Hisbollah-Prozess in Zypern Schattenkrieg zwischen Israel und Iran

In Zypern wird ein Mitglied der Hisbollah angeklagt, einen Anschlag auf israelische Touristen geplant zu haben. Es ist ein Prozess, der auch den Konflikt zwischen Israel und Iran beleuchtet. Dabei kommen erstaunliche Einzelheiten zu Tage.
Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah: Schickt er seine Kämpfer nach Europa?

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah: Schickt er seine Kämpfer nach Europa?

Foto: AFP / Manar TV

Limassol - Es geht um Verrat, Verschwörung und Terrorismus in dem kleinen Gerichtssaal in Limassol auf Zypern - der Stoff, aus dem die ganz großen Thriller gemacht sind. Die Hauptrolle spielt der 24-jährige Hossam Taleb Yaacoub, ein schwedisch-libanesischer Doppelstaatsbürger. Doch wie Yaacoub sich in dieser Rolle wiederfand, dazu gibt es auch nach den ersten Prozesstagen mehr Fragen als Antworten.

Die Anklage lässt wenig Zweifel daran, dass sie den 24-Jährigen für einen internationalen Agenten der Hisbollah hält. Ihm wird vorgeworfen, für die libanesische Hisbollah-Organisation auf Zypern israelische Touristen ausgespäht zu haben, um ein Attentat vorzubereiten. Die ursprüngliche Anklage auf Terrorismus wurde aus ungeklärten Gründen wieder fallengelassen.

Gelingt es nachzuweisen, dass die libanesische Hisbollah einen Anschlag in Europa durchführen wollte, wäre dies eine Sensation. Israel schreibt der Gruppe seit 2008 mehrere internationale Attentatsversuche auf Israelis zu - von Thailand über Indien bis nach Kenia und Bulgarien. Bewiesen wurde bisher nichts.

Im Februar sagte zwar Bulgarien, es bestünde ein begründeter Verdacht, dass die Hisbollah hinter einem Anschlag in Burgas im Juli 2012 stecke. Die EU hat sich mangels hieb- und stichfester Beweise jedoch noch nicht dazu geäußert. Sie lehnt es unter anderem deswegen ab, die Hisbollah auf ihre Terrorliste zu setzen, obwohl die USA und Israel dies regelmäßig fordern.

Der 24-Jährige will internationaler Hisbollah-Bote gewesen sein

Der Angeklagte hat immerhin zugegeben, seit 2007 Mitglied der Hisbollah zu sein - ein Verrat an der eigentlich streng verschwiegenen Organisation. Yaacoub beteuert, er sei von der Hisbollah jedoch "nur dazu ausgebildet worden, den Libanon zu verteidigen", heißt es in einem Bericht der "New York Times". Wahrscheinlich hatte er ein paramilitärisches Trainingslager der Organisation besucht. Wie er es von dort zum international reisenden Hisbollah-Agenten schaffte, ist unklar. Die Organisation selbst hat sich zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Ein mysteriöser Unbekannter, der sich "Ayman" nennen ließ, soll Yaacoub für die Hisbollah nach Europa und in die Türkei geschickt haben. "Ich habe nie das Gesicht von Ayman gesehen, weil er immer eine Maske trug", sagt Yaacoub. Zu den gemeinsamen Treffen im Libanon sei er in einem Minibus abgeholt worden. Identifizieren musste sich Yaacoub per Codewort. Wie er mit dem Mann das erste Mal in Kontakt kam, ist noch offen.

Zuletzt soll Yaacoub als Händler im Libanon tätig gewesen sein. Schuhe habe er importiert und verkauft, sowie Kleidung und Hochzeitszubehör, sagte er. Er habe expandieren wollen und überlegt, in den Safthandel einzusteigen.

Immer neue Kurierdienste im Ausland habe Yaacoub von Ayman aufgetragen bekommen, mutmaßlich für die Hisbollah. Einmal sei er in die Türkei gereist. Dann sollte er ein paar Tüten im französischen Lyon abholen. Ein andermal brachte er ein Handy und zwei Sim-Karten eingewickelt in eine Zeitung vom Libanon nach Amsterdam. Und dann kam der Auftrag für Zypern.

In geheimer Mission nach Zypern

Ende Juni 2012 flog Yaacoub von Schweden über London nach Zypern. Ayman hatte ihm aufgetragen, zwei Orte auszuspähen: ein Hotel, in dem viele israelische Touristen unterkommen, und einen Parkplatz. Auch sollte er zwei zypriotische Sim-Karten einkaufen und die Adressen von ein paar Internetcafés in Limassol und Nicosia herausfinden. Für sein libanesisches Import-Geschäft habe er tausend Liter Saft eingekauft. Dann aber sei ihm aufgefallen, dass er keine Ahnung hatte, wie er den Saft in den Libanon bringen solle.

Am 7. Juli wurde Yaacoub auf Zypern verhaftet. Nach Berichten zypriotischer Zeitungen wurden die Behörden vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gewarnt, der junge Doppelstaatsbürger plane einen Anschlag auf israelische Touristen. Bei ihm fand sich ein kleines rotes Notizbuch. Darin hatte er die Kennzeichen von zwei Bussen notiert, die israelische Touristen transportieren sollten. Knapp zwei Wochen später explodierte eine Bombe neben einem Reisebus mit Israelis im bulgarischen Burgos.

Es bleibt abzuwarten, was der Prozess noch ans Licht bringt. Bisher bleiben die wichtigsten Fragen bei Yaacoubs Ausführungen offen: Wer schickte ihn ins Ausland? Wozu dienten seine internationalen Botengänge? Was will die Hisbollah im Ausland?

Mögliche internationale Hisbollah-Anschläge werden als Teil des Schattenkrieges zwischen Israel und Iran interpretiert; Teheran ist mit der Hisbollah eng verbündet. Das Motiv soll Rache sein - für Morde hinter denen Israel stecken soll: 2008 wurde ein Hisbollah-Anführer in Damaskus getötet. In Teheran wurden mehrere Atomwissenschaftler umgebracht.

Doch die Hisbollah gilt vielen inzwischen vorrangig als regional agierende Organisation. Sie stellt als wichtigste Gruppe im Libanon einen Teil der Regierung. In Syrien unterstützt sie das mit ihr verbündete Regime und verlor dort schon einige ihrer besten Kämpfer. Warum die Hisbollah ausgerechnet in einer für sie so schwierigen Zeit riskante internationale Rachefeldzüge unternehmen könnte, bleibt wie so vieles in diesem Fall unklar.

ras
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