Putin-Rocker "Nachtwölfe" Sind doch nur zwei Dutzend Durchgeknallte

Putins "Nachtwölfe" bekommen auf ihrer Irrfahrt nach Berlin, was sie wollen: Aufmerksamkeit und ein klares Feindbild. Die Reaktion auf die Biker ist hysterisch, dabei verdienen die russischen Profilneurotiker höchstens ein Schulterzucken.

Ober-"Nachtwolf" Alexander Zaldostanov in Moskau (2014): Gen Westen gegen den Westen
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Ober-"Nachtwolf" Alexander Zaldostanov in Moskau (2014): Gen Westen gegen den Westen

Ein Kommentar von , Moskau


Liebe Leser, ich sitze an meinem Schreibtisch in Moskau, Sie wahrscheinlich in Deutschland. Irgendwo dazwischen spielt sich etwas ab, das langsam Züge eines kleinen Krieges annimmt: Russische Biker liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit polnischen Grenzern. Ihr Ziel ist Berlin: Aus Russland sind sie aufgebrochen, um den Weg der Roten Armee auf ihrem Siegeszug gegen Nazi-Deutschland nachzureisen. Die Russen sagen, sie wollten in den nächsten Tagen in jedem Falle durchbrechen, Einreiseverbot hin, Visa-Annullierung her.

Wenn ich die "Nachtwölfe" in schwarzer Kluft auf schwarzen Motorrädern mit schwarzen Fahnen sehe, beschleicht mich der Verdacht, dass dieser Trupp ausgewachsener Profilneurotiker sein Ziel längst erreicht hat. Und damit meine ich nicht die deutsche Hauptstadt.

Zu einer gelungenen Provokation gehören immer zwei Seiten: eine, die provoziert, und eine, die sich empört. Ihre Gegner liefern den Rockern nun die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschen. Und das Feindbild, das sie brauchen.

Europas Reaktion auf die Biker hilft der Kreml-Propaganda

Zuletzt war in den russischen Nachrichten gar die Rede davon, dass Polen Spezialkräfte an der Grenze in Stellung gebracht hat und Helikopter, um die "Nachtwölfe" zu stoppen. Das mag man glauben oder nicht - aber es bereitet den Bikern die Bühne, sich als zu Unrecht geschmähte zu inszenieren.

Ihr Rudelführer stilisiert sich im Fernsehen als Opfer, ausgesperrt von Europa. Die Propaganda garniert das mit der infamen Unterstellung, der Grund dafür sei eine angeblich im Westen tief sitzende Sympathie für den Nazismus.

Das ist grotesk. Europas Reaktion auf die Fahrt der "Nachtwölfe" jedoch hat das richtige Maß verloren: Sie ist hysterisch. Klar, die russischen Biker sind irre ("Wir verteidigen uns gegen den Satan, den Westen"). Aber sind sie deshalb auch ein Sicherheitsrisiko?

Die Bundesregierung hat bereits erteilte Visa einiger Biker annulliert. Der Motorradkorso diene nicht "dem Ziel, einen Beitrag zur Stärkung der deutsch-russischen Beziehungen zu leisten". Man könnte anmerken, dass die Liste der Beiträge zur Stärkung des bilateralen Verhältnisses in letzter Zeit insgesamt eher kurz ist. Das Aussperren von Motorradfahrern, deren Namen nicht zu Fahndung ausgeschrieben sind und auf keiner Sanktionsliste stehen, trägt aber sicher auch nicht dazu bei.

Man muss verstehen: Die Kreml-Medien treiben sehr bewusst die Entfremdung der Russen von Europa voran. Sie zeichnen für das Heimatpublikum ein Zerrbild der EU, das nur mehr als "Gay-ropa" vorkommt oder als Hort von Russen-Hassern. Die Szenen des Showdowns an der Grenze zu Polen sind Wasser auf ihre Mühlen.

Dabei kann auch die russische Propaganda nicht im luftleeren Raum operieren. 2011 scheiterte sie kläglich, als sie den Russen weismachen wollte, die Wahlen seien fair und frei gewesen. Diese Lüge glaubte kaum jemand, zu offensichtlich waren die Fälschungen.

Es wäre also weitsichtiger gewesen, die "Nachtwölfe" fahren zu lassen. Man hätte sie festsetzen können, sobald sie Krawall machen. Die Polizei in der Hauptstadt sollte mit zwei Dutzend Motorradfahrern fertig werden können. Ansonsten hätte ihnen Berlin die einzige Reaktion zeigen können, die sie verdient haben: ein gepflegtes Schulterzucken, garniert vielleicht mit einem Gähnen.

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Sollen die "Nachtwölfe" einreisen dürfen?

Mit einer Motorradtour nach Berlin wollen die Putin-treuen "Nachtwölfe" den Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland feiern. Dürfen die das?

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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