Prozess in Afghanistan Papst bittet um das Leben von Abdul Rahman

Papst Benedikt hat den afghanischen Präsidenten Karzai persönlich um Gnade für den zum Christentum übergetretenen Abdul Rahman gebeten. Wegen seiner Abkehr vom Islam droht dem Mann in Afghanistan die Todesstrafe. Die Antwort auf das römische Gnadengesuch lässt hoffen.


Rom/Kabul - Das Oberhaupt der Katholischen Kirche habe sich schriftlich an den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai gewandt, berichtet heute die italienische Nachrichtenagentur Ansa. In einem von seinem Staatssekretär, Kardinal Angelo Sodano, übermittelten Brief habe Benedikt XVI. in den vergangenen Tagen auf die in der afghanischen Verfassung verankerten Menschenrechte verwiesen.

Papst Benedikt XVI.: Schriftlicher Verweis auf die Menschenrechte
DPA

Papst Benedikt XVI.: Schriftlicher Verweis auf die Menschenrechte

Vor dem Vatikan hatten sich bereits Regierungsmitglieder unter anderem aus Deutschland, den USA und Kanada für Rahman eingesetzt. Gestern hatte ein hoher afghanischer Regierungsbeamter gesagt, Rahman werde "wahrscheinlich bald freikommen".

Ein hochrangiger afghanischer Regierungsbeamter versicherte dem Vatikan, Karzai setze sich persönlich für den 41-jährigen Angeklagten ein. "Der Präsident arbeitet persönlich an einer friedlichen Lösung", sagte er in Kabul. Karzai habe sich mit mehreren Verantwortlichen beraten. Möglicherweise komme Rahman morgen frei. Nach Angaben der kanadischen Regierung hat Karzai bereits zugesichert, dass Rahman nicht hingerichtet werde.

Tatsächlich bemühte sich Hamid Karzai den ganzen Tag lang in Kabul um eine einvernehmliche Lösung. Zuerst trat am frühen Morgen im Präsidentenpalast das Kabinett zu einer Sondersitzung zusammen, um über den Fall zu beraten. Alle Verhandlungen sollten jedoch nicht an die Öffentlichkeit dringen, da Karzai bei einer möglichen Einmischung in den Fall gewalttätige Proteste befürchten muss. Ein hochrangiger Beamter aus dem Palast gab nach dem Treffen jedoch zu erkennen, dass man noch keine Lösung gefunden habe.

Am Nachmittag dann kamen erneut mehrere Verantwortliche in der Affäre um Abdul Rahman mit Präsident Karzai zusammen, darunter Vertreter des afghanischen Justiz- und Religionsministeriums wie Richter des obersten afghanischen Gerichts. Wie zuvor aber ging auch diese Runde ohne eine konkrete Lösung wieder auseinander. Es wurde lediglich wiederholt, dass sich Karzai weiterhin intensiv um den Fall kümmern wolle.

Entscheidend für die hektischen Aktivitäten des Präsidenten waren vor allem die deutlichen Worte aus Washington. Westliche Diplomaten in Kabul betonten, die USA würden "auf allen Kanälen" mit einem Ende der wirtschaftlichen, aber auch der militärischen Unterstützung drohen, falls der zum Christentum konvertierte Afghane tatsächlich hingerichtet werde. Auch von mehreren europäischen Ländern sei Karzai ähnlich explizit gedroht worden, so ein Diplomat.

Besonders die militärischen Hilfen der USA sind ein zentraler Punkt in dem instabilen politischen System Afghanistans. Ohne die gefährlichen Missionen der US-Armee im Süden des Landes gegen die wieder erstarkten Taliban würden diese die Region sehr schnell wieder übernehmen, fürchten Militär-Analysten. Besonders in den vergangenen Wochen war es dort, vornehmlich in der Region Helmand, zu fast täglichen Angriffen der US-Armee auf Taliban-Nester gekommen.

Rahman, der neun Jahre in Deutschland gelebt hatte und 2002 nach Afghanistan zurückgekehrt war, steht in seiner Heimat wegen Abfalls vom Glauben vor Gericht. Nach den Landesgesetzen droht ihm die Todesstrafe, weil er vor 16 Jahren vom Islam zum Christentum konvertierte.

Ein afghanischer Regierungsvertreter, der anonymen bleiben wollte, sagte, bei der Lösung des Problems müssten internationale Erwartungen und Erwartungen des afghanischen Volks zusammengebracht werden. Das Gerichtsverfahren gilt als sensibles Thema in Afghanistan, da das Land beim Wiederaufbau sowie im Kampf gegen die extremistischen Taliban-Rebellen auf ausländische Hilfe angewiesen ist. Die Konservativen im Land wollen indes den Islam strenger auslegen.

Der afghanische Wirtschaftsminister hatte in einem Interview erklärt, Rahman könnte in die Psychiatrie eingewiesen werden, da er nicht im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte sei. Damit würde er der Todesstrafe entgehen.

Matthias Gebauer, Kabul/kaz/AFP/Reuters



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