Rache für Anschläge Schiitische Polizisten ermordeten willkürlich sunnitische Zivilisten

Blutige Rache im Nordirak: In der Stadt Tal Afar haben schiitische Polizisten mindestens 45 sunnitische Bewohner erschossen - als Vergeltung für Selbstmordanschläge, bei denen gestern über 50 Menschen zu Tode kamen. Al-Qaida bekannte sich heute zu den Attacken.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Vor wenigen Tagen erst hatte US-Präsident George W. Bush Tal Afar als Beispiel für eine verbesserte Sicherheitslage genannt - jetzt steht die nordirakische Stadt unter Schock: Erst gestern starben über 50 Menschen, als Qaida-Terroristen Sprengsätze mitten in der Stadt zündeten.. Und heute liefen Bewaffnete regelrecht Amok: Mindestens 45 sunnitische Zivilisten, willkürlich erschossen - so lautet nach irakischen Quellen derzeit die Bilanz. Die Täter sollen einigen Berichten zufolge schiitische Polizisten außerhalb ihrer Dienstzeit gewesen sein.

Die dramatischen Ereignisse von Tal Afar verdeutlichen einmal mehr, dass der Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten längst die Hauptquelle für die täglich nach wie vor fast 100 gewaltsamen Todesfälle zwischen Euphrat und Tigris ist. Sie zeigen aber auch, wie gezielt die Terroristen der irakischen Qaida-Filiale immer wieder Feuer an die Lunte des Pulverfasses Irak legen.

Heute Morgen nämlich liefen die Bekennerschreiben der Qaida zu den gestrigen Selbstmordattentaten in der Stadt ein. Sie wurden auf einer einschlägigen dschihadistischen Webseite veröffentlicht, die al-Qaida und andere bewaffnete und terroristische Gruppen seit Monaten für ihre Kommuniqués nutzen. In den Erklärungen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, heißt es, die gestern von "Helden aus dem Regiment der Märtyrer" angegriffenen Ziele seien "Versammlungsorte des Heeres des Satans" gewesen - gemeint sind damit schiitische Sicherheitskräfte.

"Verbrennt ihr Fleisch!"

Des Weiteren seien die Anschläge Teil des "Planes der Würde", den der "Befehlshaber der Gläubigen" kürzlich bekannt gegeben habe. Mit diesem traditionellen Ehrentitel schmückt sich seit Anfang des Jahres ein gewisser Abu Omar al-Baghdadi, den die irakische Qaida zum "Führer des islamischen Staates Irak" erklärt hat, der zeitgleich ausgerufen wurde. Dieser Staat ist natürlich ein Fantasieprodukt, er existiert nur in der Theorie. Aber hier laufen die PR der Terroristen ebenso zusammen wie - mutmaßlich - die militärische Führung.

Die Rede, auf die sich die Verfasser der Kommuniqués bezogen, wurde vor wenigen Tagen publiziert. Auch sie liegt SPIEGEL ONLINE vor. Darin ruft al-Baghdadi die Dschihad-Kämpfer auf: "Verbrennt ihr Fleisch und grillt es mit Sprengfallen an Autos. Zerteilt ihre Glieder mit Bomben und lasst mit Scharfschützen die Hölle in ihren Herzen toben". Die martialischen Drohungen richten sich gegen die "Kreuzfahrer", also die US-Armee und ihre Verbündeten. Aber auch "der Krieg gegen die Perser" habe jetzt begonnen, erklärte al-Baghdadi - und damit ist nicht nur Iran gemeint, sondern ebenso die schiitischen Iraker.

Der "Plan der Würde", den der "Befehlshaber" ausbreitet, hat - natürlich - die Vertreibung aller fremden Soldaten und das Töten aller Schiiten zum Ziel. Aber auch die "Festigung der Säulen des islamischen Staates" ist ein Ziel: "Wir stehen in der Anfangsphase und die Gesetze des Staates sind noch nicht vielen Leuten bekannt. Ich bin aber sehr sicher, dass sich uns die treuen Gläubigen anschließen werden."

Anzeichen für Isolierung al-Qaidas

Der Mummenschanz um den "Islamischen Staat" klingt abenteuerlich, hat aber einen wichtigen ideologischen Hintergrund: Radikale Islamisten sind der Ansicht, nur in einem wahrhaft islamischen Staat leben zu können - alles andere ist in ihren Augen nicht gottgefällig. Deshalb streben islamistische Gruppen seit es sie gibt stets Staatsgründungen an - oftmals auch nur pro forma. Es geht ihnen darum, nicht unter der Autorität eines als nichtislamisch eingestuften Herrschers leben zu müssen. Innerhalb von al-Qaida und Co. spielt die Frage, wann und wo ein islamischer Staat errichtet werden kann, deshalb von jeher eine große Rolle. Anfang des Jahres nun preschte der irakische Ableger vor, indem er alle mehrheitlich sunnitischen Provinzen des Irak zum Staatsgebiet erklärte.

Die jüngsten Qaida-Anschläge verdeutlichen darüber hinaus, dass sich das Netzwerk, einst gegründet von dem Jordanier Abu Musab al-Sarkawi, offenbar nicht davon beeindrucken lassen will, dass viele Sympathisanten sich abgewendet haben, weil seine Terroristen fast nur noch Zivilisten umbringen.

Erst gestern berichtete die "Los Angeles Times", dass andere aufständische Gruppen sich deswegen von al-Qaida distanzieren würden. Das Blatt zitierte Anführer militanter Gruppen, die erklärten, sie würden ihre Kooperation mit und das Bereitstellen logistischer Unterstützung für al-Qaida überdenken, etwa aus den Reihen der "Brigaden 1920". Diese Organisation allerdings veröffentlichte heute ein Kommuniqué, in dem sie die Aufrufe der irakischen Regierung zu einem Dialog zurückwies.



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