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01. August 2012, 18:10 Uhr

Marathonprozess in Moskau

Pussy-Riot-Sängerin kollabiert im Gerichtssaal

Sie bekommen wenig Essen und Schlaf, sind zwölf Stunden pro Tag in einem Käfig eingesperrt: Die Strapazen des Prozesses sind den regierungskritischen Musikerinnen der russischen Punkband Pussy Riot anzusehen. Eine brach vor Gericht zusammen - und musste vom Notarzt versorgt werden.

Moskau - Am dritten Verhandlungstag in dem Prozess gegen Mitglieder der regierungskritischen russischen Punkband Pussy Riot hat eine der drei angeklagten Frauen einen Schwächeanfall erlitten. Notärzte mussten mehrfach in den Gerichtssaal eilen, nachdem mindestens eine Musikerin über schweres Unwohlsein geklagt hatte.

Als im Prozessverlauf drei Krankenwagen zum Gericht kamen, hieß es von Mitarbeitern zunächst, allen drei Frauen gehe es schlecht. Später sagte ihr Verteidiger Nikolai Polosow, die Rettungskräfte seien wegen Maria Alechina gekommen. "Sie haben ihr die notwendigen Spritzen gegeben", sagte er. Alechina sei wegen eines zu niedrigen Blutzuckerspiegels im Moskauer Gerichtssaal kollabiert. Den niedrigen Blutzuckerspiegel führte Polosow darauf zurück, dass Alechina Vegetarierin sei und sich in der Haft nicht richtig ernähren könne.

Der Anwalt bekräftigte außerdem seine Kritik an den Haftbedingungen der Musikerinnen. Die Regierungskritikerinnen hätten kaum geschlafen, wenig gegessen und an den ersten Verhandlungstagen jeweils zwölf Stunden in einem Käfig ausharren müssen. "Sie werden nach Mitternacht ins Gefängnis zurückgebracht, bekommen kein Abendessen und können dann nur wenige Stunden schlafen", sagte Polosow. Bereits zuvor hatte die Verteidigung kritisiert, die Frauen würden morgens um 5 Uhr geweckt und bekämen mitunter zwölf Stunden lang nichts zu essen. Die Musikerinnen kritisieren die Strapazen des Prozesses als "Folter".

Doch selbst der Schwächeanfall lässt Russlands Justiz unbeeindruckt. Begleitet von den Noteinsatz-Szenen hat das Moskauer Gericht den umstrittenen Strafprozess gegen die Band fortgesetzt. Obwohl Alechina bereits am ersten Verhandlungstag nach einigen Stunden über Kopfschmerzen klagte, wurde die Verhandlung bis zum späten Abend nicht unterbrochen. Als die drei Frauen am Mittwoch in Handschellen in das Gerichtsgebäude geführt wurden, sagte Alechina jedoch, es gehe ihr gut.

Kirchenmitglieder kritisieren den Prozess als von Putin gesteuert

Den Frauen wird "Rowdytum" vorgeworfen, wofür ihnen bis zu sieben Jahre Haft drohen. Die Band hatte im Februar in einer Moskauer Kathedrale aus Protest gegen den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschef Wladimir Putin unter anderem den Satz "Maria, Mutter Gottes - verjage Putin!" gesungen. Auch international wird der Prozess scharf kritisiert und als politisch motiviert angesehen.

Der Prozess spaltet auch die russische Gesellschaft. Ein Politiker der regierenden Partei Geeintes Russland und ein bekannter Geistlicher kritisierten öffentlich die Verhandlung. "Je länger der Prozess dauert, umso mehr wird er zum Symbol für Justizwillkür in Russland", schrieb der Politiker Waleri Fedotow aus St. Petersburg, der Heimatstadt von Kreml-Chef Wladimir Putin, in einem Internetblog. Er wolle zeigen, dass nicht alle in der Partei "solch mittelalterliche Fanatiker sind".

Die Protestaktion der Frauen gegen Putin in einer Moskauer Kirche habe zwar viele gekränkt, sei aber kein Grund für eine Gefängnisstrafe, betonte Fedotow. Der Geistliche Andrej Kurajew sagte, auch in Kirchenkreisen gehe die Vermutung um, der Prozess sei von Putins Umfeld gesteuert.

Die Verteidigung warf der Staatsanwaltschaft eine "gefälschte Anklage" vor. Einige Nebenkläger seien mit völlig identischen Aussagen zitiert, "bis hin zum gleichen Druckfehler", sagte ein Verteidiger. Richterin Marina Syrowa wies aber erneut einen Befangenheitsantrag gegen sich ab. Zudem räumte sie der Verteidigung nicht mehr Zeit zum Studium der 3000 Seiten umfassenden Anklage ein.

lgr/dpa/AFP

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