Rätselhaftes Attentat Außenministerin Lindh erlag ihren Verletzungen

Alle Operationen halfen nicht mehr. Die schwedische Außenministerin Anna Lindh ist Donnerstagfrüh an den Folgen des Messer-Attentats vom Vortag gestorben. Ministerpräsident Göran Persson bestätigte mit Tränen in den Augen, dass Lindh um 5.29 Uhr gestorben ist.


Erlag einem Attentat: Anna Lindh
AFP

Erlag einem Attentat: Anna Lindh

Stockholm - Lindhs Ärzte hatten bis in den Morgen hinein vergeblich versucht, das Leben der 46-Jährigen zu retten. Die zweifache Mutter hatte durch mehrere Messerstiche schwere innere Blutungen und Schäden an der Leber erlitten.

Zunächst wurde Lindh von 17 Uhr am Nachmittag bis 1 Uhr in der Nacht operiert, sagten ihre Ärzte. Nach einer einstündigen Pause wurde die Operation dann fortgesetzt - aber vergeblich. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert worden sei, war Lindh bei Bewusstsein gewesen.

Lindhs Tod wurde aber erst am frühen Vormittag mitgeteilt. Persson kämpfte bei der Bekanntgabe mit den Tränen: "Anna Lindh hat uns verlassen. Die Familie hat die Mutter und Gefährtin verloren. Die Sozialdemokratie hat einen ihrer tüchtigsten Politiker verloren. Die Regierung hat eine befähigte Ministerin und eine gute Kollegin verloren. Schweden hat sein Gesicht nach draußen in die Welt verloren." Das Geschehene sei kaum zu verstehen, "und das fühlen viele, viele", sagte Persson. Der schwedische König Carl XVI. Gustaf teilte mit, er sei zutiefst bestürzt.

Auch die schwedische Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen auf die Todesnachricht. In ersten Medienkommentaren wurde der schwedische Geheimdienst Säpo heftig kritisiert, weil Lindh trotz der politisch angespannten Lage kurz vor der Euro-Volksabstimmung keine Leibwächter bekommen habe. Schwedische Politiker bewegen sich mit Ausnahme des Regierungschefs in der Regel ohne Leibwächter in der Öffentlichkeit.

Immer wieder wurde auf Parallelen zum Mord an Schwedens früherem Ministerpräsident Olof Palme hingewiesen, der sich am 28. Februar 1986 ebenfalls unbewacht in Stockholms Innenstadt bewegt hatte, als ein Unbekannter ihn aus nächster Nähe erschoss. Der stellvertretende schwedische Sicherheitschef Kurt Malmström sagte, es habe bei Lindh "keine Bedrohungslage" gegeben - offenbar eine Fehleinschätzung.

Lindhs Tod wirft auch einen Schatten auf das am kommenden Sonntag anstehende Referendum über eine Einführung des Euros in Schweden. Die schwedische Regierung will bis zum Mittag entscheiden, ob das Referendum verschoben wird. Die Sozialdemokratin Lindh war in der Regierung eine der stärksten Befürworterinnen eines Beitritts zur Euro-Zone, über den die Schweden am Sonntag in einem Referendum abstimmen. In Meinungsumfragen führen die Euro-Gegner derzeit mit einem Vorsprung von rund zehn Prozentpunkten.

Der Tatort des Attentates: Ein Kaufhaus in Stockholm
REUTERS

Der Tatort des Attentates: Ein Kaufhaus in Stockholm

Ein Unbekannter hatte die Außenministerin am Mittwoch in einem Kaufhaus in Stockholm attackiert. Polizeikräfte aus ganz Schweden wurden zusammen gezogen, um nach dem Täter zu suchen. Er soll nach Polizeiangaben etwa 1,80 Meter groß sein. Die Polizei fand die Armee-Jacke, die Kappe und das Messer des nach dem Attentat geflüchteten Angreifers. Videoaufzeichnungen aus dem Kaufhaus, in dem sich der Vorfall ereignete, werden von Experten ausgewertet. Auf die Motive des Angreifers gab es zunächst keine Hinweise. Die Behörden würden alles tun, um das Verbrechen aufzuklären, versprach Göran Persson.

Die beliebte Politikerin war seit 1998 Außenministerin. Die Juristin war mit Bo Holmberg, einem früheren Minister, verheiratet.



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