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Gennadij Sjuganow: Hoffnungsträger wider Willen

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Putin-Herausforderer Sjuganow Für immer Nummer zwei

Der Mann, der Wladimir Putin am Sonntag in einen zweiten Wahlgang zwingen könnte, ist ein Hoffnungsträger wider Willen. Der alternde Kommunistenführer Gennadij Sjuganow wirkt im Wahlkampf seltsam verzagt.
Von Alina Braun und Benjamin Bidder

Die Stimme des älteren Herrn, dem eine Laune des Schicksals die Rolle des Hoffnungsträgers von Millionen zugedacht hat, füllt brummend den Saal. Begriffe aus einer fernen, fremden Zeit von Klassenkampf und Kaltem Krieg durchwabern den Raum: "Sozialismus", "Sowjetunion", "Lenin". Gennadij Sjuganow, Chef der Kommunistischen Partei, macht damit im Jahr 2012 Wahlkampf. "Ich habe gute Chancen", brummt der 68-Jährige.

Wenn Russland am Sonntag einen neuen Präsidenten wählt, hat der alternde Kommunistenführer tatsächlich die besten Aussichten unter allen Kandidaten, den haushohen Favoriten Wladimir Putin in eine Stichwahl zu zwingen. Bei den Parlamentswahlen im Dezember verdoppelte seine Kommunistische Partei ihr Ergebnis schon auf über 20 Prozent. Am Sonntag kann Sjuganow mit 15 bis 25 Prozent rechnen. Bleibt Putin gleichzeitig unter der Marke von 50 Prozent, kommt es zum Showdown: Er gegen Putin.

Dreimal schon hat Sjuganow für den Posten im Kreml kandidiert. Nie kam er einem Sieg wieder so nahe, wie bei seiner ersten Wahl. 1996, als die Erinnerungen an die fünf Jahre zuvor untergegangene Sowjetunion noch frisch waren, unterlag er Amtsinhaber Boris Jelzin erst im zweiten Wahlgang, mit über 40 Prozent. Sjuganow profitierte damals vom Zorn vieler Bürger auf den Präsidenten, der sich eine neue Verfassung mit großen Vollmachten auf den Leib hatte schneidern lassen, Wirtschaftskrise und Kriminalität aber nicht in den Griff bekam.

Drei handzahme Putin-Gegenkandidaten

16 Jahre später ist die Konstellation ähnlich. Die Putin-hörige Wahlkommission hat drei handzahme Gegenkandidaten registriert: Den wortgewaltigen Populisten Schirinowski, der im Parlament aber gern für den Kurs des Kreml stimmt. Den blassen Apparatschik Sergej Mironow, der mit dem amtierenden Premier befreundet ist. Den Milliardär Michail Prochorow, der aber bekennt, Putin sei als "Einziger in der Lage, die ineffektive Staatsmaschine zu lenken".

Russland hat ein mächtiges linkes Wählerpotential. Millionen Rentner stimmen aus alter Gewohnheit für die KP. Weil aber Sjuganow als einziger im Bewerberfeld nicht wie eine Marionette des Kreml wirkt, wollen am Sonntag auch viele Studenten, Unternehmer und Liberale für ihn stimmen. Er ist der Kandidat eines wachsenden Lagers von Protestwählern, die Putin eine Lektion erteilen wollen.

Um neue, den Kommunisten eher fremde Wählerklassen zu erschließen, versprach Sjuganow, im Falle eines Sieges den Oligarchen und Ex-Milliardär Michail Chodorkowski frei zu lassen. Russlands ehemals reichster Mann hatte Putin herausgefordert und muss 14 Jahre Haft absitzen.

Und doch wirkt Gennadij Sjuganow, Chef einer Partei von 165.000 Mitgliedern, Gebieter eines Medienimperiums von Dutzenden Zeitungen und Zeitschriften, dieser Tage seltsam verzagt. "Am meisten", spottet der Politologe Walerij Chomjakow, "fürchtet sich Sjuganow davor, zu gewinnen".

"Umverteilung der Kompetenzen des Präsidenten"

Statt die Kolonnen seiner Genossen mit den Demonstrationszügen der Kreml-Gegner zu vereinen, hält sich Sjuganow abseits der Massenkundgebungen gegen Putin. Statt wie sie den Rücktritt des Premierministers zu fordern, drängt Sjuganow nur auf Veränderungen in Putins Regierungsmannschaft und eine "Umverteilung der Kompetenzen des Präsidenten".

"Ein vernünftiger Mensch sollte die Geschichte kennen, auch Lenin", sagt Sjuganow. Im Gegensatz zu dem bolschewikischen Revolutionär aber ist sein Erbe kein Beispiel für Entschlossenheit.

Weil die spärlichen Mitgliedsbeiträge der alternden Parteigenossen nicht zur Finanzierung des teuren Wahlkampfs reichen, hat die KP ein Arrangement mit dem Kreml getroffen. Spielen Sjuganow und seine Kommunisten mit, etwa durch den Verzicht auf einen Boykott der Wahlen, gibt es TV-Sendezeit und womöglich auch Geld aus schwarzen Kreml-Kassen, wie sie die Journalistin Natalija Morar aufgedeckt hat.

Wenn die Strippenzieher des Kreml den Eindruck haben, der allgemeine Zuspruch könnte Sjuganow zu Kopfe steigen, treten sie auf die Bremse. So wie vor den Duma-Wahlen. Da nahm plötzlich das dem Kreml nahe stehende Revolverblatt "Twoj Den" - "Dein Tag" - den Kommunisten unter Feuer. Die Zeitung, die sonst mit Vorliebe die außerparlamentarische Opposition mit Schmutzgeschichten über Callgirl-Affären oder abgehörte Telefonate überzieht, berichtete über ein paar Schuhe, die sich der Kommunist für umgerechnet 2000 Dollar aus Krokodilleder hatte fertigen lassen. Sjuganow, ätzte das Blatt, habe "wohl das Vermächtnis Lenins vergessen".

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