Russland Polizei jagt weitere Pussy-Riot-Mitglieder

Die Kritik aus dem Ausland am Prozess gegen Pussy Riot war einhellig, dennoch hat die russische Polizei weitere Mitglieder der Band zur Fahndung ausgeschrieben. Auch dem Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow droht eine harte Strafe, er soll vor dem Gerichtsgebäude einen Beamten gebissen haben.

Proteste gegen Pussy-Riot-Urteil (in Zürich): Außenminister weist Kritik zurück
AP

Proteste gegen Pussy-Riot-Urteil (in Zürich): Außenminister weist Kritik zurück


Moskau - Drei Mitglieder der Frauen-Punkband Pussy Riot sind in der vergangenen Woche zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden, jetzt fahndet die russische Polizei nach weiteren. Das teilte ein Polizeisprecher mit. Insgesamt fünf Frauen waren auf den Videoaufnahmen des "Punk-Gebets", der Protestaktion gegen den damaligen russischen Regierungschef und aktuellen Präsidenten Wladimir Putin, zu sehen.

Neben den zwei Frauen, die sich in Freiheit befinden, vermutet die Polizei, dass es weitere Aktivisten gibt. Das Video wurde von Unbekannten gefilmt, die ebenfalls zu der Gruppe zu zählen sein dürften. Im Prozess gegen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch war immer wieder von "nicht identifizierten Teilnehmern" gesprochen worden. Auch ihnen drohen nun Haftstrafen wegen "Rowdytums aus religiösem Hass".

Am Montag verhörte die Polizei den früheren Schachweltmeister Garri Kasparow. Der 49-Jährige hatte am Freitag gegen die Verurteilung protestiert und war deswegen festgenommen worden. Dabei soll Kasparow einem Polizisten in die Hand gebissen haben. Dem bekannten Regierungskritiker drohen nun eine Anklage wegen Gewalt gegen Gesetzeshüter und bis zu fünf Jahre Haft.

Außenminister verbietet sich Kritik an russischer Regierung

Kasparow zeigte sich empört: "Das ist doch Wahnsinn. Ich stelle gerne mein Zahnbild zur Verfügung." Nach eigenen Angaben habe er Videomitschnitte von seiner Festnahme eingereicht, die zweifelsfrei seine Unschuld beweisen würden. Kasparow kündigte eine Beschwerde gegen seine Festnahme an. Zudem werde er eine Verleumdungsklage gegen den Beamten anstrengen, der die Vorwürfe gegen ihn erhoben habe.

Unterdessen wies Außenminister Sergej Lawrow die internationale Empörung über das Urteil zurück und sprach von Hysterie: "Man sollte vor dem Ende der Berufungsverhandlung keine Schlussfolgerungen ziehen", sagte der Außenminister laut der russischen Agentur Interfax. Zum Beispiel werde auch in Deutschland Gotteslästerung kompromisslos bestraft, so Lawrow in Helsinki.

Starke Kritik übte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). "Verfahren und Urteil gegen Pussy Riot sind eines Rechtsstaats unwürdig und leider eine Fortführung bekannter Missstände in der russischen Justiz", sagte die Bundesjustizministerin Bild.de und kündigte an: "Die Bundesregierung wird bei jeder Gelegenheit ihre Besorgnis und Kritik mitteilen."

Im Februar hatte Pussy Riot in einer Moskauer Kirche das sogenannte Punk-Gebet aufgeführt. Darin riefen sie die Gottesmutter an, Präsident Putin zu verjagen. Wenige Tage später waren die 22-jährige Tolokonnikowa, die 24-jährige Aljochina und die 30-jährige Samuzewitsch verhaftet worden. Am Freitag wurden sie zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Die Strafen werden nach Ansicht von Beobachtern in einem Berufsverfahren vermutlich auf jeweils ein Jahr verkürzt.

max/AFP/dpa/dapd

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.