Putin besucht Erdogan Hinter dieser Liebe steckt ein Plan

Wladimir Putin reist nach Ankara, Russland und die Türkei treiben ihre Annäherung voran. Das ist ein klares Signal - und der Westen ist alarmiert. Doch der Zusammenarbeit ist eine Grenze gesetzt.

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan (2016)
AFP

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan (2016)

Von , Istanbul


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Im Juni 2016 geschah etwas Außergewöhnliches: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan entschuldigte sich.

Türkische Soldaten hatten ein Jahr zuvor einen russischen Kampfjet über Syrien abgeschossen. Für einige Monate standen beide Staaten kurz vor einem Krieg. Russlands Präsident Wladimir Putin verhängte Wirtschaftssanktionen gegen Ankara, stoppte den Tourismus aus Russland in die Türkei. Bis Erdogan schließlich einlenkte.

Die türkisch-russischen Beziehungen haben seither einen erstaunlichen Wandel erlebt: Erdogan sucht die Nähe zu Russland. Er reiste nach Moskau, nennt Putin "meinen lieben Freund Wladimir".

Nun ist Putin zum ersten Mal seit drei Jahren wieder in Ankara zu Besuch. Für den Abend sind Gespräche mit Erdogan im Präsidentenpalast geplant. Die Staatschefs wollen über den Krieg in Syrien beraten, über das Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak und über Wirtschaftsfragen.

Die türkische Regierung sieht darin ein Zeichen für die "Normalisierung der türkisch-russischen Beziehungen". Politiker in Europa und den USA dagegen fürchten, die Türkei könnte sich verstärkt vom Westen ab- und Russland zuwenden.

Washington war die Annäherung zwischen der Türkei und Russland zunächst durchaus willkommen. Barack Obama hatte sich nach dem Abschuss des russischen Jets durch türkische Soldaten persönlich für eine Deeskalation des Konflikts zwischen den beiden Staaten eingesetzt.

Spätestens seit die Türkei Anfang September jedoch das Raketensystem S-400 von Moskau gekauft hat, sind westliche Sicherheitspolitiker alarmiert. Offiziell heißt es, das System sei womöglich nicht mit Nato-Equipment kompatibel. Tatsächlich wächst in Europa und den USA die Sorge, die Türkei könnte grundsätzlich aus dem Verteidigungsbündnis ausscheren.

S-400-Raketensystem
AP/ Russian Defense Ministry

S-400-Raketensystem

Annäherung an Russland vor allem aus strategischen Gründen

Die Türkei und der Westen stecken schon lange in einer schweren Krise. Etliche Nato-Staaten sind befremdet von Erdogans autoritärem Regierungsstil. Umgekehrt wirft Ankara seinen Partnern vor, Feinde der Türkei zu unterstützen - Extremisten der kurdischen Terrororganisation PKK etwa oder Anhänger der islamistischen Gülen-Sekte, die Erdogan für den Putschversuch vom 15. Juli 2016 verantwortlich macht.

Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, den syrischen Ableger der PKK, die YPG, im Kampf gegen den "Islamischen Staat" mit schweren Waffen auszustatten, hat die Spannungen weiter verschärft.

Erdogan treibt die Annäherung an Russland vor allem aus strategischen Gründen voran. Er will Europäern und Amerikanern demonstrieren, dass er auf ihr Wohlwollen nicht angewiesen ist, dass die Türkei im Zweifel auch andere Partner hat. Zugleich glaubt er, den Interessen seines Landes in Syrien sei inzwischen am ehesten durch die Zusammenarbeit mit Russland gedient.

Die türkische Regierung ist mit dem Versuch gescheitert, den syrischen Diktator Baschar al-Assad mithilfe islamistischer Extremisten zu stürzen. Nun geht es ihr in Syrien vor allem darum, einen Kurden-Staat zu verhindern. Erdogan zählt dabei auf die Unterstützung der Assad-Verbündeten Russland und Iran.

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Es gibt klare Grenzen der neuen Partnerschaft

Die Wende in der türkischen Russland-Politik zeigt, dass Erdogan weniger der Ideologe ist, als der ihn der Westen oft wahrnimmt - sondern ein außenpolitischer Pragmatiker bis hin zur Selbstverleugnung.

Doch die Kooperation zwischen Putin und Erdogan hat Grenzen. Die Haltung Russlands gegenüber den Kurden ist keineswegs eindeutig. In Moskau betrachten viele die YPG als legitimen Partner im Kampf gegen Islamisten in Syrien.

Offen ist auch, wie es im Kampf um die Gebiete im Norden Syriens weitergeht, die nach wie vor von Rebellen besetzt werden. Russland bereitet seit längerer Zeit einen Großangriff auf die Provinz Idlib vor, wo sich Widerstandsgruppen verschanzt haben, von denen einige der Türkei nahe stehen.

Blutige Gefechte um Idlib könnten in der türkischen Bevölkerung sehr schnell antirussische Ressentiments entfachen, ähnlich wie es die Schlacht um Aleppo im Winter getan hat. Erdogan liefe Gefahr als Komplize Putins wahrgenommen zu werden, glaubt Ahmet K. Han, Politikwissenschaftler an der Kadir Has Universität in Istanbul. Die russisch-türkischen Beziehungen könnten sich dann rasch wieder abkühlen.


Zusammengefasst: Lange war es frostig zwischen Russland und der Türkei - doch nun demonstrieren Erdogan und Putin ihre enge Partnerschaft. Die ist für beide strategisch, vor allem der türkische Präsident will eine Botschaft an den Westen senden. Doch Streit über den Syrien-Kurs könnte das Bündnis schon bald gefährden.



insgesamt 20 Beiträge
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Wulff Isebrand 28.09.2017
1. Die brauchen sich gegenseitig
aber Putin ist ein besserer Taktiker und hat mehr Potential in seinem Staat als der Gurken- und Tomatendiktator Erdogan. Die Türken kann man gerne ziehen lassen,aber mit den Russen sollte man es sich nicht verscherzen. Bei aller kulturellen Unterschiedlichkeit sind mir die Russen hundertmal näher wie die Türken
tompike 28.09.2017
2. Kardinalfehler
Es war und ist weiterhin ein großer politischer Fehler, Putin weiter mit Sanktionen zu belegen. Schließlich haben wir den 2. Weltkrieg gegen Rußland zu verantworten. Er kann auch locker anders reagieren wie wir klar sehen. Auch ein Pakt mit China z. B.? Nur kleine Dummköpfe aus EU legen sich dermaßen heftig mit einem Bären an.
jouvancourt 28.09.2017
3. Armer Erdogan...
er ist von vornherein der Verlierer dieser konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei! Russland hat Zeit, hat immer wieder bewiesen, dass sie exzellente Strategen sind und keine proletarischen Polterer, die ideologischen oder feudalistischen Linien folgen. Dass die Türkei überhaupt noch als vollwertiges NATO-Mitglied geführt wird, ist skandalös, denn würden türkische Truppen im Verteidigungsfall überhaupt jemals ein Land des verhassten Europas beschützen wollen? Die Russen bauen in der Türkei Atomkraftwerke, Pipelines und stützen auf die eine oder andere Weise die Regierung Ankaras.
bigroyaleddi 28.09.2017
4. Als Essenz dieses Artikels kann ich eigentlich nur folgendes entnehmen
"Russlands Präsident Wladimir Putin verhängte Wirtschaftssanktionen gegen Ankara, stoppte den Tourismus aus Russland in die Türkei. Bis Erdogan schließlich einlenkte." Das heisst doch im Umkehrschluß, zeigt klarste Kante, dann knickt der Sultan ein. Was anderes versteht er nicht!
geschwafelablehner 28.09.2017
5. Überlebensstrategie, keine Liebe
Nachdem Erdogan sich nach dem Putschversuch zur die Konfrontation mit der EU entschlossen hat, und spätestens mit den willkürlichen Verhaftungen mit dem Tourismus einer der Hauptwirtschaftszweige den Bach runtergeht, hat er nur die Chance, mit den russischen Touristen den Tourismus am Leben zu halten.
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