Radikalisierung "Die islamistische Weltsicht ist bequem"

Ghaffar Hussain war Aktivist der islamistischen Hisb ut-Tahrir. Heute ist er einer von mehreren Aussteigern, die in der Quilliam Foundation gegen Radikalisierung kämpfen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über das islamistische Weltbild - und das Gefühl, allwissend zu sein.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hussain, Sie sind Experte für islamistische Radikalisierung, nicht zuletzt, weil Sie selbst ein radikaler Aktivist waren. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass sich derzeit mindestens drei Dutzend aus Deutschland stammende Islamisten in Terrorcamps in Pakistan oder Afghanistan aufhalten. Einige haben sich schnell, innerhalb von Monaten, radikalisiert. Was treibt junge Muslime in die Radikalität?

Hussain: Vor allem reihen sie sich selbst in die islamistische Erzählung ein, sie übernehmen eine bestimmte Sicht auf die Welt, und dies scheint für europäische Muslime besonders anziehend zu sein. Einige dieser Radikalisierten fühlen sich an den Rand gedrängt und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Mit der Generation ihrer Eltern können sie aber auch nichts anfangen. Also suchen sie nach etwas, wo sie sich zugehörig fühlen können, und das ist oft das Umma-Konzept, dass alle Muslime eine Einheit bilden. Ihr gilt fortan ihre Loyalität, und nichts anderes zählt mehr. Daraus erwächst dann oft der Drang, Gutes zu tun. Und wenn sie dann zum Beispiel mit drastischen Bildern muslimischer Opfer konfrontiert werden, kommen sie manchmal zu dem Schluss, dass sie etwas unternehmen müssen. Hinzu kommt eine theologische Seite: Man sagt ihnen, dass es ihr Pflicht ist zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Einige dieser Radikalisierten waren zuvor nicht besonders erfolgreich in ihrem Leben. Es ist fast, als seien Sie Versager gewesen, die sich selbst in Gewinner verwandeln ...

Hussain: Ja, und ein elitäres Bewusstsein kommt noch hinzu. Ich habe viele Radikale getroffen, die ihre Ansichten mit Leuten, die sich auskennen, nicht diskutieren wollen. Weil sie wussten, dass sie die Debatte nicht gewinnen würden. Aber ihre Weltsicht ist für sie sehr bequem. Sie sind die Vorhut, für sie ergibt alles einen Sinn. Sie haben ein Netzwerk, einen Freundeskreis. Und es kann sehr attraktiv sein, wenn man plötzlich überzeugt ist, dass nur man selbst weiß, was wirklich vor sich geht. Du bist ein wahrer Muslim, die anderen wurden vom Westen infiltriert und korrumpiert. Auf jeden Fall bist du besser als deine Eltern, und darum musst du ihnen auch nicht mehr zuhören.

SPIEGEL ONLINE: Aber sein Land zu verlassen, sich einer Terrororganisation anzuschließen und nach Wasiristan zu gehen ohne Aussicht, jemals wieder zurückzukehren, ist auch ein Risiko. Eine Entscheidung fürs Leben, oder?

Hussain: Diese Gruppe von Menschen geht davon aus, dass es für sie nichts mehr gibt, für dass sich eine Rückkehr lohnt. Aber es gibt natürlich auch andere, die Familie haben und es vorziehen, als Salon-Radikale im Westen zu leben.

SPIEGEL ONLINE: So wie Sie selbst, als Mitglied bei islamistischen Organisation Hisb ut-Tahrir waren?

Hussain: In gewisser Weise, ja. Ich war ein politischer Aktivist, und Hisb ut-Tahrir propagierte nicht, dass wir in das Schlachtfeld ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus: Wie verändert man sich, wenn man die islamistische Ideologie annimmt?

Hussain: Es gibt einem moralische und politische Gewissheit. Für einen 15-Jährigen ist Geopolitik schwer zu verstehen. Aber auf einmal ist alles ganz einfach: Ach so, deswegen bekämpfen Sie uns also!

SPIEGEL ONLINE: Radikalisierung ist ein Prozess, man ist nicht Montag moderat und wacht Dienstag als Möchtegern-Terrorist auf. Gibt es Möglichkeiten, diesen Prozess zu stoppen?

Hussain: Ja, der Prozess kann gestoppt werden - wenn diese Personen alternativen Ansichten ausgesetzt werden, und zwar bevor es zu spät ist. Bevor sie sich nur noch mit Leuten umgeben, die ihnen die radikalen Antworten auf die Fragen geben, die sie umtreiben. Im Grunde suchen diese Personen nach Antworten, und oft finden sie die radikalen Ansichten überzeugend, weil diese alles erklären. An diesem Punkt muss man ansetzen und Informationen anbieten, die diese islamistische Erzählung widerlegen. Auch hier gibt es eine theologische Seite, und man muss ihnen zeigen, dass der Islam als solcher die islamistischen Argumente keinesfalls alle stützt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt religiöses Wissen denn generell in diesem Prozess? Viele Dschihad-Führer sprechen ausgiebig über den Glauben, aber sie haben oft keine gründliche theologische Ausbildung, das gilt selbst für Osama Bin Laden und seinen Vize Aiman al-Sawahiri.

Hussain: Was diese Leute antreibt, ist nicht Religion. Sie blättern nicht im Koran und sagen dann: Ah, das muss ich also tun! Sie werden durch Politik motiviert. Aber wenn Islamisten ihre Weltsicht darlegen, liefern sie immer auch schriftlich-theologische Rechtfertigungen. In der Regel drehen sich 90 Prozent ihrer Reden um Politik, aber sie sagen stets auch: Der Koran unterstützt dies, der Prophet unterstützt dies, um das Argument islamisch erscheinen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchen Gründen haben Sie sich vom radikalen Islamismus abgewandt?

Hussain: Ich habe mich auch als Aktivist der Hisb ut-Tahrir nicht komplett abgeschottet. Ich habe zum Beispiel für mich alleine Geschichte studiert und Politik analysiert. Und ich redete weiterhin mit Muslimen, die andere Ideen vertraten. Auf diese Weise war ich einer gewissen Bandbreite von Informationen ausgesetzt, und erkannte schließlich, dass ich mich einer zumindest sehr engen Interpretation angeschlossen hatte. Aber viele Menschen in so einer Situation wollen sich natürlich gerade nicht mit solchen Dingen befassen. Ihnen ist es mit ihren neuen Ideen und Freunden viel zu bequem.

SPIEGEL ONLINE: Ging es Ihnen denn nur um die Enge der Interpretation, der Sie anhingen, oder haben Sie auch das Gefühl, dass es um Wahrheiten und historische Richtigkeit ging?

Hussain: Einiges von dem, was ich damals glaubte, war definitiv falsch. Der Islamismus ist eine moderne Idee, er ist beeinflusst von europäischen Bewegungen wie dem Marxismus und dem Sozialismus. Islamisten deuten die muslimische Geschichte entsprechend ihrer Ideologie um. Und das führt zu verfälschten Wahrnehmungen, etwa der Geschichte des Osmanischen Reiches.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Quilliam Foundation suchen Sie nach Ansätzen, mit denen man Radikalisierung begegnen kann. Sie nutzen dafür auch religiöse Autoritäten. Wie genau?

Hussain: Wir nehmen uns etwa eines bestimmten Themas an und versuchen dann, respektierte Gelehrte zu finden, die deutlich dagegen Stellung beziehen. So haben wir es etwa bei Selbstmordattentaten getan, oder mit Blick auf die Frage, ob wirklich alle Muslime auf der Welt unter eine einheitliche Führung gebracht werden müssen. Es geht uns darum zu zeigen, dass das, was Radikale glauben, nur ein Standpunkt unter vielen ist. Wir wollen allerdings keinesfalls alle unter einem alternativen Standpunkt vereinigen.

SPIEGEL ONLINE: Als sich die Quilliam Foundation 2008 gründete, als Think Tank ehemaliger radikaler Islamisten, war es da schwer, Gehör zu finden?

Hussain: Es war eigentlich relativ leicht, in die öffentliche Debatte einzugreifen. Viele Leute waren offensichtlich auf der Suche nach neuen und originellen Stimmen bei diesem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihnen denn schon gelungen, radikale Islamisten von ihren Gruppen loszubrechen?

Hussain: Ja, wir haben das Gespräch mit Personen gesucht, die wir kannten. Auf diese Weise haben wir zwischen 30 und 40 Menschen aus diesen Gruppen herausgeholt. Zum Teil hochrangige Mitglieder. Wir haben auch versucht, diese Gruppen zu öffentlichen Debatten herauszufordern, aber das haben sie abgelehnt. Trotzdem glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Diese Gruppen sind jedenfalls nicht mehr so selbstsicher, wie sie es einmal waren.

SPIEGEL ONLINE: Die Quilliam Foundation ist einmalig, auch außerhalb von Großbritannien gibt es nichts Vergleichbares. Haben Sie Expansionspläne?

Hussain: Langfristig ja. Wir wollen eine solide Basis in Großbritannien haben, die dann ein Modell werden soll, das wir nach Europa und in die USA exportieren können.

Das Interview führte Yassin Musharbash



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