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Putins Konkurrent: Wer ist der Multimilliardär Prochorow?

Foto: SERGEI KARPUKHIN/ REUTERS

Putin-Herausforderer Prochorow Das Manöver des Milliardärs

Russlands drittreichster Mann will bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren. Michail Prochorow, 13 Milliarden Euro schwer, ist bekannt für sein Playboy-Image und seinen Ehrgeiz. Wird er nun zu einem echten Rivalen Wladimir Putins? Oder mimt er nur dessen liberale Marionette?

Es gibt Felder, auf denen Michail Prochorow, 46 Jahre alt und laut Schätzung des US-Magazins Forbes 13 Milliarden Euro schwer, mehr Erfahrungen gesammelt hat als in Russlands Politik. Der drittreichste Mann des Landes gibt sich gern sportlich, seine Hobbys sind Heli-Skiing und Kickboxen. Vor einigen Jahren kaufte der Unternehmer, einst mit Aluminium- und Metall-Geschäften reich geworden, den amerikanischen Basketball-Club New Jersey Nets.

Seinen Neigungen entsprechend behalf sich Prochorow mit einer Sportler-Weisheit, nachdem er am Montag überraschend seine Präsidentschaftskandidatur gegen den amtierenden Premierminister Wladimir Putin verkündet hatte. "Wenn du im Sport einen starken Rivalen hast, dann wächst Du auch selbst schneller", sagte Prochorow. Dabei misst er schon stattliche 2,04 Meter.

Nach seiner Ankündigung rätselt Russland, wer da in Wahrheit im Wahlkampf an wem wachsen soll: Der Milliardär im Kampf gegen Putin? Oder doch Russlands starker Mann, der sich im Wahlkampf mit Parolen gegen die im Land verhasste Schicht der Oligarchen wie Prochorow profilieren könnte?

"Ich habe die wohl wichtigste Entscheidung meines Lebens getroffen. Ich kandidiere als Präsident", sagte der reiche Herausforderer am Montag - und versprach eine Erneuerung des Ministerkabinetts, sollte er als Präsident gewählt werden.

"Ich werde einfach sein Chef"

Seit dem Frühjahr weiß man um Prochorows politische Ambitionen. Da übernahm er mit ausdrücklicher Billigung des Kremls den Vorsitz von "Gerechte Sache", einer liberalen Partei. Nach nur vier Monaten aber putschten im Herbst Hinterbänkler den Oligarchen aus der Partei - wiederum mit Billigung des Kremls. Offenbar hatte Wladislaw Surkow, Vizechef der Kreml-Verwaltung und Strippenzieher in Putins "gelenkter Demokratie", das Projekt wieder fallen lassen. Prochorow schimpfte danach über den "Puppenspieler" Surkow im Kreml, der das "gesamte politische System privatisiert" habe und schwor, Surkows Entlassung zu erreichen.

Prochorow ist nun auf die politische Bühne zurückgekehrt. "Was Surkows Entlassung angeht habe ich eine feine Möglichkeit gefunden: Ich werde einfach sein Chef", sagte Prochorow.

Wächst da also ein potenter Widersacher für den ambitionierten Noch-Ministerpräsidenten und seine Gefolgsleute heran, der selbst bei den Wahlen antritt? Oder zogen wieder Putins Politstrategen von Russlands starkem Mann selbst bei Prochorows Kandidatur die Fäden, um Putin mit dem Lebemann und Oligarchen einen genehmen Gegner zu schaffen?

Fehlendes politisches Rüstzeug

Finanziell ist Prochorow zweifellos in der Lage, einen aufwendigen Wahlkampf im größten Flächenstaat der Erde zu bestreiten, und die zwei Millionen Unterschriften zu sammeln, die er für seine offizielle Registrierung seiner Kandidatur noch braucht.

Der erfolgreiche Geschäftsmann, der gern mit seinem Playboy-Image kokettiert, könnte vor allem junge Wähler Russlands wachsender Mittelschicht binden. Zum echten Oppositionellen fehlt ihm gleichwohl noch das politische Rüstzeug.

Zwar verkündete seine Sprecherin Juliana Slaschewa, man habe mit der öffentlichen Bekanntmachung gewartet, bis man "wirklich vorbereitet für den Wahlkampf" sei. Ein Programm mochte Prochorow am Montag gleichwohl nicht vorlegen. Auf eine Journalistenfrage, welche drei Erlasse er nach einem möglichen Wahlsieg als erstes durchsetzen werde, wollte er nicht antworten. Seine Teilnahme an der von Russlands Opposition für den 24. Dezember geplanten nächsten Demonstration gegen die manipulierten Parlamentswahlen ließ er offen, um "die Spannung zu halten".

Nur ein Pseudokandidat?

Für seinen Hauptkonkurrenten im Kampf um den Kreml, den amtierenden Premierminister Putin, fand Prochorow dagegen noch in der vergangenen Woche freundliche Worte. Putin, den er nun eigentlich herausfordern will, sei "der einzige, der derzeit in der Lage ist, die ineffektive Staatsmaschine zu lenken".

Das nährt unter Moskauer Beobachtern den Verdacht, Russlands Führung selbst habe Prochorow das Signal zur Kandidatur gegeben - wenn nicht Kreml-Eminenz Surkow, dann doch Putins Gefolgsleute im Weißen Haus, dem Sitz der Regierung. Als Pseudokandidat könnte der Milliardär die Stimmen liberal gesinnter Putin-Gegner einsammeln, ohne Russlands starkem Mann wirklich gefährlich zu werden. Für einen Oppositionskandidaten reichlich ungewöhnlich verkündete Prochorow schon mal vorsorglich, Kritik an der Staatsmacht werde "nicht mehr als zehn Prozent" seines Wahlkampfs ausmachen.

Einen "Bluff" nennt der Moskauer Politologe Stanislaw Belkowskij das Manöver. Prochorows Kandidatur sei "die Antwort des Kremls auf den Bolotnaja-Platz". Dort, im Moskauer Zentrum, hatten am Wochenende 50.000 Demonstranten für faire Neuwahlen und politische Reformen in Russland protestiert.

Russland hat eine lange Tradition "gesteuerter Kandidaturen". In den neunziger Jahren glänzte etwa der Stern von Präsident Boris Jelzin im Wahlkampf auch deshalb besonders hell, weil er sich als Bollwerk gegen den Rechtspopulisten Wladimir Schirinowski präsentieren konnte. Der teilte zwar verbal gegen Jelzin aus, hing aber in Wahrheit damals wie heute am Tropf des Kreml. Als 2008 dann Dmitrij Medwedew zum Interimspräsidenten gewählt wurde, schickte der Kreml den Chef der Demokratischen Partei Andrej Bogdanow als Gegenkandidaten ins Feld. Die Witzfigur mit den halblangen Locken erinnerte entfernt an den alternden Fußballstar Diego Maradonna.

Neues Feindbild für Putin

Putins Wahlstrategen kommt Prochorows Kandidatur recht gelegen: Bei einer Pro-Putin-Demo am Montag schworen die Redner die 5000 Mitglieder Kreml-naher Jugendorganisationen schon mal auf das Feindbild im Wahlkampf ein: "Wer ist heute gegen Putin? Die Oligarchen, die die Mehrheit der Massenmedien besitzen."

In Wahrheit, glaubt Politologe Belkowskij, träume Prochorow davon, unter einem Präsidenten Putin als Regierungschef zu dienen. Den Posten hatte Putin eigentlich Noch-Präsident Medwedew versprochen. Der aber trägt als Spitzenkandidat bei den Duma-Wahlen Verantwortung für das schwache Abschneiden der Putin-Partei "Einiges Russland", die trotz massiver Wahlmanipulationen von 64 auf 49 Prozent absackte. Medwedew solle lieber Vorsitzender des wenig einflussreichen Parlaments werden, findet Prochorow.

Der Oligarch selbst sieht sich gerüstet für neue Aufgaben. Ob er nicht fürchte, dass sein neuer Ausflug in die Politik so enden könnte wie der erste, wollte die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" von ihm wissen.

"Nein, ich fürchte mich nicht", antwortete Prochorow. "Zudem fühle ich mich schon fast wie ein erfahrener Politiker."

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