Raketenschild General Obering rückt aus zur Charmeoffensive

Die US-Regierung ist verzweifelt bemüht, den Europäern ihre Pläne für einen Raketenschutzschild schmackhaft zu machen. Mit so enormer Gegenwehr auf dem alten Kontinent hatte im Weißen Haus niemand gerechnet. Doch auch in den USA selbst wächst die Ablehnung.

Von Georg Mascolo, Washington


Drei glitzernde Generalssterne auf der Schulter, fünf Reihen Auszeichnungen auf der Brust, an der rechten Hand ein Siegelring. Henry Obering, Chef der amerikanischen Raketenabwehr, ist ein Militär durch und durch. Doch in diesen Wochen gleicht er eher einem Diplomaten - nicht mit den Kollegen aus dem Pentagon, sondern mit Botschaftern und Journalisten verbringt er die Tage. Und wenn er dann wieder und wieder die gleichen Fragen beantworten muss, wippt er ungeduldig auf seinen hochglanzpolierten Schuhen und schaut verstohlen auf die Uhr.

Schnelle Erlösung ist für den Air-Force-Mann mit den eisgrauen Haaren nicht in Sicht. Gerade war er in Berlin und Paris, jetzt geht es nach Spanien, Griechenland, Ungarn und in die Türkei. Im April trifft er in Brüssel die Russen. Denn jeden Tag treffen bei der US-Regierung neue Hiobsbotschaften ein, wer noch auf der Welt so seine Zweifel am amerikanischen Traum von einem Raketenschutzschild hat.

Die Bush-Regierung trifft die Diskussion unvorbereitet, im Weißen Haus war man sicher, dass sich der Protest in Grenzen halten würde. Feindliche Raketen abzufangen (und Europa auch noch gleich mit zu beschützen) schien politisch leicht durchzusetzen. Die schrillen Töne des russischen Präsidenten Wladimir Putin, so die erste US-Analyse, würden die Europäer nur enger an Amerika binden.

Jetzt droht die hitzige Debatte den ehrgeizigen Plan ins Wanken zu bringen: In diesem Jahr sollen mit Polen und Tschechien die Stationierungsverträge für Raketensilo und Radar unterschrieben werden, 2008 die Bauarbeiten beginnen. Inzwischen dämmert sogar Obering, dass er vorher noch ziemlich viel auf Reisen gehen wird: "Wir müssen uns sehr viel mehr darum bemühen zu erklären, was wir tun."

Diese Erkenntnis scheint auch seinem Oberkommandierenden gekommen zu sein. Gestern griff George W. Bush zum Telefon, um mit dem Präsidentenkollegen im Kreml zu reden. Von Kooperation ist jetzt die Rede, dem Austausch von Radardaten.

Vor zwei Wochen war Außenminister Frank-Walter Steinmeier in der Stadt, lange hat er auf seine Amtskollegin Condoleezza Rice eingeredet, die Bedenken doch bitte ernst zu nehmen. Ja, der Kalte Krieg sei vorbei, argumentierte Steinmeier, aber das Vertrauen zwischen Russland und den USA womöglich nicht so gefestigt. Es könne zu neuen Spannungen oder gar einem Wettrüsten kommen. Eindringlich bat der Deutsche Rice, dafür zu sorgen, die Russen auf hoher politischer Ebene zu konsultieren.

Zufall oder nicht? Das Weiße Haus jedenfalls setzt jetzt erst einmal ganz auf eine Charmeoffensive. Zu der gehört auch eine Einladung nach Alaska, Obering will den Russen dort den geheimen Stützpunkt in Fort Greely zeigen. Es ist ein trostloser Ort, 100 Meilen südlich von Fairbanks, wo nur herumziehende Elche die Hitzesensoren des Hochsicherheitszauns auslösen. Aber die dort in den eisigen Boden getriebenen Silos gleichen jener Station, die Amerika in Polen bauen will. Wenn Warschau zustimmt, will Obering den russischen Experten später auch dort einen Besuch arrangieren.

insgesamt 418 Beiträge
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Seite 1
nachthai, 29.03.2007
1. Was Europa macht
Zitat von sysopIm Streit um das geplante US-Raketenabwehrsystem gibt es erstmals Anzeichen von Entspannung zwischen den USA und Rußland. Dennoch bleibt die Frage: Braucht Europa wirklich einen solchen Schutzschild?
Wesentliche europäische Staaten scheinen der Meinung zu sein bedroht zu werden. Massnahmen werden eingeleitet: - Groß Britanien modernisiert seine Nuklearwaffen, - Frankreich modernisiert seine Nuklearwaffen, - Polen bindet sich stärker an die USA, - Tschechien bindet sich stärker an die USA und in Deutschland wird auf einem Niveau debattiert, dass man meinen kann, es gäbe keine Bedrohung. Ich fühle mich zu schlecht informiert, als das ich mir eine objektive Meinung bilden könnte!
Raknarak, 29.03.2007
2. Falsch gestellte Frage
Es geht nicht darum ob Eurpopa ein Raketenschutzschild benötigt, es geht darum ob die USA ihren Raketenschutzschild in Europa erweitern dürfen! Europa benötigt jedenfalls kein unausgereiften Raketenschutzschild der noch nie unter realen Bedingungen getestet wurde!
CCCP, 29.03.2007
3. Schutzschild
Zitat von sysopIm Streit um das geplante US-Raketenabwehrsystem gibt es erstmals Anzeichen von Entspannung zwischen den USA und Rußland. Dennoch bleibt die Frage: Braucht Europa wirklich einen solchen Schutzschild?
Europa braucht nicht nur ein eigenes EU-Raketenabwehrsystem, sondern auch eine Mauer (analog China), um eigene Expansion zu stoppen.
Azrael, 29.03.2007
4.
Zitat von nachthaiWesentliche europäische Staaten scheinen der Meinung zu sein bedroht zu werden. Massnahmen werden eingeleitet: - Groß Britanien modernisiert seine Nuklearwaffen, - Frankreich modernisiert seine Nuklearwaffen, - Polen bindet sich stärker an die USA, - Tschechien bindet sich stärker an die USA und in Deutschland wird auf einem Niveau debattiert, dass man meinen kann, es gäbe keine Bedrohung. Ich fühle mich zu schlecht informiert, als das ich mir eine objektive Meinung bilden könnte!
Da sich jeder ausmalen kann das gegen-Gegenmassnahmen viel einfacher und billiuger zu haben sind als eine effiziente Raketenabwehr ist das ganze ein Witz. Jeder Schild hat außerdem nur begrenzte Abwehrkapazitäten. Die einfachste Lösung ist mehr Raketen zu haben als ein Schild abwehren kan, und damit sind wir mal wieder beim Wettrüsten.
Magister, 29.03.2007
5. Fragliche Waffen....
Zitat von nachthaiWesentliche europäische Staaten scheinen der Meinung zu sein bedroht zu werden. Massnahmen werden eingeleitet: - Groß Britanien modernisiert seine Nuklearwaffen, - Frankreich modernisiert seine Nuklearwaffen, - Polen bindet sich stärker an die USA, - Tschechien bindet sich stärker an die USA und in Deutschland wird auf einem Niveau debattiert, dass man meinen kann, es gäbe keine Bedrohung. Ich fühle mich zu schlecht informiert, als das ich mir eine objektive Meinung bilden könnte!
1.Aber wohin würde ein "Raketen-Schild", wenn es denn je durchführbar wäre führen ? 2.Ich denke zu einem neuen Wett -und Aufrüsten, zu einer neuen Überschwemmung Europas mit Waffen, deren Sinn und Zweck fraglich ist. 3.Braucht Europa wirklich diese Waffen ? Ist eine Zukunft ohne Raketen nicht vorstellbar ?
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