Kasache Rachat Alijew Der mysteriöse Tod des Ex-Botschafters

Rachat Alijew war Schwiegersohn von Kasachstans Präsident Nasarbajew, Botschafter in Österreich - bis ihn der Diktator plötzlich fallen ließ. Nun starb er in einem Wiener Gefängnis. Seine Anwälte glauben nicht an Selbstmord.

Rachat Alijew (Archivbild): Tod in der Gefängniszelle
DER SPIEGEL

Rachat Alijew (Archivbild): Tod in der Gefängniszelle

Von und , Moskau und München


Mitarbeiter der Wiener Justizanstalt Josefstadt machten am Dienstagmorgen eine grausige Entdeckung, als sie die Einzelzelle von Rachat Alijew öffneten. Sie fanden den früheren kasachischen Botschafter gegen 7.20 Uhr tot auf. Der 52-jährige Ex-Schwiegersohn von Kasachstans Machthaber Nursultan Nasarbajew hatte sich offenbar in seiner Zelle erhängt.

Der Gefängnisleitung zufolge gibt es keine Anzeichen für Fremdeinwirkung. Anwälte von Alijew äußerten aber bereits am Dienstag Zweifel am Selbstmord ihres Mandanten. Eine Kollegin habe noch am Montag mit Alijew gesprochen, sagte Rechtsanwalt Stefan Prochaska SPIEGEL ONLINE. "Es gab überhaupt keinen Hinweis darauf, dass er sich das Leben nehmen wollte." Alijew habe sich bis zuletzt intensiv auf seinen Prozess vorbereitet und dabei "kämpferisch und inhaltlich fokussiert" gewirkt.

Sein Tod markiert den vorläufigen Schlusspunkt eines Kriminalfalls, der sich wie ein Thriller liest. Alijew war wegen des Vorwurfs des Doppelmords inhaftiert, der Prozess sollte in diesem Frühjahr beginnen.

Der Anklage zufolge soll Alijew im Februar 2007 im kasachischen Almaty zusammen mit zwei Mittätern zwei Bankmanager getötet haben. Demnach injizierte Alijew den beiden Bankern "ein ihre Beweglichkeit stark herabsetzendes Neuroleptikum und zusätzlich stark sedierende Substanzen". Später sollen die drei Angeklagten ihren Opfern Plastiksäcke über die Köpfe gestülpt und sie mit einer Schnur erdrosselt haben. Die in Kalkfässern versteckten Leichen wurden Jahre später in Kasachstan gefunden.

Der plötzliche Absturz des Günstlings

Eine Auslieferung von Alijew nach Kasachstan hatte Wien wegen der Menschenrechtslage in dem Land stets abgelehnt: Diktator Nursultan Nasarbajew regiert streng, sein einstiger Günstling Alijew war längst in Ungnade gefallen. Durch die Hochzeit mit Nasarbajews Tochter Dariga war der erfolgreiche Geschäftsmann zunächst dem Machtzirkel des Diktators ganz nah gekommen. Zwischenzeitlich bekleidete er den Posten des Vize-Außenministers, anschließend wurde er Botschafter in Wien. Jahrelang galt er in Kasachstan als möglicher Thronfolger des Präsidenten.

Der jähe Absturz folgte, als Alijew 2007 ankündigte, Nasarbajew als Staatschef nachfolgen zu wollen. Es kam zum Zerwürfnis mit dem Schwiegervater. Er wurde als Botschafter abgesetzt, kasachische Richter schieden ihn ohne sein Beisein von Nasarbajews Tochter und verurteilten ihn in Abwesenheit zu 40 Jahren Gefängnis wegen Menschenraubs, Hochverrats und Putsch-Versuchs.

2008 scheiterten in Wien drei Versuche, den früheren Ex-Geheimdienstchef Alnur Mussayev und den Alijew-Vertrauten Vadim Koshlyak zu entführen - beide sind zusammen mit Alijew in Wien wegen Mordes angeklagt. Dem österreichischen Verfassungsschutz zufolge steckte der kasachische Geheimdienst hinter den Entführungsversuchen.

Möglicherweise machten kasachische Agenten in Wien auch Jagd auf Alijew: In einem Fall entdeckte die Polizei an einem seiner Autos einen durchtrennten Bremsschlauch.

"System des Schwiegerpaten"

Alijew schlug aus seinem österreichischen Exil zurück: Er veröffentlichte ein Enthüllungsbuch über das "System des Schwiegerpaten" - gemeint war Nasarbajew, dessen Vermögen auf mindestens sieben Milliarden Dollar geschätzt wird. In seinem Buch warf Alijew Nasarbajew Korruption vor, schrieb über Schecks von Banken aus Liechtenstein und Telegramme der CIA. Kurz: Er entlarvte ein kleptokratisches Regime, dessen Profiteur er noch vor Kurzem selbst gewesen war.

Auch wenn er sich in dem Buch als aufrechter Gegner Nasarbajews inszenierte, galt Alijew als zwielichtige Figur: Er wurde in Verbindung mit mehreren Morden gebracht. So starb etwa eine bekannte kasachische Nachrichtensprecherin unter mysteriösen Umständen. Natalia Nowikowa war mit einem kasachischen Diplomaten in Wien verheiratet, galt aber über Jahre als Alijews Geliebte. Im Jahr 2004 stürzte sie in Beirut von einem Balkon. Das Haus, in dem Nowikowa damals wohnte, gehörte dem Hourani-Clan, einem der wichtigsten Geschäftspartner Alijews.

2011 nahmen die österreichischen Behörden Ermittlungen gegen Alijew wegen Mord- und Geldwäschevorwürfen auf. Im Juni 2014 erfolgte die Festnahme am Wiener Flughafen.

Alijews Einzelzelle sei am Montagabend wie sonst auch üblich um 18 Uhr verschlossen worden, sagte Franz Higatsberger, Pressesprecher der Justizanstalt, SPIEGEL ONLINE. Einen letzten Kontakt habe es um 21.40 Uhr gegeben, als der Häftling Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes erhalten habe. Videoaufzeichnungen aus der Nacht vom Gang des Gefängnisflures würden derzeit von der Staatsanwaltschaft ausgewertet. Es habe keine "Anzeichen für Suizidgefahr" bei Alijew gegeben.

An diesem Dienstag hätte Alijew gegen zwei Mitgefangene aussagen sollen. Diesen warf er vor, Geld gefordert und ihn mit dem Tod bedroht zu haben.

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