Prozess in Den Haag Karadzic bezeichnet Völkermord als "Mythos"
Fernsehbild von Radovan Karadzic: "Kaltblütig und verlogen"
Foto: HO/ AFPDen Haag - Vor fast 15 Jahren ermordeten fanatisierte Serben in Srebrenica im Osten Bosniens Tausende Menschen. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Leichen wurden später in Massengräbern gefunden. Einer der Hauptverantwortlichen: Radovan Karadzic. Er muss sich für dieses und weitere Verbrechen vor dem Uno-Tribunal in Den Haag verantworten - und leugnet, dass der Völkermord jemals stattgefunden hat.
Es sei ein fabrizierter "Mythos", dass die muslimischen Bosnier damals von serbischen Truppen ermordet wurden, behauptete Karadzic am Dienstag. Er war zu dieser Zeit Präsident der bosnischen Serbenrepublik. Alle Berichte über Massenmorde an Muslimen in der Region Srebrenica seien "maßlos übertrieben" und beruhten auf unbewiesenen Behauptungen. Die Kriegsgräuel seinen von Muslimen "inszeniert" worden als Teil einer "schmutzigen Kampagne".
Tatsächlich eroberten bosnisch-serbische Truppen im Sommer 1995 die von Muslimen bewohnte Enklave. Ein kleines Kontingent niederländischer Blauhelmsoldaten überließ die Uno-Schutzzone den Angreifern kampflos. Wenige Tage später wurden rund 8000 überwiegend männliche Muslime von den Serben abgeführt, erschossen und in Massengräbern verscharrt, wie spätere Untersuchungen ergaben.
Angehörige von Opfern äußerten sich entsetzt über das Auftreten von Karadzic, das sie "kaltblütig und verlogen" nannten. Angehörige von Opferverbänden wie der Gruppe "Mütter von Srebrenica" protestierten vor dem Gerichtsgebäude in Den Haag. "Wir sind schockiert von seinen Lügen", sagte Nora Degovic aus Srebrenica, die nach eigenen Angaben 16 Familienmitglieder verloren hat. Als einer der Hauptverantwortlichen für den Tod von etwa 100.000 Menschen während des Bosnienkrieges sei Karadzic nicht einmal bereit, die Opfer zu bedauern, und zeige keinerlei Reue.
Karadzic ist vor dem Uno-Tribunal wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in elf Fällen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem damaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik vor, neben dem immer noch flüchtigen serbischen General Ratko Mladic die Hauptverantwortung für das Massaker von Srebrenica zu tragen. Mit einer ausführlichen Darstellung der serbischen Haltung zum Bosnien-Krieg schloss Karadzic am Dienstag seine Verteidigungsrede ab. Am Montag hatte er den bosnischen Muslimen die Schuld am Balkankrieg und am Tod Zehntausender Menschen gegeben. Auch Deutschland sei mitverantwortlich für den Konflikt.
Der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon erklärte im Anschluss an die Verteidigungsrede von Karadzic, er habe dessen Antrag stattgegeben, zunächst eine Entscheidung der Berufungskammer des Tribunals abzuwarten. Karadzic hatte bei der Kammer Beschwerde dagegen eingelegt, dass sein Antrag auf Vertagung des Prozesses abgewiesen worden war. Der Angeklagte verlangt mehr Zeit für die Vorbereitung auf die Anhörung von Zeugen der Staatsanwaltschaft und will, dass das Verfahren erst im Juni fortgesetzt wird.
Mit der Zeugenvernehmung sollte am Mittwoch begonnen werden. Der Richter erklärte, er hoffe, dass die Entscheidung der Berufungskammer bald vorliegen werde. O-Gon Kwon drückte den Zeugen sein Bedauern aus, die bereits aus Bosnien nach Den Haag gereist waren und nun wieder zurückkehren müssten.
Der Prozess, der am 26. Oktober 2009 mehr als ein Jahr nach der Festnahme von Karadzic begann, verzögert sich immer wieder durch Verfahrensanträge des Angeklagten. Die Eröffnung der Hauptverhandlung mit der Verlesung der Anklage hatte Karadzic boykottiert. Auch jetzt hatte er wieder mit einem Boykott gedroht, falls die Zeugenvernehmung trotz seines Antrag auf Verschiebung beginnen sollte.
Spaniens Polizei nimmt serbischen Kriegsverbrecher fest
Am Dienstag hat die spanische Polizei bekanntgegeben, dass sie einen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher festgenommen hat. Die Ermittler teilten mit, dass es sich dabei um den 40 Jahre alten Veselin Vlahovic handelte, der einst ein Mitglied der nationalistischen serbischen SDS-Partei von Karadzic war. Ihm werden nach Angaben der spanischen Justiz Morde an über 100 Frauen und Kindern in Bosnien-Herzegowina in der Zeit von 1992 bis 1995 zur Last gelegt.
Vlahovic wurde in seiner Wohnung in der Kleinstadt Altea an der spanischen Mittelmeerküste gefasst. Er leistete den Beamten heftigen Widerstand und versuchte zu flüchten. Der Mann war nach dem Ende des Kriegs im früheren Jugoslawien zunächst unbehelligt geblieben, weil er nicht zu den meistgesuchten Kriegsverbrechern zählte. Aus diesem Grund wurde er auch nicht vom Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt.
Vlahovic alias "Batko" war 2000 in Montenegro wegen krimineller Vergehen zu einer Haftstrafe verurteilt worden, konnte aber 2001 aus dem Gefängnis flüchten und untertauchen. Nach Angaben der spanischen Justiz liegen gegen den Mann drei internationale Haftbefehle vor. In Spanien werden ihm mehrere Raubüberfälle und die Beteiligung an einer Schießerei in einem Bordell zur Last gelegt.
Streit zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina
Um die Person von Ejup Ganic hat zudem ein heftiger Streit zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina begonnen. Ganic war am Montag in London verhaftet worden. Die serbische Justizministerin Snezana Malovic beantragte die Auslieferung des ehemaligen Präsidenten der muslimisch-kroatischen Föderation in Bosnien-Herzegowina.
Serbien wirft ihm unter anderem vor, 1992 für einen Angriff auf einen jugoslawischen Militärkonvoi in Sarajevo verantwortlich gewesen zu sein, bei dem mehr als 40 Soldaten ums Leben kamen. Der 63-jährige Ganic wurde auf Ersuchen der serbischen Justiz bei der Ausreise auf dem Flughafen London-Heathrow festgenommen. Hingegen will die Regierung in Sarajevo die Freilassung Ganics gegen Kaution erreichen und hat dazu ein Team von Anwälten nach London geschickt.