Raketenangriff auf Bundeswehr in Kunduz Terrorkommandos wollen Bundestagsbeschluss verhindern

In Kunduz wird die Lage für die Bundeswehr immer bedrohlicher: Am Sonntagabend schlugen erneut Raketen im Camp ein. Nur durch Glück wurde niemand verletzt. Mit den Angriffen - glauben deutsche Behörden - wollen die Taliban die Mandatsentscheidung im Bundestag noch beeinflussen.

Aus Kabul berichtet


Kabul - Zwei Tage nach einem nur knapp gescheiterten Selbstmordanschlag auf die Bundeswehr im nordafghanischen Kunduz ist die Truppe gestern Abend erneut angegriffen worden: Um 20.36 Uhr afghanischer Zeit wurden insgesamt vier Raketen in Richtung des deutschen Camps am Rande der Provinzhauptstadt abgefeuert. Zwei der Raketen verfehlten das Lager, die anderen beiden schlugen auf dem Gelände der deutschen Truppe ein.

Deutsche Soldaten in Kunduz: Zunehmend Ziel von Anschlägen
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Deutsche Soldaten in Kunduz: Zunehmend Ziel von Anschlägen

Einer der Sprengkörper durchschlug sogar die Decke der Küche des Lagers, explodierte aber glücklicherweise nicht. Daher kam bei dem Angriff auch niemand zu Schaden. Es sei allerdings "wieder einmal viel Glück" dabei gewesen, war abseits der offiziellen Version des Vorfalls aus Bundeswehrkreisen zu hören.

Von den Wachtürmen aus konnten die Soldaten die Angreifer sogar sehen. Der Versuch, die Flüchtenden durch Schüsse zu stoppen, scheiterte allerdings - auch hinzugerufene afghanische Kräfte konnten die Täter nicht stellen.

Der Angriff war der zweite Versuch, die deutschen Truppen in Kunduz zu treffen. Erst am Freitag waren drei Bundeswehrsoldaten am Nachmittag während einer Patrouillenfahrt westlich von Kunduz von einem Selbstmordtäter angegriffen worden. Inzwischen sind die drei Soldaten in Deutschland gelandet.

Der ältere Mann, offenbar ein Veteran aus Mudschahidin-Zeiten, hatte sich vor einer Brücke westlich der Stadt mit einem Sprenggürtel vor den Konvoi geworfen und ihn gezündet. Ein Soldat erlitt durch die Explosion eine schwere Gesichtsverletzung, die beiden anderen wurden mittelschwer verletzt. Der Wagen der Streife wurde schwer beschädigt.

Plötzliche Häufung von Anschlägen

Die Bundeswehr hatte den Vorfall zunächst recht undramatisch geschildert. Lediglich von Knalltraumata war am Freitagabend die Rede gewesen. Erst auf Nachfrage verlautete am Wochenende, dass einer der Soldaten schwerer verletzt wurde. Alle drei wurden heute aus Afghanistan ausgeflogen und werden am Abend in Deutschland erwartet. Auch bei diesem Anschlag, so jedenfalls die Bewertung von Soldaten vor Ort, hätte noch viel mehr passieren können. Folglich herrscht im Camp zur Zeit angespannte Nervosität. Streifenfahrten werden sorgfältig geplant, da es konkrete Warnungen vor neuen Anschlägen gibt.

Die neuen Attentate sind ein Szenario, dass Sicherheitsexperten in deutschen Behörden schon seit Monaten befürchtet hatten. "Tote deutsche Soldaten sind das beste Argument gegen die Verlängerung des Mandats", so die knappe Analyse eines hochrangigen Beamten.

Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Unschlüssigen innerhalb der SPD und möglicherweise auch der Union, würden sich von Bildern von zerbombten Autos, blutverschmierten Uniformen und Leichentransporten beeinflussen lassen. Die Häufung der Anschläge, die in den letzten Wochen glücklicherweise alle knapp scheiterten, bestätigen, dass die Taliban geschickt und vor allem eiskalt agieren.

Mittlerweile stellt selbst die Bundesregierung das Ziel der Attacken klar dar. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums sah heute in Berlin hinter den Anschlägen den Willen von radikalen Kräften im Norden, die am Freitag anstehenden Entscheidungen des Bundestages zu Afghanistan noch zu beeinflussen. Raabe betonte allerdings, dass sich die Regierung nicht von ihrem Kurs abbringen lassen werde. Weiterhin wirbt die Regierung für eine Verlängerung aller drei Mandate, von denen zwei am Freitag auf der Tagesordnung stehen.

Bundeswehr befürchtet weitere Attentate

Dass die Taliban, die in Kunduz in den vergangenen Monaten immer mehr an Stärke gewannen, dieses Kalkül verfolgen, ist mehr als eine Hypothese. Im örtlichen Radiosender der Stadt rühmten sich die Gotteskrieger kurz nach der Tat mit der Sprengung von zwei Bundeswehr-Jeeps. Dabei seien viele Menschen getötet worden. Anhand der falschen Tatsachen ist allerdings auch abzulesen, dass die Sprecher der Taliban nicht immer direkten Kontakt zu den Attentätern haben. Gleichwohl nutzen sie die Taten für ihre Propaganda. Dies sorgt in Kunduz schon dafür, dass sich die lokale Bevölkerung nicht mehr in die Nähe der Bundeswehr wagt, da sie Angst vor Terroranschlägen hat.

Die Bundeswehr muss nun befürchten, dass es in den kommenden Tagen zu weiteren Anschlägen im Norden kommen wird. Allein die Zahl der von afghanischen Behörden beschlagnahmten Sprenggürteln in den letzten Wochen spricht eine eindeutige Sprache. Zudem kam es in der Stadt immer wieder zu Angriffen auf lokale Beamte und Polizisten. Davon allerdings war in Deutschland kaum etwas zu hören.

Bis zum Freitag will die Regierung vor allem eins: Ruhe. Dass die Taliban in Kunduz diesem Wunsch nachkommen, ist zu bezweifeln.

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