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Chodorkowskis Leben: Aufstieg und Fall eines Oligarchen

Foto: Farbfilm Verleih

Berühmter Kreml-Gegner "Chodorkowski will Putins Sturz beschleunigen"

Vor drei Jahren begnadigte Putin seinen Erzfeind Chodorkowski. Wie nutzt der Oligarch seine Freiheit? Der deutsche Regisseur Cyril Tuschi porträtiert einen Mann, der seine Stunde erst noch kommen sieht.

Der russische Unternehmer Michail Chodorkowski kam in einer Zeit zu Reichtum, als Geld in Russland noch gleichbedeutend war mit politischer Macht. Chodorkowski stieg dank seines Ölkonzerns Jukos sogar zum reichsten Mann des Landes auf. Er finanzierte die Opposition und bot Präsident Wladimir Putin vor laufenden Fernsehkameras die Stirn. 2003 ließ der Kreml den Milliardär ins Gefängnis werfen.

Erst zehn Jahre später begnadigte Putin seinen alten Gegner. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher ließ den gefallenen Oligarchen im Dezember 2013 in einer Nacht-und-Nebelaktion nach Berlin ausfliegen. Wie nutzt Chodorkowski nun seine Freiheit? Dieser Frage geht ein Dokumentarfilm des Berliner Regisseurs Cyril Tuschi nach, der Bayerische Rundfunk (BR) zeigt ihn am 13. September im deutschen Fernsehen.

Tuschi gilt als absoluter Chodorkowski-Kenner. 2011 veröffentlichte er - nach fünf Jahren Recherche - seinen ersten Film über den Oligarchen ("Der Fall Chodorkowski"). Sein zweites Werk "Chodorkowskis neue Freiheit" zeichnet das Bild eines Mannes, der fest davon überzeugt ist, dass seine große Stunde noch kommen wird.

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SPIEGEL ONLINE: Wie nutzt Chodorkowski seine neu gewonnene Freiheit?

Tuschi: Er hat sich nach seiner Begnadigung schnell einen Masterplan zurechtgelegt. Wenige Wochen nach seiner Freilassung reiste er nach Kiew, nach dem Erfolg der Maidan-Revolution. Chodorkowski sucht nach Allianzen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist sein Ziel?

Tuschi: Alles, was Chodorkowski tut, ist auf sein Hauptziel ausgerichtet: nach Russland zurückzukehren. Deshalb bereitet er sich vor auf eine Zeit nach Putin. Aber er wappnet sich auch für Varianten, falls in Russland etwas Ähnliches passieren sollte wie in der Türkei, für einen Putsch oder Vergleichbares.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen diese Vorbereitungen aus?

Tuschi: Er entwirft eine neue Verfassung für Russland, zusammen mit Experten und hat seine alte Stiftung Open Russia neu gegründet. Er versucht, sie als eine Sammlungsbewegung zu positionieren für unterschiedliche Leute in Moskau. Chodorkowski unterstützt einige oppositionelle Kandidaten bei der Parlamentswahl am 18. September, hat eine Onlineuniversität gegründet. Er wünscht sich, mehr Russen zu selbständigem Handeln zu bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Hatte Chodorkowski nicht nach seiner Freilassung angekündigt, sich aus der Politik herauszuhalten?

Tuschi: Das ist nicht passiert, was seiner Familie gar nicht gefällt. Dabei hat der Ukrainekonflikt eine Rolle gespielt. Die Maidan-Revolution hatte nur wenige Monate nach seiner Freilassung Erfolg. Er hat - wie früher andere Putin-Gegner im Exil - gehofft, diese Bewegung könnte überschwappen von der Ukraine ins Nachbarland Russland. Deshalb hat er sich dort gleich hineingeworfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Chodorkowski in Haft verändert?

Tuschi: Ich habe nicht den Eindruck, dass er sich stark verändert hat. Sein Anwalt sagt, er sei der Gleiche geblieben. Sein Ziel ist jedenfalls unverändert: Er will ein Mann in der Geschichte Russlands sein, der das Schicksal des Landes verändert. Mein Eindruck von ihm während seiner Haft war ein anderer. Das Bild von ihm im Gefängnis war immer verfremdet. Da war er nur der gute Oligarch, der für seine Überzeugungen ins Gefängnis gegangen ist. Er war in gewisser Weise freier, als er in Haft saß.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Tuschi: Er hatte geistige Freiheit. Zeit, nachzudenken. Heute finde ich ihn nicht besonders frei. Er hetzt von Termin zu Termin, muss viel taktieren. In Interviews denkt er lange nach über jeden einzelnen Satz.

SPIEGEL ONLINE: Wie will er seine Ziele verwirklichen?

Tuschi: Wenn er sagt, er wolle einen demokratischen Prozess in Russland in Gang bringen und die Gewaltenteilung wiederherstellen, finde ich das glaubhaft. Er ist Realist und versteht, dass er niemals Präsident sein kann. Ein Ex-Oligarch wie er, noch dazu mit jüdischen Wurzeln, kann keine Wahl in Russland gewinnen.

Er sagt aber zugleich: Wenn Russland in eine Krise stürzt, dann bin ich der Einzige, der das Land aus der Sackgasse führen kann. Er denkt dabei nicht an eine Situation morgen oder in einem Jahr. Chodorkowski denkt in Zehn-Jahres-Zyklen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben für den Film auch mit der Chefredaktion der Kreml-kritischen Webseite Meduza.io gesprochen. Sie ist bei Anhängern der Opposition beliebt. Es hieß, Chodorkowski würde sie finanziell unterstützen.

Tuschi: Daraus ist nichts geworden. Die Chefredakteurin war empört, weil in den Verträgen stand, dass Chodorkowski im Zweifel bei allen Dingen das letzte Wort haben sollte. Ihr Name dagegen wurde gar nicht erwähnt. Ich habe ihn darauf angesprochen, der Fall war ihm unangenehm. Er wollte die Kontrolle, ganz klar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit seinem alten Geschäftspartner Leonid Newslin geredet. Er treibt die Schadensersatzklagen gegen Russland voran, die alten Jukos-Eigner wollen 50 Milliarden Dollar von Moskau. Geht es Chodorkowski nicht schlicht ums Geld?

Tuschi: Mein Eindruck ist: nein. Ich würde vermuten, dass Chodorkowski ein gut versorgter Mann ist, vielleicht hat er noch 500 Millionen Dollar. Geld ist für ihn wichtig, aber nicht, um sich eine Yacht zu kaufen. Er sieht es als wichtiges Werkzeug. Der Kontakt zu Newslin ist noch immer eng. Sie schreiben einander ständig SMS.

SPIEGEL ONLINE: Will Chodorkowski Putin stürzen sehen?

Tuschi: Ja, natürlich. Und er tut alles dafür, seinen Sturz zu beschleunigen. Nicht in der Art und Weise, wie das Putin und sein Vertrauter Igor Setschin glauben. Die haben Angst, er könnte einen Killer auf sie ansetzen. Chodorkowski aber will international den Druck auf Putin erhöhen. Dafür sucht er Verbündete. Er hat den Schulterschluss gewagt mit dem Kreml-Gegner und Finanzier Bill Browder, ungeachtet der Tatsache, dass Browder früher sehr schlecht über ihn gesprochen hat.

SPIEGEL ONLINE: Würde er einen Putsch unterstützen?

Tuschi: Das glaube ich nicht. Chodorkowski ist aber beispielsweise sehr bemüht, Kontakte zu halten zu Teilen der Kreml-Elite. Er distanziert sich von Forderungen der Opposition, nach einem Machtwechsel alle Kreml-Funktionäre ins Gefängnis werfen zu lassen. Chodorkowski will ihnen Brücken bauen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Absprachen zwischen ihm und Putin?

Tuschi: Es gibt Gerüchte, er habe vor seiner Freilassung ein Abkommen mit Putin geschlossen. Ich glaube nicht daran. Doch da ist eine gewisse Grundachtung. Chodorkowski redet sehr schlecht über Putins Gefolgsmann Setschin. Über den Präsidenten aber sagt er immer, dass er bestimmte Grenzen nie überschritten habe. Er rechnet Putin an, dass er nie seine Familie angetastet hat.

SPIEGEL ONLINE: Bereut Putin, den Rivalen freigelassen zu haben?

Tuschi: Absolut, davon bin ich überzeugt. Er hat ihn Ende 2013 gehen lassen, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele. Das hielt er zu dem Zeitpunkt für ein Symbol der Stärke. Ich bin sicher: Drei Monate später hätte Putin anders entschieden, nach dem Sieg des Maidan. Der Kreml hat die Revolution nicht kommen sehen.


"Chodorkowskis neue Freiheit", 13. September 2016, 22.30 Uhr, BR und 14. September 2016, 23.25 Uhr, WDR

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