Putins Trennung Bis das Amt euch scheidet

Spekulationen über die Ehe der Putins gab es seit Jahren. Über Affären wurde getuschelt, Alkoholsucht und heimliche Kinder. Nun verkündete Russlands Präsident während einer Pause beim Ballettbesuch: Er trennt sich von Ljudmila. Seinem Ansehen dürfte das kaum schaden.

Von , Moskau


Im Sommer 1998 klingelt in einem Hamburger Vorort ein Telefon. Irene Pietsch nimmt den Hörer ab, am anderen Ende der Leitung spricht eine Freundin aus Russland. "Wolodja ist zum Geheimdienstchef ernannt worden", sagt die Anruferin. Wolodja, das ist Wladimir Putin, den Präsident Boris Jelzin 1998 erst zum Chef des mächtigen Inlandsgeheimdienstes FSB macht und in der Silvesternacht 1999/2000 zu seinem Nachfolger im Kreml. Die Freundin am Telefon ist Putins Frau Ljudmila.

Die Putins hatten sich mit dem Hamburger Ehepaar Pietsch angefreundet, aber diese Freundschaft muss nun enden. "Wir dürfen keinen Kontakt mehr haben", verkündet Ljudmila am Telefon. Und: "Diese entsetzliche Isolation! Nicht mehr reisen können, nicht mehr sprechen können, was man will... ich habe doch gerade erst angefangen zu leben."

Ljudmila Putina ist an der Karriere ihres Mannes verzweifelt. 1983 heiratete sie den einfachen KGB-Offizier Wladimir Wladimirowitsch Putin in Sankt Petersburg. Ehefrau eines Politikers wollte sie nie sein. Die First Lady gab sie in der Öffentlichkeit nur in den ersten Jahren der Präsidentschaft ihres Mannes. 2003 machte sie sich stark für eine "Welt ohne Schimpfwörter". 2006 für eine Reform des Schulsystems nach deutschem Vorbild. Staatsbesuche absolviert Putin aber schon seit Jahren allein. Premierminister Dmitrij Medwedew wurde beim Ostergottesdienst Anfang Mai von seiner Frau Swetlana begleitet. Neben Putin stand Moskaus Oberbürgermeister Sergej Sobjanin.

Fotostrecke

12  Bilder
Russischer Präsident: Die Putins, Szenen einer Ehe
Die Auftritte von Ljudmila Putina waren zuletzt so rar, dass den Nachrichtenagenturen schon ihr bloßes Erscheinen eine Meldung wert war. "Präsident Putin besuchte mit seiner Gattin Ljudmila das Ballett Esmeralda", tickerte RIA Nowosti am Donnerstagabend.

Ein Paar waren die beiden da schon lange nicht mehr. In der Pause der Vorstellung traten beide vor die Kameras des Staatsfernsehens und verkündeten, worüber das ganze Land seit Jahren spekulierte: ihre Trennung.

"Unsere Ehe ist beendet", sagte Ljudmila Putina. "Wir sehen uns praktisch nicht mehr. Es hat sich so ergeben, dass jeder sein eigenes Leben lebt."

"Meine ganze Arbeit ist mit absoluter Öffentlichkeit verbunden. Für manche Menschen ist das völlig unvereinbar", sagte der Präsident.

Ob das - man verzeihe die Nachfrage - denn eindeutig die Scheidung bedeute, hakte die Fragestellerin vom russischen Fernsehen zaghaft nach. "Ja, eine zivilisierte Scheidung", antwortete Ljudmila Putina.

Putin hat zu Beginn seiner dritten Amtszeit eine Art "geistig-moralische Wende" ausgerufen. Der Einfluss der orthodoxen Kirche wächst, der Präsident selbst wird nicht müde, für traditionelle "Familienwerte" zu werben.

Die Russen sind an Scheidungen gewöhnt

Die Trennung dürfte das Image des Präsidenten dennoch kaum nachhaltig beschädigen. An Scheidungen sind die Russen gewöhnt. Pro Jahr trennen sich rund 700.000 Paare, die Scheidungsrate ist doppelt so hoch wie in Deutschland.

Heikler für das Ansehen des Präsidenten waren die Spekulationen, die die auffallende Leere an Putins Seite provozierte. Wer im Internet nach Ljudmila Putina sucht, dem schlägt Googles Algorithmus, dieser Spiegel des Tratsches, automatisch die Begriffe "Kloster" oder "schwanger" vor.

Seit Jahren halten sich Gerüchte, Putins Frau lebe zeitweise in einem Kloster in der Nähe der westrussischen Stadt Pskow. Sie werde vom Geheimdienst abgeschirmt. Sie leide an den Folgen eines alten Autounfalls im Jahr 1994, sie habe ein Alkoholproblem. Im Frühjahr 2012 verbreiteten Webseiten die Meldung, die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern erwarte ein drittes Kind. Sie sei im siebten Monat schwanger und zur Behandlung in einer Klinik in München.

Affären mit der Spionin oder der Olympiasiegerin?

Von Putin heißt es seit Jahren, er habe Affären. Von einer Liebschaft mit einer Fotografin war da die Rede, von großer Nähe zu Anna Chapman, der in den USA aufgeflogenen schönen Spionin. Beweise dafür gab es nie. Putins Privatleben wird seit Jahren hermetisch abgeschirmt, von seinen Töchtern Maria und Jekaterina gibt es kaum Fotos. In diesem Informationsvakuum aber blühen die Spekulationen. Die Zeitung "Moskowskij Korrespondent" meldete schon 2008 von Putins angebliche Scheidung, er habe stattdessen mit Alina Kabajewa angebandelt, der Olympiasiegerin in rhythmischer Sportgymnastik. Dass die Zeitung unmittelbar darauf von ihrem Eigentümer eingestellt wurde, trug nicht dazu bei, das Gemunkel zu beenden.

Ab und an mühte sich der Kreml, mit gemeinsamen Auftritten den Eindruck eines intakten Ehe-Lebens zu vermitteln. Die Inszenierungen aber waren meist so plump, dass sie das Gegenteil erreichten. 2010 etwa empfingen die beiden Freiwillige, die Russlands Statistikamt bei einer landesweiten Volkszählung halfen.

Publicity-Stunt auf schlichtem Sofa

Die PR-Strategen platzierten Ljudmila und Wladimir Putin auf einem ausgesucht schlichten Sofa. Das winzige Wohnzimmer in einer spartanischen Wohnung sollte Bodenständigkeit und Volksnähe demonstrieren. Es wirkte aber wie eine sterile Filmkulisse, zumal Putin seine Zeit am liebsten in herrschaftlichen Residenzen am Schwarzen Meer oder am Stadtrand von Moskau verbringt. Die Fragen beantworteten die Eheleute gemeinsam. Ob sie zusammen wohnen, wollten die Volkszähler wissen. Ljudmila Putina zögert, sie schaut zu ihrem Mann. Er sagt: "Ja."

Den letzten Auftritt absolviert Ljudmila Putina auf Russlands größter Bühne, dem Staatlichen Kreml-Palast. Zu Sowjetzeiten hielten die Kommunisten hier ihre Parteitage ab. In einem Nebenraum wartet ein Fernsehteam, das - rein zufällig natürlich, wie der Kreml später versichert - Fragen stellt zu einem Thema, das eigentlich Tabu ist in Russlands Medien: das Privatleben des Präsidenten.

"Lapulja - Darling" soll Russlands scheidende First Lady ihren Mann früher zärtlich genannt haben. Jetzt sagt sie höflich distanziert "Wladimir Wladimirowitsch". Sie sei ihm sehr dankbar. Man werde sich "für immer sehr nahe stehen".



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sabi 07.06.2013
1. Lupe
Der Lupenreine war bis dato im Vergleich von seinem Gas-Freund in Sachen Ehefrauen sehr bescheiden. Er hat mindestens noch 4 Frauen gut !
janne2109 07.06.2013
2. ..........
ein sehr wichtiger Beitrag, besonders die Aussagen von ehemaligen Freunden, ich finde es toll dass so viele Menschen die Lampe gehalten haben, hoffentlich ist der Arm nicht allzu lahm geworden. Nun brauche ich auch nicht mehr Bunte zu lesen.
tomkey 07.06.2013
3. Nur Frauen?
Zitat von SabiDer Lupenreine war bis dato im Vergleich von seinem Gas-Freund in Sachen Ehefrauen sehr bescheiden. Er hat mindestens noch 4 Frauen gut !
Sind Sie sich da sicher? Den Vorzeigedemokraten aller Russen sieht man doch öfters mit freiem Oberkörper durch die russische Prärie reiten, er liebt das Ringen, schaut Boxen und präsentiert gerne der Öffentlichkeit seinen gestählten und kerngesunden Körper. Da bleibt noch viel Platz für Spekulationen ;)
mauerfall 07.06.2013
4. optional
wie wäre es, wenn sie ihre zwischenzeilen auch erklären? da steht zwar, dass ihm eine affäre mit einer olympiasiegerin nachgesagt wurde, im text ist davon aber später nichts zu erfahren. dank goggle weiß ich jetzt aber, dass es um alina kabajewa geht...
krasmatthias 07.06.2013
5.
Zitat von sysopREUTERSSpekulationen über die Ehe der Putins gab es seit Jahren. Über Affären wurde getuschelt, Alkoholsucht und heimliche Kinder. Nun verkündete Russlands Präsident während einer Pause beim Ballettbesuch: Er trennt sich von Ljudmila. Seinem Ansehen dürfte das kaum schaden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/putin-und-seine-frau-ljudmila-lassen-sich-scheiden-a-904334.html
Ansonsten andere Artikel von Herrn Bidder gewoehnt, ueberrascht mich dieser sachliche Artikel sehr positiv. Mir tut jede Beziehung leid, welche nach 30 Jahren aufgegeben werden muss. Egal wer es ist. Nach so langen Jahren nochmal eine erfuellende Beziehung aufzubauen ist unmoeglich und wird nie ueber Oberflaechlichkeiten hinauskommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.