Pussy-Riot-Sängerin "Ich liebe Russland, ich hasse Putin"

Das Straflager ist ihr egal, sagt Nadeschda Tolokonnikowa, Frontfrau der Punkband Pussy Riot im SPIEGEL-Interview. Solange Präsident Putin Russland regiere, mache sie keine Zukunftspläne. Die Schuld für die harte Strafe gibt sie allein dem Präsidenten. Ihr Ziel: Eine russische Revolution.
Tolokonnikowa aus der Haft: "System Putin" hat über sich selbst geurteilt

Tolokonnikowa aus der Haft: "System Putin" hat über sich selbst geurteilt

Foto: NATALIA KOLESNIKOVA/ AFP

Kurz nach dem harten Urteil gegen die russische Punkband Pussy Riot hat eine der inhaftierten Aktivistinnen aus dem Gefängnis heraus die Kritik am Putin-Regime erneuert. Das System Putin tauge "nicht für das 21. Jahrhundert, es erinnert vielmehr an Stammesgesellschaften und diktatorische Regime der Vergangenheit", erklärte die Wortführerin der Gruppe, Nadeschda Tolokonnikowa, dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.

Die Allmacht Putins sei ein Trugbild und nicht unendlich, "eine Revolution in Russland" unausweichlich. Sie bereue den Auftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche nicht, mit dem die Gruppe gegen Putin protestiert habe, sagt die 22-jährige Mutter dem SPIEGEL.

Pussy Riot sei niemals gegen die Religion aufgetreten, das Etikett des religiösen Hasses hätten ihnen Putins Ideologen angehängt, so Nadeschda Tolokonnikowa: "Unsere Motive waren ausschließlich politisch. Wir wollen jenen Teil der Gesellschaft aufrütteln, der politisch bislang apathisch war." Sie, ihre Mitstreiterinnen und ihre Kinder seien "Opfer der Propagandamaschine Putins geworden".

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Pussy Riot: Punk gegen Putin

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Sich selbst sieht Tolokonnikowa als russische Patriotin: "Ich liebe Russland, aber ich hasse Putin", sagte die 22-Jährige dem SPIEGEL. Pussy Riot sei Teil einer antikapitalistischen Bewegung, die Band verstehe sich aber in keinem Fall als antiwestlich oder antieuropäisch. Ihre Punkformation sei "Teil der westlichen Welt" und "ein Produkt der europäischen Kultur". Als Feministin sei sie sowohl gegen die russisch-orthodoxe Kirche als auch gegen Putins Idee einer "Souveränen Demokratie". "Beide lehnen alles Westliche ab, also auch den Feminismus."

Über ihre vierjährige Tochter, die nun unter Umständen zwei Jahre lang auf ihre Mutter verzichten muss, sagte Tolokonnikowa dem SPIEGEL: "Ich kämpfe dafür, dass meine Tochter in einem freien Land aufwächst." Sie freue sich sogar über das harte Urteil gegen sich, weil das "System Putin" damit "ein Urteil über sich selbst gesprochen" habe.

Über das als "Bastille" bekannte Untersuchungsgefängnis Nr. 6 am Stadtrand von Moskau sagte Tolokonnikowa dem SPIEGEL, es sei ein "russisches Gefängnis mit all seinem Sowjetcharme", eine "Mischung aus Kaserne und Krankenhaus". Ihr Alltag beginne morgens um sechs Uhr mit dem Weckruf, die meiste Zeit verbringe sie mit Lesen und Schreiben. "Die mangelnde Bewegungsfreiheit schränkt die Freiheit der Gedanken nicht ein", so die Aktivistin. Viel blättere sie in den Werken des slowenischen Philosophen und Marxisten Slavoj Zizek und in der Bibel.

Pläne für die Zeit nach einer möglichen Lagerhaft hat Tolokonnikowa nicht: "Sich darüber Gedanken zu machen, solange dieses autoritäre System existiert - das ist sinnlos." Vor dem Leben im Straflager habe sie keine Angst. Hofft Tolokonnikowa auf eine mildere Strafe durch das seit Ende August laufenden Berufungsverfahren? Tolokonnikowa zum SPIEGEL: "Das ist mir egal."

Die junge Frau und ihre Pussy-Riot-Bandkolleginnen Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch waren wegen "Anstiftung zum religiösen Hass" vom Moskauer Stadtbezirksgericht am 17. August zu zwei Jahren Haft verurteilt worden.

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cht
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