandys in die Höhe. "Ich hab' entschieden, dass es mal Zeit war, aus Washington rauszugehen", sagt Obama wieder. "Yeah!", rufen sie im Publikum. Obama spricht über die harten Zeiten für viele Amerikaner ("Yeah, man!"), über den Lehrermangel ("Yeah!") und darüber, dass die Wirtschaftskrise nicht über Nacht gekommen ist, sondern sich über viele Jahre aufgebaut hat ("Yeah! That's right!"). Das ging gegen Bush.

"Ich bin der Präsident"

Und dann sagt Obama den entscheidenden Satz. Es ist seine Kampflinie, die er sich hier in der Provinz zurechtgelegt hat; die er hier testet: "Gestern haben mich einige gefragt, wieso ich traditionell republikanisch wählende Gegenden in North Carolina und Virginia besuche. Ich habe gesagt: Ich bin nicht der republikanische oder demokratische Präsident. Ich bin der Präsident."

"Yeah!", rufen sie. Langanhaltender Jubel. Der Satz zündet. Und Obama legt nach: "Das ist nicht der republikanische Jobs Act, das ist nicht der demokratische Jobs Act, das ist der American Jobs Act!" Jubel. Es müsse jetzt Schluss sein mit den politischen Spielchen - und jeder seinen gerechten Anteil leisten.

Womit der Präsident bei jenem Bestandteil seines Gesetzespakets ist, den die Republikaner am entschiedensten bekämpfen: Steuererhöhungen für die Bestverdienenden. "Das wird von den reichsten Leuten bezahlt, von Leuten wie mir", sagt Obama: "Ich kann das verkraften." Durch die Einbeziehung der eigenen Person vermeidet er die direkte Attacke auf Millionäre und Milliardäre - denn auch auf deren Spenden ist er im Wahlkampf angewiesen.

Die kapitalismuskritische Occupy-Wall-Street-Bewegung lässt Obama in Emporia unerwähnt und vermeidet Vorwürfe an die Finanzinstitute. Nur indirekt kritisiert sie der Präsident - indem er die Republikaner angreift: Die würden mit Abschaffung aller Regulierungen die Wall Street wieder genau das tun lassen, was zur Finanzkrise geführt habe. Bisher jedenfalls haben die Wall-Street-Leute trotz Verärgerung über den Obama-Kurs dem Präsidenten die Gunst nicht entzogen. Laut "Washington Post" hat er in diesem Jahr mehr Geld aus dem Banken- und Finanzsektor eingesammelt als irgendeiner der republikanischen Kandidaten.

Doch am Ende, im November 2012, entscheidet das Volk. Die Feuerwehrleute, die Lehrer, die Arbeiter. Obama und seine Berater, gerade wieder aus der Provinz nach Washington zurückgekehrt, warten jetzt erst einmal auf die nächsten Umfragen.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
riegsee 21.10.2011
1. war ja mal Obama Fan
Zitat von sysopDer mächtigste Mann der Welt geht auf Kuschelkurs zur Basis.*Offiziell wirbt Barack Obama in Amerikas Südstaaten für seinen Job-Plan, doch in Wahrheit geht es um mehr: Der US-Präsident kämpft in der Provinz um sein politisches Überleben - der brillante Rhetoriker ist zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793098,00.html
Aber leider hat er nicht - aber auch wirklich gar nichts - zustande gebracht. OK - er hat wenigstens keinen Mist gebaut wie seine Vorgänger. Wer nichts tut macht auch nichts falsch. Wäre heilfroh unsere Bundeskanzlerin würde auch gar nichts tun. Würde uns viele Milliarden sparen.
nahal, 21.10.2011
2. zieht kaum noch
Zitat von sysopDer mächtigste Mann der Welt geht auf Kuschelkurs zur Basis.*Offiziell wirbt Barack Obama in Amerikas Südstaaten für seinen Job-Plan, doch in Wahrheit geht es um mehr: Der US-Präsident kämpft in der Provinz um sein politisches Überleben - der brillante Rhetoriker ist zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793098,00.html
Die "brilliante Rethorik" zieht kaum noch. Der Präsident hat die Wahlen 2008 mit Versprechungen und Emotionen gewonnen. Daraus ist nichts geworden, die Fakten kann er nicht mehr verschleiern. Was übrig bleibt, ist Schuldige für sein Versagen auszumachen. Obama und seine Berater haben Fakten anerkennen müssen: Wichtige Staaten (Ohio, Florida und sogar Pennsylvania) sind kaum noch zu gewinnen. Er MUSS Virginia, North Carolina, Nevada, Colorado und New Mexico gewinnen, sollte er noch eine Chance haben. Seine "rethorisch brilliante" Bus Tour ist zweischneidig: Viele Menschen nehmen ihm übel, dass er Wahlkampf führt, anstatt zu regieren.
mercator, 21.10.2011
3. .
Zitat von sysopDer mächtigste Mann der Welt geht auf Kuschelkurs zur Basis.*Offiziell wirbt Barack Obama in Amerikas Südstaaten für seinen Job-Plan, doch in Wahrheit geht es um mehr: Der US-Präsident kämpft in der Provinz um sein politisches Überleben - der brillante Rhetoriker ist zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793098,00.html
Der größte Windbeutel wäre wohl die zutreffendere Bezeichnung für Herrn Obama. Nichts von dem, was er mit zugegeben brillanter Rhetorik hinausposaunte, hat er erreicht: - Staatsschulden der USA -> höher als je zuvor - Bürgerrechte in USA -> McCarthy war ein Waisenknabe gegen Herrn Obama - Nahost Politik -> blasser gehts wohl kaum - Militärengagements der USA -> Herr Bush könnte noch von ihm lernen - Umgang mit der bizarren Tea-Party -> welcher Umgang ??? Aber immer schön mit ausgestrecktem Zeigefinger auf andere zeigen - insbesondere Europa - *tststs* - Politik, insbesondere erfolgreiche Politik geht anders. Machen wir uns nichts vor: Herr Obama ist ein Versager auf der ganzen Linie - und er hat maßgeblich dazu beigetragen, daß die Demokratische Partei in den USA, obwohl die auch gute Köpfe haben, auf lange Zeit beschädigt wurde und was noch schlimmer ist: dank ihm sind so bizarre Gruppen wie die Tea-Party Bewegung im Aufwind .,... Setzen ! 6 !
Maya2003 21.10.2011
4. The Show Must Go On
Zitat von sysopDer mächtigste Mann der Welt geht auf Kuschelkurs zur Basis.*Offiziell wirbt Barack Obama in Amerikas Südstaaten für seinen Job-Plan, doch in Wahrheit geht es um mehr: Der US-Präsident kämpft in der Provinz um sein politisches Überleben - der brillante Rhetoriker ist zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793098,00.html
Was machts. Dem oder Rep - wer die Interessen der Eliten bedient ist am Ende egal. Der US Wahlkamp ist schon seit Jahrzehnten nur noch eine gigantische Hollywood Show - mit Milliardenkosten.
Hubert Rudnick, 21.10.2011
5. Barak Obama
Zitat von sysopDer mächtigste Mann der Welt geht auf Kuschelkurs zur Basis.*Offiziell wirbt Barack Obama in Amerikas Südstaaten für seinen Job-Plan, doch in Wahrheit geht es um mehr: Der US-Präsident kämpft in der Provinz um sein politisches Überleben - der brillante Rhetoriker ist zurück. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793098,00.html
All die Hoffnung die die Amerikaner und die ganze Welt auf ihm gesetzt hatte konnte er nicht erfüllen. Dieser Mann als Präsident der USA ist eine Fehlbesetzung gewesen. Er hatte zwar immer gute Ansätze formuliert, aber war zu schwach sie auch durchzusetzen, er ist eine sehr große Enttäuschung für alle. "Yes we can" waren seine Schlagwörter, aber man muss sich fragen, was konnte er wirklich? Auch jetzt, wo die USA in ihrer schlimmsten Krise sind, da zeigt er sich als unfähig und handelt sehr unüberlegt. Die Schulden wachsen den Amerikanern und viele andere Länder über den Kopf und er will nach wie vor weiter Schulden machen um aus dieser Krise zu kommen. Man sollte eben nicht Vorschußlorbeeren austeilen, abergerechtnet wird am Schluß. HR
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