Qaida-Botschaft Sawahiri ruft zur Waffenhilfe für Radikale in der Hamas auf

Al-Qaida will von der neuen Stärke der Hamas profitieren: Es sei eine Pflicht, die "Mudschahidin innerhalb der Hamas" jetzt zu unterstützen, erklärt Aiman al-Sawahiri in einem Video. Zuletzt hatte er die palästinensischen Islamisten noch der Kapitulation bezichtigt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es ist ein bemerkenswerter Schwenk, den Aiman al-Sawahiri, Stellvertreter von Osama Bin Laden und Nummer zwei des Terrornetzwerks al-Qaida, in der Ansprache vollzieht: Nachdem der Ägypter die Hamas in den vergangenen Monaten mehrfach harsch kritisiert und des Einknickens bezichtigt hatte, fordert er seine Anhänger jetzt auf, die "Mudschahidin innerhalb der Hamas" zu unterstützen - auch materiell.

Screenshot aus dem aktuellen Sawahiri-Video: Al-Qaida fordert zur Unterstützung des radikalen Hamas-Flügels auf

Screenshot aus dem aktuellen Sawahiri-Video: Al-Qaida fordert zur Unterstützung des radikalen Hamas-Flügels auf

Die entsprechende Botschaft tauchte heute Morgen auf einer einschlägigen Dschihadisten-Website auf; sie ist gut 25 Minuten lang und liegt SPIEGEL ONLINE vor. Die Authentizität des Bandes ist naturgemäß nicht sofort festzustellen, aber sowohl der Veröffentlichungsort als auch die Tatsache, dass die Qaida-nahe Produktionsfirma al-Sahab das Band verantwortet, sprechen dafür.

Die Ansprache Sawahiris trägt den Titel "40 Jahre seit dem Fall Jerusalems", womit er sich auf den Jahrestag des sogenannten Sechs-Tage-Kriegs in diesem Monat bezieht. Damals hatte Israel den arabischen Staaten eine verheerende Niederlage bereitet und den Gaza-Streifen, das Westjordanland und Teile der Golan-Höhen besetzt.

Sawahiri beginnt seine Ausführungen damit, dass er den "Nationalisten" und "Laizisten" die Schuld für die Niederlage gibt: Die arabische Niederlage erkläre sich dadurch, dass die Führer den Islam abgelegt hätten. Auch heute noch seien die einzigen Verteidiger der islamischen Gemeinschaft die Mudschahidin, womit Sawahiri die Kämpfer von al-Qaida und Co. meint.

Mit Blick auf Hamas und deren Eroberung der Macht im Gaza-Streifen in der vorvergangenen Woche erklärt der Qaida-Vize: "Die islamische Gemeinschaft steht hinter euch. Aber ihr müsst den richtigen Weg einschlagen." Schon diese Aussage überrascht, denn erst vor Wochen hatte Sawahiri die Islamisten der "Kapitulation" bezichtigt, weil sie, gemeinsam mit der weltlich orientierten Fatah, eine Regierung der Nationalen Einheit in den Palästinensischen Autonomiegebieten gebildet hatten. Hamas hatte sich eine solche Einmischung verbeten.

Rote Linien für die Hamas

Da die Einheitsregierung aber nun nicht mehr besteht und die Hamas in Gaza einen unmittelbaren Herrschaftsbereich gewonnen hat, ändert Sawahiri nun seine Meinung: "Trotz alledem", sagt er etwa mit Blick auf die Position der Hamas, dass sie nur für Palästina und nicht für den globalen Dschihad kämpft, "stehen wir hinter euch im Kampf gegen Israel und die Laizisten."

Die Antipathie zwischen al-Qaida und Hamas war in der Vergangenheit gegenseitig gewesen - jede Aufforderung der Qaida, sich anzuschließen, hatte die Hamas zurückgewiesen. Jetzt aber schlägt Sawahiri neue Töne an: Die Mudschahidin der Hamas, womit er offensichtlich den radikalen Flügel der Bewegung meint, und die anderen Mudschahidin in Palästina, worunter er vermutlich die Qaida-Anhänger fasst, müssten kooperieren.

Noch weiter geht er, was Forderungen an die Qaida-Unterstützerszene angeht: Es sei eine "religiöse und individuelle Pflicht", die Mudschahidin innerhalb der Hamas zu unterstützen - "unter anderem, indem wir den Transport von Waffen erleichtern".

Zugleich erklärte Sawahiri, es gebe bestimmte "rote Linien", die nicht überschritten werden dürften - diese Erörterung ist offenbar an die Hamas adressiert. Zu den "roten Linien" gehöre es, von der Scharia-Rechtsprechung abzuweichen, islamisches Land abzutreten und einen Nationalstaat anstelle des Kalifats anzustreben. Damit will der Ägypter wahrscheinlich aufzeigen, unter welchen Bedingungen er für eine weitere Unterstützung der Hamas eintreten würde.

Eine Reaktion der Hamas auf das Band gibt es zur Stunde noch nicht. Bis jetzt waren die Reaktionen aber stets eindeutig: Keine Kooperation mit und Vereinnahmung durch al-Qaida, so lautete die Devise. Dass sich das durch die Gaza-Übernahme ändert, ist ebenfalls nicht unbedingt zu erwarten: Innerhalb der Hamas wird sie vor allem als Reaktion auf das Verhalten der Fatah interpretiert und nicht als islamistische Machtergreifung, auch wenn Teile der Bewegung einen islamistischen Staat im Gaza-Streifen errichten wollen.

Aiman al-Sawahiri gilt mittlerweile als wichtigster Ideologe al-Qaidas. Er äußert sich seit geraumer Zeit fast monatlich, im Gegensatz zu Osama Bin Laden, von dem immer seltener Ansprachen auftauchen. Zuletzt hatte Sawahiri sich nach dem Tod des Taliban-Kommandeurs Mullah Dadullah vor wenigen Wochen geäußert.

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