Putschversuch in der Türkei Der Albtraum

Panzer auf den Straßen, das Parlament unter Beschuss: Die Türkei erlebt einen Putschversuch. Die Bürger, egal ob Konservative, Kurden oder Linke, schlagen sich auf Erdogans Seite.
Türkische Soldaten auf dem Taksim-Platz

Türkische Soldaten auf dem Taksim-Platz

Foto: Sedat Suna/ dpa

Diyarbakir, die größte kurdische Stadt im Südosten der Türkei, hat in den vergangenen Monaten und Jahren unzählige Aufmärsche erlebt: Die Menschen trugen den Protest gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder auf die Straße.

Auch in dieser Nacht demonstrieren die Menschen in Diyarbakir vor dem Büro der Regierungspartei AKP. Doch dieses Mal ist alles anders. Die Bewohner der Stadt protestieren nicht gegen Erdogan - sondern für ihn. Die Kurden, die wie keine andere Minderheit unter der Repression durch den Staat zu leiden haben, verdammen den Putschversuch des türkischen Militärs gegen die Regierung Erdogan (lesen Sie hier die Entwicklung im Newsblog). "Wir sind, unter allen Umständen und aus Prinzip, gegen jede Form von Coup", schreibt die prokurdische Partei HDP auf Twitter.

Alle anderen demokratischen Parteien in der Türkei haben sich ähnlich geäußert. Konservative, Sozialdemokraten, Rechtspopulisten wehren sich vereint gegen den Anschlag der Streitkräfte auf die türkische Demokratie.

No-comment-Video: Szenen aus Ankara und Istanbul

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Offenbar mit Erfolg: Am frühen Samstagmorgen trat Erdogan erstmals seit Beginn des Putschversuches öffentlich auf. Er äußerte sich nach seiner Landung auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul. Und machte schnell die Schuldigen aus: die Bewegung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen. "Das war die Parallelorganisation höchstpersönlich", sagte Erdogan. "Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen."

Gülen ist ein einstiger Verbündeter Erdogans. Beide haben sich aber 2013 überworfen. Gülen - der in der Türkei inzwischen als Terrorist gilt - verurteilte den Putschversuch auf das Schärfste. Eine Regierung müsse durch freie und faire Wahlen an die Macht kommen, nicht durch Gewalt, hieß es in einer Mitteilung. Erdogan wirft Gülen vor, parallele Strukturen aufgebaut zu haben, um ihn zu stürzen.

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Türkei: Kampf um die Macht

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Die Türkei hat in den vergangenen Monaten viel Leid erfahren: Islamistische und kurdische Extremisten töteten bei knapp zwei Dutzend Anschlägen mehr als 300 Menschen. Die Menschen rechneten mit weiteren Bluttaten, mit Bombenattentaten, mit Repressionen durch die Regierung. Doch mit einem Umsturzversuch? "Bitte sagt, dass das alles nicht wahr ist", schreibt eine junge Türkin auf Twitter.

Das Militär, das sich in der Vergangenheit immer wieder unheilvoll in die türkische Politik eingemischt hatte, schien geschlagen, an den Rand gedrängt von Erdogan, dem allmächtigen Präsidenten. Zwar warnten Vertreter der Regierung in vertraulichen Gesprächen immer wieder mal vor der Möglichkeit eines Coups, doch wirklich glauben wollte das in den vergangenen Jahren kaum jemand mehr. Zu marginalisiert schienen die Generäle, zu zermürbt von den Prozessen gegen sie.

Das erste Statement des Präsidenten: Erdogans Facetime-Anruf im Video

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Nun aber rollten die Panzer auf den Straßen von Istanbul und Ankara, detonierten Bomben, nahmen Soldaten Geiseln. Niemand wusste zunächst, wer den Putschisten den Befehl erteilt hatte, wie viele es waren, und wie es ihnen gelang, eine solche Operationen vorzubereiten in einem Land, das mittlerweile fast vollständig vom Geheimdienst überwacht wird. Sicher ist nur: Die Menschen in der Türkei erleben diesen Coup als einen Albtraum.

Die Militärs behaupteten in einer ersten Stellungnahme, sie wollten die Demokratie in der Türkei wiederherstellen. Doch sie hatten das Volk gegen sich. Zwar lehnen viele Türken den Despotismus Erdogans ab und wünschen sich eine demokratische Öffnung - doch nicht so, nicht auf diese Weise. In den türkischen Medien und im Internet bekundeten selbst die schärfsten Erdogan-Kritiker ihre Solidarität mit dem Präsidenten.

Die Türken haben seit 1960 vier Coups durchlitten. Sie haben genug davon. Denn nie wurden die Verhältnisse in dem Land besser, nie wurde das System liberaler und demokratischer. Es war Erdogans historisches Verdienst, dass er nach seinem Amtsantritt als Premier 2003 die Macht des Militärs beschnitt. Doch er hat die Gewalt in seinem Land in den vergangenen Jahren durch seinen aggressiven Politikstil eskalieren lassen. Und nun zeigt sich: Die Gespenster der Vergangenheit sind nicht vollständig gebannt.

Egal wie dieser Coup letztendlich endet: Er wird die Türkei in einen unsichereren, unfreieren Ort verwandeln.