Rassenkonflikt in Neuseeland Das Schaf Shrek und der Kampf der Maori

Neuseeland galt als Modell des gelungenen Ausgleichs zwischen Ureinwohnern und europäischen Siedlern. Doch nun droht das Gleichgewicht zu kippen, alte Konflikte brechen auf. Premierministerin Clark weigerte sich jüngst, sich mit protestierenden Maori zu treffen - sie zog einen Fototermin mit einem Schaf vor.
Von Alexander Schwabe

In Neuseeland ist das Treffen der Premierministerin mit einem Schaf namens Shrek zweifellos wichtig für das Image einer Regierungschefin. Denn die Schafzucht ist ein wesentlicher - wenn auch rückläufiger - Wirtschaftsfaktor im Inselreich. Doch es darf auch als ein klares Signal Helen Clarks verstanden werden: Die weiße Mehrheit ist nicht länger gewillt, Forderungen der Maori-Minderheit bereitwillig nachzugeben, die lediglich 12,5 Prozent der rund vier Millionen Neuseeländer ausmacht.

Der Streit entbrannte um das Nutzungsrecht von Stränden und Küstengewässern. In den Augen der Maori verletzt das Anfang Mai beschlossene Uferland- und Meeresboden-Gesetz ihre Eigentumsrechte erheblich. Sie betrachten die gesamte Küstenlinie als ihren Besitz. Das neue Gesetz jedoch erklärt diese Zone zum Staatseigentum. Clark erklärte, dem Interesse des ganzen Landes und nicht nur einer Gruppe sei nun Rechnung getragen. Maori-Anwältin Margaret Mutu dagegen wetterte: "Die Regierung stiehlt praktisch das letzte Land, für das die Maori noch traditionelle Besitzrechte erheben können."

Die oft beschworene politische und kulturelle Harmonie zwischen den Nachkommen der Ureinwohner und denen westlicher Einwanderer wird also von kräftigen Dissonanzen gestört. Um das umstrittene Gesetz noch zu verhindern, waren rund 15.000 Maori in die Hauptstadt Wellington marschiert. Stämme aus allen Teilen des Landes beteiligten sich an dem Protestzug.

"Bis hin zum zivilen Ungehorsam"

Häuptling Ngahiwi Tomoana von den Ngati Kahungunu, dem drittgrößten Stamm im Inselreich und der mit dem längsten Küstenstreifen, zeigte sich kämpferisch: "Wir haben gesehen, wie unsere Vorfahren ihrer Ressourcen beraubt wurden, ihres Landes, unserer Sprache. Es ist an uns aufzustehen und voranzuschreiten. Wir werden nicht dastehen und zusehen, wie sich dies wiederholt."

Die Stämme hätten das Gesetzesvorhaben der Regierung studiert und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht nur den Vertrag von Waitangi breche, sondern auch nationales und internationales Recht. "Allen Bemühungen, uns unserer Rechte zu berauben, werden wir widerstehen - politisch, gesetzlich, sozial und antisozial - bis hin zum zivilen Ungehorsam", drohte Tomoana an.

Die Maori hatten in mehreren Stammesversammlungen eine "dreigezackte" Strategie im Kampf um ihre Rechte auf die Küstengebiete beschlossen. Neben dem Protestmarsch sollte massiv Druck auf Abgeordnete der Maori ausgeübt werden, damit sie im Parlament gegen die Gesetzesvorlage stimmten - auch wenn sie der regierenden Labourpartei angehörten. Sollten sie die Sache der Ethnie nicht vertreten, werde man sie abwählen. Zum dritten wolle man das Unrecht vor die Vereinten Nationen bringen.

Mit Keulen getötete Matrosen

Die Maori erinnern sich ihres alten Selbstbewusstseins, das sie schon bei der ersten Begegnung mit den Weißen gezeigt hatten. Als der holländische Entdecker Abel Tasman im Jahr 1642 in eine Bucht am Nordufer der Südinsel eingelaufen war, ruderten Männer in Kanus den Europäern entgegen und bliesen auf ihren Muschelhörnern. Tasman notierte: "Diese Menschen suchten ganz offensichtlich unsere Freundschaft."

Als die Kanus am nächsten Tag wiederkamen, schreibt Tony Horwitz in seinem Buch "Cook, die Entdeckung eines Entdeckers", schwenkten die Holländer weiße Leinentücher und ließen ein Boot zu Wasser. "Die Eingeborenen ruderten darauf zu und schlugen vier Matrosen mit Keulen zu Tode", schreibt Horwitz über die Erlebnisse des Kapitäns.

Gut hundert Jahre später landete James Cook in Neuseeland zu einem Zeitpunkt, als die Inseln von Stammeskriegen überzogen waren. Die Engländer stießen 1769 auf kampfeswillige, gesichtstätowierte Einwohner, die mit dem Haka, dem lautstarken, wilden Kriegstanz, für zusätzliche Nervosität bei den Eindringlingen sorgten.

Vertrag von Waitangi

Im Jahr 1840 kam es zwischen britischen Kronkolonisten und rund 500 Maori-Häuptlingen zum Vertrag von Waitangi. Er gilt als Gründungsurkunde des modernen Neuseeland. Seine Lesart ist einer der Kernpunkte des aktuellen Streits zwischen den Maori-Verbänden und der Regierung. In dem Vertrag übertrugen die Maori die Souveränität auf die Briten, diese gestanden den Maori dafür weit reichende Land- und Kulturrechte zu.

Im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung in den USA führte 1975 Dame Whina Cooper große Protestmärsche für die Landrechte der Maori in Neuseeland an. Diese Bewegung war Ausdruck und Katalysator für ein erwachendes politisches Engagement.

Der politische Druck zeitigte Erfolg. 1985 erklärte sich die Regierung bereit, Ansprüche seitens der Maori auf der Grundlage des Waitangi-Vertrages zu beurteilen - eine Bereitschaft, die nun mit dem neuen Landrechtsgesetz revidiert wurde.

Vor 13 Jahren entschied das Oberste Gericht, die Regierung habe die Pflicht, die Sprache der Ureinwohner zu schützen. Seit Ende März dieses Jahres hat Neuseeland gar einen neuen Sender für die Minderheit. Aufgabe von "Maori Television" ist es, das Verständnis zwischen den ethnischen Gruppen zu verbessern.

Die "Dumpfbacke" am rechten Rand

Einer der bedeutendsten Erforscher der Maori-Kultur, der Ende März verstorbene Michael King, machte einen Konsens aus, der sich während der vergangenen 20 Jahre herausgebildet habe. Die Kulturwissenschaftlerin Anne McGuire - selbst Maori - sieht genau darin eine Gefahr. Sie wirft den von Weißen dominierten Regierungen vor, zur Verstädterung und Angleichung der Maori an den westlichen Mainstream beigetragen zu haben. Dies habe dazu geführt, dass Sprache und Kunst der Maori in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kurz vor dem Aussterben stünden. In der Tat spricht nur noch jeder zehnte Maori die Sprache seiner Vorfahren.

Das von King ausgemachte Gleichgewicht der Kräfte droht zu kippen. Unterschwellige Konflikte und Ressentiments sind offen ausgebrochen, seit Don Brash, Führer der rechtsgerichteten National-Partei, die Rassenfrage auf die Tagesordnung gesetzt hat. Dem 63-jährigen früheren Banker, der sonderbarerweise selbst von Freunden als Dumpfbacke bezeichnet wird, ist es gelungen, mit seiner Partei - ein bis dato in Lethargie versunkener Verein - Leidenschaften in Neuseeland auszulösen, wie sie sonst nur Rugby oder der America's Cup entfesseln können.

Schlussstrichdiskussion in Neuseeland

Ende Januar hielt Brash im Rotary Club eines Vororts von Auckland einen Vortrag. Darin kritisierte er die vergleichsweise liberale Maori-Politik der Labour-Regierung fundamental. Die Minderheit genieße zu viele Privilegien, und zwar, so insinuiert Brash, weil die Weißen ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber hätten. "Es gibt eine Grenze dafür, in welchem Ausmaß jede Generation sich für die Sünden der Urgroßeltern entschuldigen kann", sagte der Rechtsaußen - und löste damit eine Schlussstrichdiskussion aus, wie sie auch in Deutschland geführt wird.

Es gebe keine Begründung für die Sonderbehandlung jedweder Rasse und keine Grundlage für Regierungsgelder, die an die Stämme der Ureinwohner fließen, nur weil sie Maori sind. Reparationsansprüche seien Teil einer "Beschwerde-Industrie". Um zu unterstreichen, dass er es ernst meinte, teilte Brash gleich mit, er würde den Maori garantierte Parlamentssitze umgehend abschaffen.

Premierministerin Clark versuchte, den Angriff von rechts zu kontern. Den Maori gehe es nicht besser als anderen. Im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit unter ihnen sei höher, der Gesundheits- und Bildungsgrad niedriger und die Wohnsituation schlechter als im Schnitt. Doch Clarks Apologie blieb ohne Wirkung: Bei Meinungsumfragen gewann die Nationale Partei 17 Prozentpunkte hinzu, während die regierende Labour sieben Punkte verlor und hinter die Brash-Partei zurückfiel. Clarks Glück: Die nächste Wahl ist voraussichtlich erst im September 2005.

Um den Eindruck zu zerstreuen, ihre Partei liege den Forderungen der Maori zu Füßen, hat die Premierministerin alles getan, um das Landrechtsgesetz durchzupeitschen. Nicht nur dass sie lieber das Schaf Shrek besuchte als sich mit den aufbegehrenden Stämmen herumzuschlagen, sie feuerte auch Tariana Turia, die Ministerin für Maori-Angelegenheiten. Und sie schimpfte die Protestierer "Hasser, Zerstörer und Radikale" - Attribute, die sie auch ihrem rechten Widersacher Brash zuschrieb.

Mehr lesen über