Radlader-Attacke in Jerusalem Attentäter handelte offenbar auf eigene Faust

Erschütternde Details der Radlader-Amokfahrt von Jerusalem: Eine Mutter soll ihr Baby geistesgegenwärtig aus dem Auto geworfen haben - Sekunden später wurde sie zerquetscht, ihr Kind lebt. Israelische Medien berichten, der Attentäter sei kein Mitglied einer militanten Palästinenserorganisation.

Von , Naharija


Naharija - Anfangs sah es so aus, als sei das Ganze ein Unfall, ein Missgeschick, sagten Augenzeugen später. Doch als der riesige Radlader gezielt Autos, Busse und Fahrzeuge ansteuerte, war klar: Am Lenkrad des Fahrzeugs, das kurz nach 12 Uhr durch die Menschenmenge auf Jerusalems belebter Jaffa-Straße pflügte, sitzt entweder ein Amokläufer - oder ein Terrorist.

Der Mann tötete mindestens vier Menschen, verletzte mehr als 40, überrollte Autos, stieß zwei voll besetzte Busse um. Dann schaffte es ein 18-jähriger Soldat außer Dienst, auf das schwankende Fahrzeug aufzuspringen und den Mann zu erschießen.

Österreicherin unter den Opfern

Stunden nach dem Attentat werden erschütternde Details über die Amokfahrt bekannt: Unter den Toten war nach Zeugenaussagen eine Mutter, die ihr Baby retten konnte, indem sie es offenbar in letzter Minute aus dem Auto warf: Als sie den Radlader auf sich zurollen sah, muss sie instinktiv ihr Fenster heruntergekurbelt und ihr Kind auf die Straße fallen gelassen haben. Danach geriet sie mit dem Auto unter das Fahrzeug, das ihren Wagen völlig zerquetschte.

Unter den Opfern ist nach Angaben der Regierung in Wien auch eine Österreicherin. Ein Sprecher des Außenministeriums habe am Abend bestätigt, dass eine 54-jährige gebürtige Österreicherin ums Leben gekommen sei, berichtete die österreichische Nachrichtenagentur APA. Die Frau war demnach nach ihrer Heirat nach Israel gezogen und hatte dort zusätzlich die israelische Staatsbürgerschaft angenommen.

Verwirrung um Attentäter

Zu der Tat haben sich zwar drei militante Organisationen bekannt: die al-Aksa-Märtyrer-Brigaden, die lose mit der Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verbunden sind; "die Brigaden der freien Menschen von Galiläa", denen Verbindungen zur Hisbollah nachgesagt werden; und eine militante linksradikale Gruppierung.

Doch laut Medienberichten soll der Attentäter auf eigene Faust gehandelt haben: Der israelische Rundfunk meldete, er gehöre vermutlich zu keiner der militanten Palästinenserorganisationen.

Beim Täter, der als Baggerfahrer bei einer lokalen Baufirma beschäftigt war, fanden die Beamten einen blauen Personalausweis, wie ihn Palästinenser bekommen, die in Ost-Jerusalem leben, und mit dem sich die Inhaber in Israel bewegen können. Hussam Dwajat aus dem Ost-Jerusalemer Vorort Jebl Mukaber soll Vater zweier Kinder und bei der Polizei aktenkundig gewesen sein. Zeugen sagen, der 32-Jährige hätte eine Pistole bei sich gehabt und vor seinem Tod noch auf einen Elitepolizisten gefeuert.

Die Hamas sprach in einer ersten Reaktion davon, dass der Anschlag eine "natürliche Reaktion auf Israels Angriffe" sei. Die Palästinenserorganisation gab allerdings an, sie wisse nicht, wer hinter dem Attentat stecke.

Immer wieder blutige Anschläge auf der Jaffa-Straße

Die Jaffa-Straße, auf der sich die Amokfahrt ereignete, ist eine der Hauptverkehrsadern der israelischen Metropole. Sie führt von den Toren der Stadt durch die Innenstadt mit der Haupteinkaufszone zur historischen Altstadt. Derzeit wird parallel zur Straße eine Tramlinie gebaut, weshalb Bagger und Planierraupen Teil des Alltags entlang der Straße sind.

Während der zweiten Intifada kam es in der Gegend um die Jaffa-Straße immer wieder zu blutigen Selbstmordanschlägen - wohl auch, weil in einem nahen Hochhaus die meisten ausländischen Fernsehsender ihre Büros haben. Die auf Öffentlichkeit erpichten Attentäter konnten darauf zählen, dass Minuten nach einem Anschlag die ersten Bilder über die Bildschirme liefen.

So war es auch dieses Mal: Ab Mittag zeigten Israels TV-Sender in Endlosschleifen, wie der Radlader einen Kleinwagen zermalmt, wie Männer im vergeblichen Versuch, die Todesfahrt zu stoppen, hinter dem Fahrzeug herhetzen, wie sich ein junger Mann ans Führerhäuschen klammert und in die Kabine greift. Dann spritzt plötzlich Blut von innen gegen die Windschutzscheibe, der Fahrer sackt zur Seite.

In der Innenstadt herrschte nach dem Attentat Panik: Hunderte Menschen rannten in Angst davon. Am Unglücksort lagen Verletzte zwischen Glassplittern und Blutlachen auf dem Asphalt. Etwa ein Dutzend Autos standen zerquetscht auf der Straße und auf den Bürgersteigen. "Das war ein Alptraum", sagte der 19 Jahre alte Soldat Ben Schimon. "Der Mann rammte alles, was er kriegen konnte. Er hatte eine Pistole und begann, auf einen Polizisten zu schießen."

Die 52-jährige Esther Valencia, die zu Fuß auf der Jaffa-Straße unterwegs war, konnte dem Fahrer im letzten Moment entkommen: Jemand habe sie rechtzeitig aus dem Weg geschubst, sagt Valencia. "Es war ein Wunder, dass ich da rauskam."

Der Anschlagsort liegt nur wenige hundert Meter von der Mercaz-Harav-Religionsschule entfernt. Dort starben im März acht Studenten, als ein radikaler Palästinenser die Schule stürmte und wild um sich schoss. Israelische Medien gaben an, dass der heutige Attentäter aus dem gleichen Stadtviertel stammt wie der damals Erschossene.

mit Material von AFP/AP/dpa



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