Politischer Druck Putin-kritischer TV-Sender Doschd sieht sich bedroht

Der wichtigste russische Satellitenbetreiber Tricolor wendet sich von dem oppositionellen Fernsehsender Doschd ab. Deswegen muss der Sender nach eigenen Angaben Anfang Februar faktisch schließen - und wird nur noch im Internet erreichbar sein.

Moskau - Der oppositionelle russische Fernsehsender Doschd ist von der Schließung bedroht: Der Betreiber Tricolor TV kündigte am Montagabend an, das Programm von Doschd nicht mehr ausstrahlen zu wollen. Chefredakteur Michail Sigar machte politischen Druck aus Moskau verantwortlich.

Nach dem Abschalten durch Tricolor ab dem 10. Februar wird Doschd, auf deutsch: "Regen", nur noch über das Internet sowie von einigen regionalen Anbietern ausgestrahlt. "Doschd wird also faktisch geschlossen", sagte Sigar. Zuvor hatten bereits die Betreiber Akado, Rostelecom und Beeline den Sender aus ihrem Angebot gestrichen. Tricolor mit seinen Millionen von Abonnenten war der wichtigste Betreiber gewesen, der Doschd geblieben war.

Tricolor selbst gab Meinungsverschiedenheiten über die redaktionelle Linie als Grund für die Abkehr von dem Oppositionellen-Sender an. Die Verantwortlichen des Senders beklagten dagegen politischen Druck. Anfangs habe sich Tricolor nicht gebeugt, sagte Chefredakteur Sigar, nun habe es eine "Kehrtwende" gegeben: "Es ist eine rote Linie, die zeigt, dass ein regelrechter Krieg gegen uns geführt wird."

Bei einer Pressekonferenz in Moskau sagte Sigar, der politische Druck habe begonnen, nachdem der Sender vor einigen Monaten eine Untersuchung des Oppositionellen Alexej Nawalny über den Immobilienbesitz von Verantwortlichen der Regierungspartei ausgestrahlt habe. "Die Betreiber haben nicht aus freien Stücken gehandelt", sagte der größte Aktionär des Senders, Alexander Winokurow.

"Alle Grenzen des Tolerierbaren überschritten"

Doschd ist der wichtigste oppositionelle Fernsehkanal Russlands. Er ist einer der wenigen, die einen kritischen Tonfall gegenüber Präsident Wladimir Putin anschlagen und groß über Proteste der Opposition berichten.

In der vergangenen Woche löste der Sender jedoch breite Verärgerung aus, als er zum 70. Jahrestag des Endes der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht die Frage aufwarf, ob die Stadt - das heutige St. Petersburg - hätte frühzeitig aufgegeben werden sollen, um die Zahl der zivilen Opfer zu verringern. Putins Sprecher Dimitri Peskow erklärte danach, der Sender habe "alle Grenzen des Tolerierbaren überschritten". Die Umfrage wurde rasch aus dem Programm genommen, der Sender entschuldigte sich.

Der Menschenrechtsrat des Kreml appellierte an das Innenministerium, die Kündigungen der Netzbetreiber zu prüfen. Der staatliche Telekommunikationsanbieter Rostelekom stellte in Aussicht, Doschd wieder aufzunehmen, sobald der Kanal "rehabilitiert" sei.

vek/AFP/dpa
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