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Hintergrund Was Straflager für Frauen in Russland bedeutet

Die drei Musikerinnen von Pussy Riot wurden zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt: Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch müssen ihre Strafe nun mit Mörderinnen und Diebinnen absitzen - in Baracken mit bis zu 120 Frauen.

Moskau - Über zwei Stunden mussten die drei jungen Frauen warten, dann vernahmen die Pussy-Riot-Aktivistinnen endlich das Urteil der Vorsitzenden Richterin Marina Syrowa: zwei Jahre Straflager. Es ist ein hartes Urteil, auch wenn die sechs Monate in Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet werden.

Für Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch bedeutet die Strafe, dass sie in den kommenden Jahren von der Außenwelt, vermutlich weit weg von Moskau eingesperrt werden. Tolokonnikowa und Aljochina haben kleine Kinder, von denen sie bereits seit Monaten wegen der Untersuchungshaft getrennt sind.

Der Strafvollzug in Russland sieht für Frauen nur eine Art von Straflager vor, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet: Diese Frauenlager bestehen aus Verwaltungsgebäuden, Schlafräumen für die Gefangenen und einem Arbeitsbereich. Die Komplexe sind mit Zäunen, Stacheldraht und Wachtürmen von der Außenwelt abgeriegelt. Wiederholungstäterinnen und erstmals Verurteilte werden in unterschiedlichen Lagern festgehalten.

Das Leben in den Strafkolonien ist hart. Die Bedingungen werden auf der Internetseite des russischen Strafvollzugs und von der Mitarbeiterin der Moskauer Nichtregierungsorganisation Gefängnis und Freiheit, Jelena Gordejewa, geschildert: Demnach müssen die Verurteilten grüne Uniformen tragen, auf denen ihr Name prangt. Persönliche Kleidung ist verboten. Nur einmal pro Monat dürfen die Frauen telefonieren, wobei das Gespräch auf maximal 15 Minuten begrenzt ist.

Im Gegensatz zu männlichen Gefangenen dürfen die weiblichen Gefangenen nach Informationen von AFP eine unbegrenzte Zahl an Paketen erhalten. Die Nachrichtenagentur dpa schreibt von sechs Paketen jährlich. Untergebracht sind die Frauen in den meisten Fällen in Baracken mit 100 bis 120 Gefangenen. Jeder Verurteilten stehen mindestens drei Quadratmeter Platz zu.

Ihr Tag beginnt um sechs Uhr. Nach dem Aufstehen müssen sich die Häftlinge draußen zum Durchzählen versammeln. Nur wenn die Temperaturen unter minus 30 Grad fallen, findet die Zählung drinnen statt.

In jedem Frauenlager gibt es drei Unterbringungsformen: normal, erleichtert und streng. Die drei Frauen der Punkband Pussy Riot sind zu normalem Strafvollzug verurteilt. Damit dürfen sie sich frei bewegen und das Lager mit Genehmigung auch kurzzeitig verlassen. Die Frauen dürfen pro Jahr sechs kurze (bis zu vier Stunden) und vier lange Besuche (bis zu drei Tage) bekommen. Für die langen Zusammenkünfte steht den Gefangenen und ihren Besuchern, zum Beispiel Ehemann oder Eltern, ein separater Raum zur Verfügung. Besuche von Nicht-Familienmitgliedern müssen von der Gefängnisverwaltung genehmigt werden.

Monatlich dürfen die Frauen umgerechnet etwa 300 Euro aus ihrem persönlichen Vermögen ausgeben. Nach einem halben Jahr können die Insassen wegen guter Führung in den "erleichterten" Vollzug verlegt werden und damit öfter Besuch oder Pakete empfangen.

Weniger als die Hälfte der Insassinnen geht im Lager einer Arbeit nach. Wer arbeitet, kann zwischen 25 und 50 Euro im Monat verdienen. Die Tätigkeit besteht in der Regel darin, Uniformen für die Gefängnisverwaltung, die Armee oder das Innenministerium zu nähen. Für die Frauen, deren Verhalten die Leitung gut bewertet, gilt der sogenannte erleichterte Strafvollzug. Diese Gefangenen können ohne Einschränkungen Produkte im Lager kaufen und dürfen zwei zusätzliche lange Besuche empfangen.

Die strenge Unterbringungsform wird dann verhängt, wenn die Frauen gegen Regeln verstoßen haben. Dazu zählt etwa der Konsum von Alkohol und Drogen, Ungehorsam oder Beleidigung von Gefängnisbeamten. Die Frauen werden dann drei Monate lang isoliert, dürfen nur einmal pro Tag für anderthalb Stunden nach draußen und keine Telefonate führen oder Besuche bekommen.

In Russland sitzen derzeit rund 59.000 Frauen in etwa 50 Lagern ein. Frauen aus Moskau werden nicht zwangsläufig in Lagern nahe der Hauptstadt inhaftiert, sondern können hunderte Kilometer entfernt eingesperrt werden.

heb/AFP/dpa
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