Putins G20-Abgang Russland feiert den Gipfel-Flüchtling

Für seine frühzeitige Abreise vom G20-Treffen wird Wladimir Putin in Russland bejubelt. Doch stolz können weder der Kreml-Chef noch der Westen sein - beide haben auf dem Gipfel versagt.
Russischer Präsident Putin: Überstürzter Aufbruch in Australien

Russischer Präsident Putin: Überstürzter Aufbruch in Australien

Foto: Handout/ Getty Images

Wenn es nach den russischen Medien geht, dann hat der G20-Gipfel in Australien einen klaren Sieger. Präsident Wladimir Putin habe das Treffen dominiert und dem Westen die Stirn geboten, lautet der Tenor. Die reichweitenstarke Boulevardzeitung "Moskowski Komsomolez" jubelt, der Präsident habe sich "in den Käfig zu den Löwen begeben" - und meint damit die Staats- und Regierungschefs des Westens, die den Russen in Brisbane ins Gebet nehmen wollten.

Die Gastgeber hatten sich im Vorfeld des Gipfels mit besonders martialischer Rhetorik hervorgetan. "Ice Cold War" schrieb Brisbanes "Courier Mail" und druckte dazu auf dem Titel einen Bären, der von einem boxenden Känguru in Schach gehalten wird.

Von Australiens Premierminister Tony Abbott war vor dem Treffen zu hören, er wolle Putin besonders hart angehen, wegen des Abschusses von Flug MH17 über der Ostukraine. Von "shirtfronten" war die Rede, so nennt man im Australian Football besonders rüdes Einsteigen. Und als Abbotts kanadischer Amtskollege Stephen Harper die Hand des russischen Präsidenten drückte, raunte er ihm "raus aus der Ukraine" zu.

Angela Merkel (CDU) wählte zunächst ein diplomatischeres Vorgehen: Sie sprach vertraulich mit Russlands Präsident, zunächst unter vier Augen, später kam EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hinzu. Öffentlich fand sie dann deutliche Worte. Putin stelle die europäische Friedensordnung in Frage, sagte die Kanzlerin in Sydney.

In der Nato sieht Putin einen Gegner

Doch ob schrille Rhetorik oder diskrete Gespräche: Die Ergebnisse des Gipfels sind ernüchternd. Seit Monaten redet der Westen auf Wladimir Putin ein, im Juni beim Weltkriegsgedenken in der Normandie, im Oktober beim Krisengipfel in Mailand und nun in Australien. So sehr der Westen auch den Druck auf den Kreml-Chef in der Ukraine-Krise zu erhöhen versucht, der Durchbruch lässt auf sich warten.

Russland will die Ukraine in seiner Einflusssphäre halten und fern von EU und Nato. Der Westen hingegen versucht, die proeuropäische Regierung in Kiew zu stützen und die EU-Assoziierung voranzutreiben. Merkel und andere EU-Verhandler wollen dem Kreml deutlich machen, dass Europa an guten Beziehungen zu Russland interessiert ist und eine EU-Integration der Ukraine als eine Art Brücke sieht.

Putin lässt das nicht gelten, ein Wirtschaftsabkommen der Ukraine mit Brüssel sieht er als Bedrohung. Auf eine engere Anbindung an die EU folge die an die Nato, das ist die Lesart des Kreml. Und in der Allianz sieht Putin wieder wie zu Sowjetzeiten einen Gegner, keinen Partner.

Am Sonntagabend hat er seinen Standpunkt noch einmal in einem Interview mit der ARD bekräftigt. Moskau werde nicht zulassen, dass die Regierung in Kiew "alle ihre politischen Gegner vernichtet". Die Rhetorik des Präsidenten bleibt unversöhnlich. Die Ukraine könnte "als Neonazi-Staat" enden - dabei bekamen rechte Kräfte bei den vergangenen Parlamentswahlen viel weniger Stimmen als erwartet.

Mehr als ernüchternd

Erfolge von Substanz bringt auch der Kreml-Chef aus Australien nicht mit. Trotzdem ist ihm daheim der Beifall gewiss, die Hofberichterstattung kremltreuer Medien überschlägt sich. Das Staatsfernsehen bemerkte süffisant, Isolationsversuche würden wenig fruchten. Das Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda" berichtete stolz, Putin habe US-Präsident Barack Obama jovial auf die Schulter geklopft, seinem Rivalen. Jedenfalls habe der Italiener Matteo Renzi Putin zur Expo 2015 nach Mailand eingeladen. François Hollande habe vertraut mit "cher Wladimir" gesprochen.

Tatsächlich wirkte die angestrebte Isolation Russlands in Brisbane brüchig. So ließen sich die Staatschefs von Brasilien, Indien, China und Südafrika lachend mit Putin ablichten, beim kollektiven Handschlag. Der Kreml-Chef revanchierte sich mit einer Einladung zum nächsten Gipfeltreffen der Brics-Staaten, es findet im Juli 2015 im russischen Ufa statt.

Wie hoch im Kurs Russland in dem Verbund steht, zeigt das Beispiel Indiens. Der neue Premierminister Narendra Modi hat große Sympathien für das Riesenreich. Bei Putins Indien-Visite im Juli sagte Modi, in seinem Land wisse "selbst ein Kind, das Russland Indiens bester Freund ist".

Putins Schlusswort in Brisbane war kühl. Die Gespräche seien "offen und nützlich" gewesen. "Die Kollegen (die Staats- und Regierungschefs des Westens, Anm. d. Redaktion) haben mir ihre Besorgnis übermittelt. Wie sehr uns das hilft, schnell die Ukraine-Krise zu lösen, kann ich aber nicht sagen." Dann stieg er in seine Regierungsmaschine und verließ den Gipfel vorzeitig.

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