Qaida-Botschaft zur US-Wahl Obama wird für Osama ein Problem

Für al-Qaida ändert die Wahl Obamas zum US-Präsidenten nichts. Das hat Terrorpate al-Sawahiri per Video erklärt. Aber das stimmt nicht wirklich: George W. Bush war als Feindbild perfekt. Ein versöhnlicher Obama passt weniger ins Konzept.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Im Grunde ist es einfach: Hätte der 11. September 2001 auch stattgefunden, wenn zu jenem Zeitpunkt nicht George W. Bush, sondern Al Gore Präsident der USA gewesen wäre? Ja, natürlich. Und würden Qaida-Terroristen, die einen Anschlag gegen US-Ziele planen, diesen absagen, weil John McCain Barack Obama unterlegen ist? Nein, auf keinen Fall.

Qaida-Mann Sawahiri: "An die Unterdrückten der Welt"
REUTERS / SITE Intelligence Group

Qaida-Mann Sawahiri: "An die Unterdrückten der Welt"

Al-Qaida hat die Feindschaft zu den USA noch nie von deren Führungspersonal abhängig gemacht. Man sieht das sehr genau, wenn man die Strategiepapiere und ideologischen Handreichungen al-Qaidas liest. Dort wird der jeweilige Präsident der USA, völlig ohne Ansehen seiner Partei, Position oder Politik, meist als "Hubal unserer Zeit" oder "Pharao unseres Zeitalters" beschrieben. Hubal war eine altarabische Götzengottheit, die, genau wie der (historische) Pharao, in der islamistischen Nacherzählung der Weltgeschichte als größtmöglicher Widersacher des wahren Glaubens gilt.

Manchmal, so etwa in Sawahiris Rede vom Mittwoch, werden sogar die USA als Land mit Hubal gleichgesetzt. Was das heißt? Dass es al-Qaida, ideologisch betrachtet, völlig egal ist, wer im Oval Office regiert. Denn die USA, als Führungsmacht des Westens, beziehungsweise, in al-Qaidas Augen, als Führungsmacht des Unglaubens, der Bigotterie, des Verderbens und der antiislamischen Hetze und Gewalt, stehen zwangsläufig im Fadenkreuz. Die am Mittwoch veröffentlichte Rede Aiman al-Sawahiris, deren Hauptbotschaft genau diese Aussage ist, überrascht deswegen überhaupt nicht.

Interessant ist sie dennoch. Denn Ideologie und Realität sind nicht immer gleich weit voneinander entfernt: Manchmal klaffen sie auseinander, ein anderes Mal lassen sie sich ganz gut vereinbaren.

George W. Bush zum Beispiel, der scheidende Präsident, eignete sich hervorragend für al-Qaidas Mobilmachung. Völlig ohne Zwang sprach er selbst von einem "Kreuzzug"; er marschierte mit vorgeschobenen Gründen in den Irak ein; unter seiner Ägide gab es Guantanamo, Abu Ghureib und "außerordentliche Überstellungen". Osama Bin Laden hätte sich keinen besseren "Hubal" ausdenken können.

Ansprache an die Nachwuchskader des Terrors

Etwas anders liegen nun die Dinge mit Barack Obama. Natürlich wird nicht ein einziger überzeugter Dschihadist ins Wanken geraten, nur weil er Obamas Reden auf CNN gesehen und feuchte Augen bekommen hat. Aber für al-Qaida sind strategisch gesehen auch nicht die bereits Überzeugten am wichtigsten, sondern die Schwankenden - diejenigen, die den Nachschubkader des Terrorismus bilden, wenn es gelingt, sie zu rekrutieren.

An sie richtet sich Aiman al-Sawahiri in seiner Videobotschaft vor allem. Ihnen versucht er zu erklären, warum auch sie von Obama nichts zu erwarten haben. Der ägyptische Qaida-Vordenker tut dies auf verschiedenen Ebenen, um auch ja kein Gegenargument zu vernachlässigen. Er stellt Obama als Sohn eines Muslims dar, der seinen angeborenen Glauben verleugnet. Das ist die religiöse Ebene. Er sagt voraus, dass Obamas Strategie, den Anti-Terror-Kampf in Afghanistan mit Truppen aus dem Irak zu verstärken, scheitern wird. Das ist die politische Ebene. Er verweist auf Obamas Äußerungen zu seiner festen Bindung an Israel. Das ist die emotionale Ebene. Und er deutet Obamas Wahl als Eingeständnis der Wähler, dass die USA bereits wanken. Das ist die Propaganda-Ebene.

Al-Sawahiri hat guten Grund für seinen so umfassenden Versuch, Obama zu entzaubern. Denn al-Qaida steckt in einer zwar noch nicht existentiellen, aber gefährlichen Krise: Seit etwa 2005 sinken die Unterstützungswerte für Osama Bin Laden und seine Gefährten in vielen muslimisch geprägten Weltgegenden. Es dürfte noch schwerer werden, Rekruten zu finden, wenn der kommende US-Präsident auf einmal versöhnliche Töne gegenüber den Muslimen der Welt findet, Guantanamo schließt und den verbliebenen Insassen faire Verfahren gewährt.

Obama ist für al-Qaida ein größeres Problem als Bush

Hinzu kommt, dass al-Qaida sich seit einigen Jahren massiv bemüht, ausgerechnet in Afrika neue Filialen und Unterstützerkreise zu gründen. In wichtigen Teilen des Kontinents aber ist Obama wegen seiner kenianischen Wurzeln ein Star.

Obama ist für Osama so schon vor seiner ersten Amtshandlung ein größeres Problem, als es Bush je war. Wenn Bush für al-Qaida der perfekte US-Präsident war, dann ist Obama der problematischste.

Vorerst jedenfalls - und diese Einschränkung ist wichtig. Denn Barack Obama ist zwar eine global funktionierende Projektionsfläche; aber er ist kein Hippie. Er hat bereits angekündigt, US-Militärschläge in Pakistan weiterzuführen. Er wird sich im Nahost-Konflikt nicht plötzlich auf die Seite der Palästinenser schlagen.

"An die Unterdrückten der Welt" wendet sich Sawahiri denn auch am Schluss des Videos: Amerika habe sich ein neues Gesicht übergestülpt, aber sein hasserfülltes Herz bleibe dasselbe. Auch solche Worte verfangen, nicht nur die Botschaft vom "Change". Und sie werden umso mehr verfangen, je weiter Obama von seinem Idealismus wird abrücken müssen. Genau darauf hofft al-Sawahiri. Womöglich eben doch nicht zu Unrecht.



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