"Black lives matter"-Märsche Amerikas schwarzer Protestbewegung fehlt ein Anführer

Tausende sind in Washington und New York auf die Straße gegangen, um gegen Polizeiübergriffe auf Schwarze zu demonstrieren. Doch die Forderungen bleiben zu vage.

Von , Washington


Irgendwann kommen die Eltern der Getöteten auf die Bühne, die Kinder, die Geschwister, die Ehefrauen. Da ist die Mutter von Tamir Rice, dem zwölfjährigen Schwarzen, der vor drei Wochen von einem weißen Polizisten in Cleveland erschossen wurde; da sind die Eltern von Michael Brown, der im August in Ferguson starb; die Familie von Eric Garner, der im Juli im Schwitzkasten eines New Yorker Polizisten umkam; die Mutter von Trayvon Martin, der getötet wurde von einem - später freigesprochenen - Nachbarschaftswächter.

Es werden immer mehr. Am Ende stehen gut drei Dutzend Menschen auf der kleinen Bühne am Ende der Pennsylvania Avenue. Alle, die starben, waren unbewaffnet.

Washington: Der Protestzug auf der Pennsylvania Avenue
REUTERS

Washington: Der Protestzug auf der Pennsylvania Avenue

Hinter den Trauernden ist das Kapitol-Gebäude in der kalten Winterluft zu sehen, vor ihnen stehen mehrere Tausend Demonstranten, die in die Hauptstadt gereist sind, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren und für mehr Gerechtigkeit im Justizsystem. Denn in den allermeisten Fällen - zuletzt bei Brown und Garner - ist keine Anklage gegen die Polizisten erhoben worden.

Seit Wochen wird im ganzen Land demonstriert, nicht nur in Ferguson kam es zu Unruhen. An diesem Samstag gingen die Leute vor allem in Washington, New York und Boston auf die Straße. "Das ist jetzt der Moment, in dem wir Geschichte schreiben", sagt die Mutter von Eric Garner. Die Frage ist, ob aus dem Moment nun eine neue Bürgerrechtsbewegung werden kann.

Regisseur Spike Lee beim Marsch auf Capitol Hill in Washington
AP

Regisseur Spike Lee beim Marsch auf Capitol Hill in Washington

Denn das ist längst nicht entschieden. Die Tausenden auf den Straßen konnten schließlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Protest manchmal richtungslos wirkt, oft auch resigniert. Vor allem aber fehlt der Anführer.

Sicher, es gibt Al Sharpton. Der 60-jährige Prediger hat den "Justice for All"-Marsch in Washington initiiert, gibt sich seit dem Tod Michael Browns als das nationale Gewissen der Schwarzen. Doch wo Martin Luther King beim ursprünglichen "Marsch auf Washington" vor 50 Jahren vor einer Viertelmillion Menschen seine "I have a Dream"-Rede hielt und an diesem Samstag vor Beginn der Veranstaltung noch über Lautsprecher eingespielt wird, da redet Al Sharpton etwas zu oft über: Al Sharpton.

Prediger Al Sharpton: Rhetorik - oder Hybris?
DPA

Prediger Al Sharpton: Rhetorik - oder Hybris?

"Ich habe nicht die Worte, die andere haben mögen; ich habe nicht das Verständnis von Liebe, das einige meiner Brüder und Schwestern haben; und einige hier mögen sein wie ich, der den steinigen Weg auf den Berg genommen hat", ruft er an einer Stellen den Leuten unter Anspielung auf seine schwierige Vergangenheit zu (Lesen Siehier mehr darüber). Aber dennoch habe er es nach Washington geschafft, "weil Gott mir ein kleines Licht gab, und ich werde es scheinen lassen auf Michael Brown und Eric Garner".

Rhetorik - oder Hybris? Es gibt Applaus, doch bei einigen Jüngeren im Publikum ist Verärgerung spürbar. "Wir auf den Straßen sind wütend und der hält hier seine Predigten. Sharpton hat den Bodenkontakt verloren", sagt Lauren Davis, die ganz vorne steht. In dem Moment, in dem Sharpton die Bühne betritt, suchen die 35-Jährige und ihre Freundinnen das Weite.

Demonstrantin in Manhattan: "Rassismus zerstört unsere Gesellschaft"
REUTERS

Demonstrantin in Manhattan: "Rassismus zerstört unsere Gesellschaft"

Sharpton nutze die Proteste nur als Plattform, um mehr Aufmerksamkeit für seine TV-Show auf MSNBC zu generieren, sagen sie. Anstatt hier in gehöriger Entfernung des Parlaments die altbekannten Reden zu schwingen, solle man lieber direkt zum Kongress weitermarschieren und dort um politischen Einfluss kämpfen, meint Davis: "Wir brauchen echte Führungsstärke."

Das bisherige Problem der Proteste könnte dieses sein: Entweder sind die Forderungen zu abstrakt - gegen Polizeigewalt, für Gerechtigkeit - oder zu kleinteilig. Sharpton etwa will Anhörungen im Kongress und Gesetze, die der Bundesebene mehr juristischen Einfluss geben in Fällen wie dem Michael Browns. Weder Demokraten noch Republikaner haben etwas gegen solche Anhörungen.

Newarks Bürgermeister Ras Baraka (Archivfoto): Starker Auftritt
REUTERS

Newarks Bürgermeister Ras Baraka (Archivfoto): Starker Auftritt

Einen der stärkeren Auftritte am Samstag legt Ras Baraka hin, der 44-jährige schwarze Bürgermeister von Newark: "Es ist das System der Jim-Crow-Justiz, das dem Mörder von Trayvon Martin die Freiheit lässt", sagt er unter Anspielung auf die sogenannten "Jim Crow"-Gesetze, die bis in die Sechzigerjahre das Fundament der Rassentrennung waren. "Sie sagen, Jim Crow sei tot", ruft Baraka, "aber ich sage, Eric Garner ist tot." Schwarze würden in den USA seit Jahrzehnten systematisch kriminalisiert. Deshalb brauche es Reformen nicht nur bei der Polizei, sondern auch im Kongress, in den Staaten, in den Städten, in den Universitäten. So lange, bis alle Bürger gleichberechtigt behandelt würden.

Für Maurice C. Allen ist das ein generationenübergreifender Kampf. Auf dem Plakat des 31-Jährigen steht: "I am a Man." Das ist einer der Schlachtrufe der Elterngeneration gewesen, die gegen die abwertende Bezeichnung eines schwarzen Mannes als "Boy" kämpften.

"Unsere Eltern sind marschiert, jetzt sind wir dran", sagt Allen. Der Prediger Sharpton sei natürlich nach wie vor wichtig, "aber auch meine Generation muss jetzt ihre Sprecher und Stimmen finden", sagt Allen und dreht sein Schild herum.

"Schwarze Leben zählen", steht darauf. Der Schlachtruf der Gegenwart.

Zum Autor
Sebastian Fischer ist Stellvertretender Ressortleiter im Politik-Ressort mit Sitz im Hauptstadt-Büro.

E-Mail: Sebastian.Fischer@spiegel.de

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bolzenbrecher 14.12.2014
1. Gute Anführer gab es doch...
...allerdings sind die alle erschossen worden! Martin Luther King -> erschossen! John F. Kennedy -> erschossen! Malcolm X -> erschossen! Scheint mir nicht gerade ein Land zu sein, wo gute Menschen ihr Werk verrichten können.
Fackel01 14.12.2014
2. Vielleicht gibt es keinen Anführer
weil das heutige Anliegen der Wutbürger nicht so stark wie das der Bürgerrechtler in den 60zigern. Die damaligen Anliegen waren fundamentaler Natur. Heute geht es um verwaltungstechnische Umsetzung.
lampenschirm73 14.12.2014
3.
Zitat von bolzenbrecher...allerdings sind die alle erschossen worden! Martin Luther King -> erschossen! John F. Kennedy -> erschossen! Malcolm X -> erschossen! Scheint mir nicht gerade ein Land zu sein, wo gute Menschen ihr Werk verrichten können.
Warum John F. Kennedy und Malcolm X besonders gute Menschen gewesen sein sollen erschliesst sich mir nicht. Ansonsten müssen sich die Schwarzen eben besser organisieren. Es sagt ja niemand dass ein solcher Kampf leicht sein wird. Bisschen mehr als auf die Strasse zu gehen und zu randalieren erfordert das ganze schon.
jrcom 14.12.2014
4. Karrieristen-Irrtum
Der smarte Karriere-Journalist Herr Fischer kann sich nur eins vorstellen: ein "Anführer" muss her! Was soll denn das sonst alles. Das ist aber der Irrtum von all den Karrieristen in Medien und Politik: es muss gar kein Anführer her. Stellt euch vor: es geht auch ohne euch. Und je weniger es von euch gibt, desto besser. Was soll denn ein "Anführer"? Wieder nur alleine mit den anderen "Anführern" aushandeln? Was hier als Stärke verkauft wird, ist das verrottete System, das im Moment soviel Probleme schafft.
juyagar2012 14.12.2014
5. Ja Ja ein Anführer
was soll er denn da machen? Das Problem ist so ofensichtlich, dass es eigentlich kein Anführer braucht. Wenn das unrechte Vorgehn der Polizei gegenüber den Menschen auf so eine perfide Art vom Staat vertuscht und die Täter in Schutz genommen werden, dann muss Justiz sich einschalten, sonst passiert gar nichts , überhaupt sichts. Nicht mal einen Anführer kann da was bewegen. Die leute die dachten mit Martin Luther King ist schon alles erreicht, leben in einer illusorischer Welt. Die Schwarzen in den USA sind immer noch Menschen zweiter Klasse, Nein nicht die , die für das System stehen, sondern für die die in Gegenden wie mttleen Westen von Restaurant oder Ladenbesitzer gar nicht wahrgenommen werden. Sie können so lange auf Service warten bis sie selbst aufgeben.
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