Provokateur, nein danke Briten verbieten Wilders die Einreise

Der niederländische Islamkritiker Geert Wilders sorgte erneut für Furore: Wegen seiner radikalen Ansichten durfte er nicht nach Großbritannien reisen. In seiner Heimat spricht man von einem Affront - Wilders ist immerhin Parlamentarier.

Von Christian Wiesel


Hamburg - Eigentlich wollte er Mitgliedern des britischen Oberhauses seinen islamkritischen Film "Fitna" zeigen und mit ihnen über Meinungsfreiheit diskutieren. Doch Geert Wilders kam lediglich bis zum Londoner Flughafen Heathrow. Dort nahmen ihn Zollbeamte in Gewahrsam und teilten ihm mit, dass er nicht willkommen sei und abgeschoben werde. Unverrichteter Dinge musste Wilders zurück in die Niederlande.

Wilders vor seinem Abflug auf dem Airport Amsterdam: Einreise gescheitert
AFP

Wilders vor seinem Abflug auf dem Airport Amsterdam: Einreise gescheitert

Das britische Innenministerium hatte ihm zuvor die Einreise verboten. Begründung: Der niederländische Rechtspopulist sei eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Wilders war am Donnerstagnachmittag mit den Worten "wir werden ja sehen, was passiert" trotzdem losgeflogen.

Insgeheim hatte er wohl auf ein Einknicken der britischen Behörden gehofft. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown bezeichnete er als "größten Feigling in Europa".

Immer wieder hat die britische Regierung in der Vergangenheit Ausländern die Einreise verweigert, wenn sie nach ihrer Ansicht "eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit" darstellen. Nach Angaben der britischen Rundfunkanstalt "BBC" durften seit dem Jahr 2005 aus diesem Grund rund 230 Personen nicht auf die Insel reisen. Davon betroffen waren zum Beispiel der islamische Rechtsgelehrte Yusuf al-Qaradawi oder der US-Rapper Snoop Dogg.

2005 hatte der damalige britische Premier Tony Blair eine Neuregelung durchgesetzt, wonach Extremisten, Neonazis und radikalen Tierschützern der Zutritt zu britischem Territorium verweigert werden darf.

Doch Wilders ist weder Rapper noch Islamgelehrter - sondern Abgeordneter eines europäischen Parlaments. Dementsprechend groß war in den Niederlanden die Empörung. Bis zuletzt hatte der niederländische Außenminister Maxime Verhagen scharf bei seinem britischen Kollegen David Miliband gegen das Einreiseverbot protestiert - letztendlich ohne Erfolg.

Steile Karriere eines Politikers, der polarisiert

Wilders politische Ansichten sind schlichtweg sui generis: Er bezeichnet den Islam als gewalttätige und faschistische Ideologie oder vergleicht den Koran mit Hitlers "Mein Kampf", will die Burka und neue Moscheen verbieten lassen. Die Heimat der Menschen, denen seine Anfeindungen gelten, kennt er dabei aus eigener Anschauung. Bis Ende der neunziger Jahre reiste er mehrfach in den Orient. Unter anderem war er zu Besuch in Iran, Syrien oder Jordanien.

Wilders ist gelernter Sozialversicherungsfachmann, arbeitete sich hoch zum Politiker. 1998 zog er als Abgeordneter der Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) ins niederländische Parlament ein. Sechs Jahre später kam der Bruch mit der VVD, Wilders bildete eine Einmannfraktion. Im Jahr 2006 entstand daraus die Partei für die Freiheit (PVV). Bei Parlamentswahlen im gleichen Jahr konnte sie auf Anhieb neun Mandate gewinnen. Wilders gilt als einer der rhetorisch versiertesten Abgeordneten im niederländischen Parlament, im Jahr 2007 war er von Journalisten zum Politiker des Jahres gekürt worden. Weite Teile der Niederländer schätzen seine derben Ansichten: Wären jetzt Parlamentswahlen, würde seine Partei laut einer aktuellen Umfrage 13 Prozent der Stimmen bekommen.

Der Kurzfilm "Fitna" heizte die Debatte erneut an

Der vorläufige Höhepunkt der Anfeindungen war Wilders' islamfeindlicher Kurzfilm "Fitna", den er vergangenes Jahr im März auf der Internet-Seite Liveleak veröffentlichte. Der Streifen sei "die letzte Warnung an den Westen, ob wir die Freiheit an unsere Kinder weitergeben oder ob wir unsere Freiheit im multikulturellen Morast versinken lassen", orakelte er damals. Kurz darauf mussten die Betreiber wegen massiver Morddrohungen gegen Mitarbeiter den Film auf der Seite löschen. Fernsehanstalten hatten sich zuvor stets geweigert, ihn auszustrahlen. Der niederländische Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende, mehrere Regierungsmitglieder, Polizisten und Geheimdienstler hatten Wilders gebeten, ihn nicht zu veröffentlichen. Sicherheitskräfte fürchteten weltweit Gewaltakte gegen niederländische Unternehmen, Botschaften und Staatsangehörige.

Wilders 15-minütiges Werk stürzte die niederländische politische Elite in ein Dilemma. Sie verachtet seine Pauschalisierungen, mit denen er alle Muslime in die Nähe von Terroristen rückt, doch ein Verbot des Films bedeutet einen harschen Verstoß gegen das hehre Gut der politischen Meinungsfreiheit. Exakt dieser Grundkonflikt polarisiert die Niederlande: Meinungsfreiheit oder Verbot der Hetze gegen Muslime? Immer wieder zog es Vertreter der jeweiligen Position zu Demonstrationen auf die Straße.

Für seine Hatz gegen Muslime muss Wilders einen hohen Preis zahlen: Er steht unter permanentem Personenschutz, Bodyguards folgen ihm auf Schritt und Tritt. "Wenn ich auf der Toilette bin", erzählte Wilders einmal, "stehen sie hinter der Tür". Jede Nacht schläft er in einer anderen Wohnung, manchmal sogar in Kasernen des Militärs. Seine Frau kann er nur alle ein bis zwei Wochen sehen.

Dieser Zustand dauert schon seit Herbst 2004 an. Damals erstach ein aus Marokko stammender Mann den islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam. An der Mordwaffe hing ein Brief, in dem der Täter auch der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali den Tod wünscht. In der Wohnung des Attentäters findet die Polizei ein weiteres Schreiben - mit dem Namen Geert Wilders.

Mit Material von dpa und AFP



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