Syriens Opposition "Die Islamisten reißen die Macht an sich"

Das Massaker im syrischen Tremseh hat auf erschreckende Weise gezeigt, wie rücksichtslos der Bürgerkrieg auf beiden Seiten geführt wird. Randa Kassis, Mitglied im oppositionellen Syrischen Nationalrat, spricht im Interview über die Lage im Land und kritisiert die islamistischen Rebellen scharf.

Protest in syrischer Stadt Sermin: "80 Prozent der Syrer sind gegen Assad"
REUTERS

Protest in syrischer Stadt Sermin: "80 Prozent der Syrer sind gegen Assad"


Selbstmordanschläge, Artilleriebeschuss, Massaker - die Lage in Syrien verschärft sich mit jedem Tag. Am Donnerstag wurden allein in der Ortschaft Tremseh bei Hama mehr als 200 Zivilisten ermordet. Syriens Opposition und die Vereinten Nationen machen das Regime für das Verbrechen verantwortlich. Damaskus weist alle Schuld von sich.

Eine politische Lösung des Konflikts ist nicht absehbar: Diktator Baschar al-Assad klammert sich mit allen Mitteln an die Macht, die Opposition rüstet zwar militärisch auf, ist aber politisch zutiefst zerstritten.

Randa Kassis, Präsidentin einer säkularen Oppositionsgruppe, zeichnet im Interview mit SPIEGEL ONLINE ein düsteres Bild der Lage in Syrien. Zwar wachse die Zahl der Regimegegner stetig an, doch Assad werde weiterhin rücksichtslos jeden Widerstand bekämpfen. Zugleich kritisiert Kassis die islamistischen Gruppen innerhalb der Opposition, die mit der Unterstützung der Golfstaaten die Macht an sich rissen und Andersdenkende als politische Feinde betrachteten.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist für das Massaker in dem syrischen Ort Tremseh verantwortlich, bei dem laut jüngsten Angaben am vergangenen Donnerstag mehr als 200 Menschen getötet wurden?

Kassis: Die Regierungstruppen und ihre Helfer sind die Schuldigen. Ganze Stadtviertel und Dörfer geraten in ihre Zielfernrohre. Baschar al-Assad will jetzt alle Syrer einschüchtern - pauschal und ohne Ausnahme. Er will uns alle auf die Knie zwingen und knebeln. Buchstäblich jeder Syrer soll hautnah erfahren, was es heißt, Widerstand zu leisten. Es wird weitere Massaker geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn das Kräfteverhältnis zwischen Regime und Aufständischen derzeit aus?

Kassis: Anders als zu Beginn der Revolution lehnen heute mehr als 80 Prozent der Syrer die Herrschaft der Assad-Clique ab. Die Opposition ist mittlerweile auch gut bewaffnet, dafür sorgen Katar und Saudi-Arabien. Doch die Armee und die anderen staatlichen Sicherheitsorgane verfügen inzwischen über modernste Waffen. Weil sie diese skrupellos einsetzen, ist ein baldiges Ende der Gräuel nicht in Sicht.

SPIEGEL ONLINE: Also ziehen die russischen und iranischen Waffenlieferungen den Konflikt in die Länge?

Kassis: Natürlich ist das ein wichtiger Faktor, obwohl das Regime ohnehin schon genügend Waffen hat. Doch der militärische Durchbruch der Aufständischen bleibt auch aus, weil die unüberwindlichen Gegensätze zwischen islamistischen Dschihad-Kämpfern und der Mehrheit der Bevölkerung immer offener zutage treten. Die von den Golfstaaten bestens finanzierten und ausgerüsteten Islamisten-Verbände reißen die Entscheidungsgewalt rücksichtslos an sich. Syrer, die gegen die Diktatur zur Waffe greifen, ohne sich ihrem Kommando zu unterstellen, werden verketzert oder als unpatriotisch gebrandmarkt. Das betrifft auch zahlreiche Soldaten und Offiziere, die zwar zur Opposition überlaufen, aber nicht bereit sind, das korrupte Terrorregime des Assad-Clans gegen eine religiöse Gewaltherrschaft einzutauschen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Mehrheit der Syrer sind doch fromme Muslime.

Kassis: Dennoch besteht mindestens die Hälfte der Syrer auf der Beibehaltung der Trennung von Religion und Staat, da sehe ich keinen Widerspruch. Die Auseinandersetzungen zwischen den herrschsüchtigen, entsetzlich intoleranten Islamisten und den nicht religiös motivierten Widerstandskämpfern, denen niemand unter die Arme greift, machen ein rasches Kriegsende unwahrscheinlich. Ganz abgesehen von der verbrannten Erde, die die Regierungstruppen überall im Land hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn gar keinen Weg, um das Blutvergießen zu stoppen?

Kassis: Das Assad-Regime muss das Morden beenden und freiwillig abtreten, und die Islamisten-Kampftrupps müssen die nicht religiös motivierten Oppositionsgruppen als gleichberechtigte Partner akzeptieren und sie nicht länger wie politische Feinde behandeln. Dann werden sich auch die im Irak abgetauchten Mitglieder der Baath-Partei zurückmelden, die sich nichts zuschulden kommen ließen und den Polizeistaat des Assad-Clans ablehnen.

SPIEGEL ONLINE: Baath-Mitglieder als Hoffnungsträger für einen demokratischen Neuanfang?

Kassis: Warum denn nicht? Im Irak haben die USA den demokratisch gesinnten Ijad Allawi, ein ehemaliges Mitglied der Baath-Partei, als Ministerpräsidenten akzeptiert, dem Millionen von Irakern mehr demokratische Grundwerte zusprechen als dem religiösen Regierungschef Nuri al-Maliki und seinen Ministern in Bagdad.

SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie nicht mehr auf die US-Amerikaner, die sich energisch für ein demokratisches Syrien einsetzen?

Kassis: Die Amerikaner setzen in den Ländern des Arabischen Frühlings auf die Muslimbrüder. Sie glauben, dass sie die Machthaber von morgen sein werden, und stellen sich darauf ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird es noch dauern, bis Assad aufgibt?

Kassis: Ich wünsche mir, dass er in wenigen Wochen erledigt ist. Aber rein militärisch betrachtet kann es noch viele Monate dauern. Es sei denn, ein Wunder geschieht.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das aussehen?

Kassis: Wunder sind nicht vorhersehbar, ebenso wenig wie die Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten und Syrien. Ich kenne niemanden, der mit solch völlig unerwarteten, jahrzehntelang absurd anmutenden Eingriffen in das Rad der Geschichte gerechnet hatte.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
proanima 14.07.2012
1. Randa Kassis...
Zitat von sysopDPADas Massaker im syrischen Tremseh hat auf erschreckende Weise gezeigt, wie rücksichtlos der Bürgerkrieg auf beiden Seiten geführt wird. Randa Kassis, Mitglied im oppositionellen Syrischen Nationalrat, spricht im Interview über die Lage im Land und kritisiert die islamistischen Rebellen scharf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844373,00.html
Ihre gesamte Argumentation basiert auf Vermutungen, Ergänzungen und Verdrehungen von Informationen über mehrere Ecken - nicht zuletzt auf ein Kleinmädchen Hoffung wie im Märchen aus 1001 Nacht.
Heinz-und-Kunz 14.07.2012
2. Träumerin
Zitat von sysopDPADas Massaker im syrischen Tremseh hat auf erschreckende Weise gezeigt, wie rücksichtlos der Bürgerkrieg auf beiden Seiten geführt wird. Randa Kassis, Mitglied im oppositionellen Syrischen Nationalrat, spricht im Interview über die Lage im Land und kritisiert die islamistischen Rebellen scharf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844373,00.html
Schwer zu sagen was realitätsferner ist. Dass sich das Regime freiwillig den Islamisten ausliefert oder dass die Islamisten plötzlich politische und religiöse Pluralität akzeptieren.
Gegeforce 14.07.2012
3. Der interessanteste Teil des Interviews
"SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie nicht mehr auf die US-Amerikaner, die sich energisch für ein demokratisches Syrien einsetzen? Kassis: Die Amerikaner setzen in den Ländern des Arabischen Frühlings auf die Muslimbrüder. Sie glauben, dass sie die Machthaber von morgen sein werden und stellen sich darauf ein."
Sackaboner 14.07.2012
4.
Im Moment geht es darum, wer mehr Angst und Schrecken verbreitet. Das Zögern Chinas und Russlands vor einem Eingreifen ist einzig und allein dem Fanatismus der Islamisten geschuldet. Wir können nicht zusehen, wie sich große Teile der Welt in unberechenbare von Terror bedrohte Regionen des religiösen Fanatismus verwandeln und die Welt in vorsteinzeitliche Verhältnisse zurückwerfen. In Deutschland sollten die Politiker endlich einmal anfangen, auch mit den progressiveren, weltlicheren Vertretern des Islam zu reden, anstatt sich immer nur mit den Konservativsten der Konservativen zu treffen. Ich weiß, ich weiß, das gute Öl sprudelt leider vor allem in Saudi-Arabien.
agua 14.07.2012
5. Das ist aber genau
Zitat von Heinz-und-KunzSchwer zu sagen was realitätsferner ist. Dass sich das Regime freiwillig den Islamisten ausliefert oder dass die Islamisten plötzlich politische und religiöse Pluralität akzeptieren.
der Punkt.Der Grund warum die Gewalt immer mehr eskaliert.Wichtig im Interview:Dass das Machtregime von Assad nicht durch ein Machtregime von religioesen Fanatikern abgeloest wird.Wie dieses Problem in der Realiteat zu loesen sein koennte,erschliesst sich mir auch nicht.Ich hoffe,es erweist sich nicht als unloesbar.
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