Prozess in Den Haag Karadzic macht bosnische Muslime für Krieg verantwortlich

Radovan Karadzic hat sich erstmals vor dem Uno-Tribunal geäußert: Der wegen Völkermordes angeklagte ehemalige Serbenführer gab den bosnischen Muslimen die Schuld am Balkankrieg und am Tod Zehntausender Menschen. Auch Deutschland sei verantwortlich für den Konflikt.


Den Haag - Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic hat die Rolle der Serben im Bosnienkonflikt vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als Selbstverteidigung dargestellt - und den bosnischen Muslimen die Schuld für den Krieg gegeben: "Es gab niemals die Absicht, die Idee oder noch weniger einen Plan, um die Muslime und Kroaten zu vertreiben", sagte Karadzic am Montag bei der Wiederaufnahme des Prozesses. Bei dem Krieg sei es einzig um den Schutz "unserer Köpfe, unseres Eigentums und unserer Gebiete" gegangen. Die bosnischen Serben hätten "500 Jahre gelitten".

Die bosnischen Muslime "wollten 100 Prozent Kontrolle über Bosnien und das war die Hauptursache des Konflikts", sagte Karadzic. Muslimführer hätten die Serben in Bosnien-Herzegowina provoziert und zu deren Ermordung aufgerufen. Angesichts dessen hätten die Westmächte und auch der US-Sonderbeauftragte für den Balkan, Richard Holbrooke, versagt. Mehreren westlichen Staaten, darunter Deutschland und den USA, wies Karadzic eine Mitschuld an den Bürgerkriegen auf dem Balkan zu. Der Angeklagte äußerte sich nach monatelangen Verzögerungen seines Prozesses erstmals zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen.

Karadzic ist vor dem Uno-Tribunal wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in elf Fällen angeklagt. Er soll einer der Hauptverantwortlichen für den gewaltsamen Tod Zehntausender und für die Vertreibung von etwa zwei Millionen Menschen während des Bosnienkrieges sein. Vor allem wird ihm das Massaker an etwa 8000 Muslimen in der Uno-Schutzzone Srebrenica 1995 zur Last gelegt.

"Ich werde unsere Nation und ihre gerechte und heilige Sache verteidigen"

Neben vielen anderen westlichen Politikern habe damals auch US-Außenminister James Baker öffentlich eingeräumt, dass Bürgerkriege in Jugoslawien kaum vermeidbar seien, sagte Karadzic am Montag. Dieser Situation hätten sich die bosnischen Serben im Interesse ihrer eigenen Verteidigung stellen müssen, erklärte der frühere Präsident der bosnischen Serbenrepublik.

Als folgenschwer habe sich in diesem Zusammenhang die maßgeblich von Deutschland unterstützte "voreilige" Anerkennung der einst zu Jugoslawien gehörenden Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und Bosnien erwiesen. Das habe unter anderem der damalige niederländische Ministerpräsident Ruud Lubbers öffentlich eingeräumt. Einer der Beweggründe für Deutschland sei gewesen, dass es im Zweiten Weltkrieg mit den Kroaten verbündet war, behauptete Karadzic.

Zum Verhandlungsauftakt verkündete der ehemalige bosnische Serbenführer: "Ich werde unsere Nation und ihre gerechte und heilige Sache verteidigen", sagte der 64-Jährige, der auf nicht schuldig plädiert. "Auf diese Weise werde ich im Stande sein, mich ebenfalls zu verteidigen."

Festnahme nach 13 Jahren

Karadzic war im Juli 2008 nach 13 Jahren auf der Flucht in Belgrad gefasst worden. Den Beginn seines Prozesses im vergangenen Oktober hatte er boykottiert und dies unter anderem damit begründet, dass ihm nicht genug Zeit für das Aktenstudium gegeben worden sei. Karadzic wollte sich ursprünglich selbst verteidigen. Wegen des Boykotts entschied das Tribunal Anfang November, den Briten Richard Harvey zum Pflichtverteidiger zu berufen. Dagegen legte Karadzic vergeblich Widerspruch ein.

Staatsanwalt Alan Tieger hatte Karadzic bei der Eröffnung des Prozesses im Oktober vergangenen Jahres vorgeworfen, er habe "die Kräfte des Nationalismus, des Hasses und der Angst zielgerichtet eingesetzt, um seine Vision eines ethnisch geteilten Bosnien zu verwirklichen".

anr/dpa/AFP



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Seite 1
semir, 26.10.2009
1.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
SaT 26.10.2009
2.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
spontanous 26.10.2009
3.
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
Daniel Freuers, 26.10.2009
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
spontanous 26.10.2009
5.
Zitat von semirEr weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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