Rassenhass Russlands Nationalisten hetzen erbittert gegen Ausländer

Terroranschläge wie der am Moskauer Flughafen geben dem Rassenhass in Russland neue Nahrung: Wöchentlich kommt es zu extremistischen Attacken von Nationalisten gegen Kaukasier. Zu den Opfern gehören aber vor allem diejenigen, die das Pech haben, nicht "slawisch" auszusehen.
Russische Nationalisten auf einer Demonstration: "Man muss die Stadt reinigen"

Russische Nationalisten auf einer Demonstration: "Man muss die Stadt reinigen"

Foto: © Mikhail Voskresenskiy / Reuter/ REUTERS

"Frische Kräuter, frische Kräuter", ruft der Verkäufer von rechts. "Mein Lieber, kauf meine saftigen Orangen", kommt es von links, mit jenem südlichen Akzent, der in den Ohren vieler Russen nach Kriminalität, mangelnder Zivilisation, auch nach Mafia klingt. Unter dem geschwungenen Dach des Danilow-Markts im Zentrum Moskaus stapeln sich an diesem kalten Wintertag meterhoch Kiwis, Dutzende Sorten frischer Kräuter, eingelegte Melonen, Nüsse und Gewürze aus aller Herren Länder. Hinter den Verkaufsständen: vor allem Männer und Frauen mit dunklen Haaren und dunklem Teint - die "Schwarzen", wie die Russen sie abwertend nennen.

Anfang der neunziger Jahre wagte der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow ein Experiment und übergab die Leitung des Danilow-Markts an die Kosaken, die sich gerne als Bewahrer des wahren Russentums gegenüber fremdländischen Einflüssen präsentieren. Von denen ist heute allerdings nichts mehr zu sehen.

Waren es die besseren Beziehungen zum Bürgermeister, Geld oder Gewalt? Vermutlich eine Mischung. Jedenfalls wird der Danilow-Markt heute wie fast jeder der über hundert Märkte Moskaus von Aserbaidschanern und anderen kaukasischen Völkern kontrolliert - alles natürlich unter der Hand. Sergej Michailowitsch, der russische Direktor, will lieber nicht mit der Presse sprechen.

"Sie trinken keinen Wodka wie echte russische Männer"

Die Russen, die in der Umgebung wohnen, kaufen hier ein, obwohl sie die Bewohner aus der früheren Sowjetrepublik verachten. "Sie arbeiten nicht gerne, trinken keinen Wodka wie echte russische Männer, stellen Verkäuferinnen aus Moldawien an und vögeln unsere russischen Mädels", empört sich ein 58-jähriger Russe mit Pelzmütze. Zu kommunistischen Zeiten schrieb er Reden für den Minister. Die Sowjetunion hatte sich die Völkerfreundschaft auf die Fahnen geschrieben und ging maßgeblich an den Nationalitätenkonflikten zugrunde. Heute zieht der ehemalige General der Justiz eine Einkaufstasche mit Rollen hinter sich her. Sieben Kilo Äpfel hat er gerade gekauft, aber nicht bei den Aserbaidschanern, sondern bei einer moldawischen Verkäuferin: "Die betrügt mich nicht, das weiß ich."

Terroranschlag wie den vom vergangenen Montag

Die Beziehungen zwischen den Russen und den Nicht-Russen sind gespannt, auch ohne einen . In einer Umfrage des renommierten Lewada-Zentrums von November 2010 erklärten 30 Prozent der Russen, an der nationalistischen Stimmung seien die schlechten Lebensbedingungen in Russland schuld, 30 Prozent warfen dagegen den Vertretern der nationalen Minderheiten vor, mit ihrem "provokanten Auftreten" den Hass selbst hervorzurufen.

Terror und roher Gewalt

Und gerade auf den Märkten entlädt sich dieser Zorn immer wieder, mitunter mit . Im August 2006 explodierte eine von russischen Nationalisten deponierte Bombe auf dem Tscherkison-Markt, 14 Menschen starben, über 60 wurden verletzt. 2001 überfiel eine Gruppe von 300 Nationalisten einen Markt im Süden der Stadt mit Knüppeln und Eisenstangen - am Ende blieben zwei Verkäufer tot liegen, mehrere Dutzend wurden verletzt.

Negative Meinungen über die Ausländer sind in der russischen Gesellschaft weit verbreitet. "Die Kaukasier können nicht ehrlich Geld verdienen", ist Alexej überzeugt, ein junger Russe, der in einem Laden nicht weit vom Danilow-Markt arbeitet. Er ist überzeugt, dass auf dem Markt mit Drogen gehandelt wird. Bestätigt fühlt er sich von Berichten in den russischen Medien über die sogenannte "Ethno-Kriminalität". Mitte Januar etwa nahm die Polizei fünf Usbeken fest, die innerhalb eines Jahres als Taxifahrer getarnt vier Russinnen zuerst entführt und dann ermordet hatten. Und Moskaus neuer Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte wenige Tage später, dass die Hälfte der Straftaten in der Hauptstadt von Migranten verübt werde. Verkäufer Alexej schlägt eine einfache Lösung für das Problem vor: "Wir müssten für einen Tag Stalin zurückholen - der würde sie alle nach Sibirien schicken!"

Eine Million Einwanderer ohne gültige Papiere

Doch viele profitieren vom Status quo. Nach Schätzungen der russischen Migrationsbehörde leben allein in Moskau eine Million Einwanderer ohne gültige Papiere. Für korrupte Beamte und Polizisten sind die "Illegalen" eine nie versiegende Quelle von Schmiergeldern. Auch im Flughafen Domodedowo beschäftigten sich die Polizisten nach ersten Erkenntnissen mehr mit der Kontrolle von Pässen als mit der Bombensuche.

Einwanderer aus den bitterarmen zentralasiatischen Republiken wie Tadschikistan und Usbekistan verdingen sich in Moskau als Taxifahrer, Straßenkehrer oder Bauarbeiter. Von den Baufirmen sind sie gerne gesehen, weil sie weniger trinken als die Russen - und weniger Geld verlangen. Auf der Straße und in der Metro werden sie zur Zielscheibe für Nationalisten, die in den letzten Jahren immer wieder wahllos Menschen mit "nicht-slawischen" Gesichtszügen töten.

Dabei gilt der Hass der Nationalisten eher einer anderen Gruppe von Ausländern, die sich jedoch weitaus besser wehren kann als die Zentralasiaten: den Kaukasiern, also Tschetschenen, Dagestanern oder Inguschen, russische Staatsbürger, die nach Meinung vieler Russen in Moskau vor allem mit illegalen Geschäften Geld verdienen. Nach russischen Medienberichten kontrollieren Mafia-Gruppen mit oft ethnischem Hintergrund in Moskau unter anderem die Gastronomie, den Handel, Immobilien und den Transport.

In den letzten Wochen rollte eine Welle von Gewalt zwischen Russen und Nicht-Russen durch das Land. Pogromstimmung herrscht seit Anfang Dezember, nachdem ein Dagestaner den Fußballfan Jegor Swiridow erschossen hatte. Tausende Fußballfans brüllten vor dem Kreml "Russland den Russen" und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Tausende wurden festgenommen, am Ende versuchte Premierminister Wladimir Putin die Wogen zu glätten, indem er sich demonstrativ mit Vertretern der Fußballfans traf und das Grab des ermordeten Swiridow besuchte. In nationalistischen Kreisen erntete er dafür Beifall.

"Man muss die Stadt reinigen"

Seitdem kommt es wöchentlich zu Attacken von Nationalisten, das Extremismus-Zentrum "Sowa" dokumentiert die Fälle. Am 19. Januar etwa stiegen zehn junge Männer im Zentrum Moskaus in einen U-Bahn-Waggon und beschimpften einen Mann mit "asiatischem Äußeren". Dann stach einer von ihnen mit einem Jagdmesser zu. Der Mann überlebte den Angriff.

Andere haben weniger Glück: Drei Tage zuvor fand die Polizei in einem Moskauer Hof einen 22-jährigen Usbeken mit einer Vielzahl von Stichwunden. Am gleichen Tag wurde in der Stadt Samara ein 19-Jähriger von sechs jungen Männern erstochen. 2010 wurden laut "Sowa" bei Überfällen mit fremdenfeindlichem Hintergrund russlandweit 37 Menschen getötet und 368 verletzt. Derzeit läuft ein Prozess gegen die Bande des Ikonenmalers Artur Ryno, der behauptet, von 2006 bis 2008 insgesamt 37 "Andersgläubige" getötet zu haben. "Seit der Schule hasse ich die Kaukasier. Sie kommen nach Moskau, schließen sich zusammen und bedrängen die Russen", erklärte der bei seiner Verhaftung 18-Jährige: "Man muss die Stadt reinigen."

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