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20. März 2019, 17:39 Uhr

Urteil gegen Radovan Karadzic

Ein Leben hinter Gittern für den "Schlächter des Balkans"

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Radovan Karadzic wird den Rest seiner Tage in Haft verbringen. Im Gerichtssaal applaudieren Zuschauer. Doch in Ex-Jugoslawien werden Kriegsverbrecher wie er noch immer verharmlost - oder verherrlicht.

Er ist bekannt für seine exzentrischen Auftritte und theatralischen Gesten. Doch die gut einstündige Urteilsverkündung verfolgte Radovan Karadzic ungerührt, streckenweise mit abfälligem Blick auf den Richter. Gegen Ende wirkte er ungeduldig, fast gelangweilt - obwohl er die härtestmögliche Strafe erhielt.

Der 73-Jährige, ehemaliger Präsident der bosnisch-serbischen Republika Srpska, muss bis ans Ende seines Lebens im Gefängnis bleiben. Das Nachfolgetribunal des "Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien" (ICTY), der sogenannte "Internationale Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe" (IRMCT), verurteilte Karadzic heute in Den Haag zu lebenslanger Haft. Unter anderem sprach es ihn des Völkermordes und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig. Damit verschärfte das Gericht den erstinstanzlichen Spruch deutlich - im März 2016 war Karadzic zu 40 Jahren Haft verurteilt worden.

In seiner Zusammenfassung begründete der Vorsitzende der Strafkammer, der dänische Richter Vagn Prüsse Joensen, das Urteil unter anderem mit der "außerordentlichen Brutalität und herausragenden Schwere der Taten". Das Urteil ist endgültig. Nach der Verkündung wirkte Karadzic weiterhin ungerührt und plauderte mit seinen Anwälten, während die Anwesenden auf der Zuschauertribüne klatschten. Einige Hinterbliebene seiner Opfer hatten Tränen in den Augen.

Mit dem Urteil geht nach fast zehn Jahren der wohl wichtigste Prozess des Tribunals für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien zu Ende. Karadzic ist der höchste noch lebende politische Verantwortliche für die Verbrechen der Bosnienkriege 1992 bis 1995. Seine Gegner nennen ihn auch den "Schlächter des Balkans". Die ehemaligen Präsidenten Kroatiens, Franjo Tudjman, und Bosnien-Herzegowinas, Alija Izetbegovic, verstarben jeweils, bevor sie angeklagt werden konnten. Der ehemalige Präsident Rest-Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, stand zwar in Den Haag vor Gericht, starb jedoch im Gefängnis 2006 vor Abschluss des Prozesses.

In Bosnien-Herzegowina, aber auch in Serbien wurde die Urteilsverkündung gegen Karadzic mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Vertreter der bosnischen Opferverbände äußerten sich überwiegend zufrieden. Wahrheit und Gerechtigkeit hätten nun gesiegt, sagte etwa Munira Subasic von der Organisation "Mütter von Srebrenica". Kritik kam aber, weil auch im jetzigen Urteil nicht alle "ethnischen Säuberungen" als Völkermord anerkannt wurden. Das sei eine neue "Ohrfeige für die Opfer", sagte Bakira Hasecic, Vorsitzende der "Vereinigung weiblicher Kriegsopfer".

Erdrückende Beweise gegen Karadzic

Die Beweise dafür, dass Karadzic Völkermord und systematische Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Terror gegen die Zivilbevölkerung anordnete, sind erdrückend. Das gilt besonders im Fall des Massakers von Srebrenica im Juli 1995, bei dem rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden. Ebenso bei der fast vierjährigen Belagerung von Sarajevo, während der durch serbischen Artilleriebeschuss und Scharfschützen mehr als 10.000 Menschen, darunter 1600 Kinder, getötet wurden.

Zwar sagten dazu im Prozess gegen Karadzic Hunderte Zeugen aus. Doch der ehemalige Präsident der bosnischen Serben bestritt von Anfang an jegliche Tatbeteiligung. Mehr noch: Er leugnete auch hartnäckig, dass manche Verbrechen überhaupt stattgefunden hätten. Andere Taten, wie das als Völkermord eingestufte Massaker von Srebrenica, spielte er herunter. Insgesamt versuchte Karadzic, sich als Friedensstifter auf dem Balkan und zuletzt sogar als Kämpfer gegen islamistischen Terrorismus zu inszenieren.

Viele bosnische Serben feiern Karadzic bis heute als Helden, teilweise sogar als mythische Figur der serbischen Geschichte. Allgemein herrscht unter vielen die Ansicht vor, dass "Gerechtigkeit für unser Volk fast unerreichbar ist und wir von vornherein für schuldig erklärt wurden", wie es Karadzics serbische Anwälte vor der Urteilsverkündung ausdrückten. Milorad Dodik, das serbische Mitglied des dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidiums, sagte, es sei allgemein bekannt, dass das Den Haager Gericht nicht fair sei. Das Vertrauen der Serben könne es daher nicht erwarten.

Die Aufarbeitung der Verbrechen geht nicht voran

Inzwischen werden die Bluttaten der Bosnienkriege allerdings nicht nur verharmlost, sondern mitunter sogar verherrlicht. Wie vor Kurzem in der ostbosnischen Stadt Visegrad am Fluss Drina nahe der serbischen Grenze. Dort marschierten am 10. März serbische Nationalisten auf und skandierten: "Die Drina wird wieder blutig sein". In Visegrad begingen serbische Freischärler im Frühjahr 1992 die ersten großen Massaker der Bosnienkriege - sie warfen Tausende muslimische Zivilisten, darunter auch zahlreiche Kinder, in die Drina und erschossen sie.

Vorfälle wie in Visegrad seien charakteristisch für eine negative Entwicklung bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen, sagt der Politologe und Westbalkan-Experte Florian Bieber von der Universität Graz dem SPIEGEL: "Die Zahl der Prozesse in der Region ist rückläufig, entlassene Kriegsverbrecher werden in den ehemaligen jugoslawischen Staaten wie Helden empfangen."

Bieber weiter: "Das Ende des Haager Tribunals und der letzten Berufungsprozesse fällt zusammen mit einem Erstarken konservativer und nationalistischer Strömungen, sodass eine kritische Debatte über Kriegsursachen, Verbrechen und die Konsequenzen der Kriege ausbleiben."

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