Ratko Mladic vor Gericht Auftritt eines ewigen Befehlshabers

Seine Selbstherrlichkeit konnte er auch vor dem Uno-Tribunal nicht verbergen: Ratko Mladic ließ am ersten Prozesstag in Den Haag kein Schuldbewusstein erkennen. Im Gegenteil: Der mutmaßliche Kriegsverbrecher wies die Vorwürfe gegen ihn als "widerlich" zurück.
Ratko Mladic vor Gericht: Auftritt eines ewigen Befehlshabers

Ratko Mladic vor Gericht: Auftritt eines ewigen Befehlshabers

Foto: Serge Ligtenberg/ Getty Images

"Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden", schrieb Richard Holbrooke, der frühere Bosnien-Beauftragte der USA, einmal über Ratko Mladic. "Er ist eine dieser furchtbaren Gestalten, die die Geschichte immer wieder hervorbringt: ein charismatischer Mörder."

In Saal 1 des Internationalen Jugoslawien-Tribunals (ICTY) im niederländischen Den Haag setzt sich am Morgen, es ist kurz nach zehn, ein Mann in einem grauen Anzug auf den Platz des Angeklagten: kurz rasierte Haare, buschige Augenbrauen, finsterer Blick. "Ich heiße General Ratko Mladic", sagt der Mann. Seine Stimme ist fest, er wirkt wie jemand, für den das Prinzip von Befehl und Gehorsam kein Bedürfnis, sondern eine Lebensnotwendigkeit ist.

Fast 16 Jahre lang war der frühere Militär, der für die schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verantwortlich sein soll, auf der Flucht. In der vergangenen Woche nahmen ihn Polizisten auf dem Grundstück eines Verwandten im Norden Serbiens fest. "Gut gemacht. Ich bin der, den ihr sucht", soll er da gesagt haben.

Es war wohl ein typischer Mladic-Satz: überheblich, selbstbezogen und eitel.

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Auftritt in Zivil: Ratko Mladic vor Gericht

Foto: Serge Ligtenberg/ Getty Images

Zumindest kann man am Freitagmorgen in Den Haag genau diesen Eindruck von dem 68-Jährigen gewinnen. Die Strategie seiner Verteidigung sieht zwar vor, dass der Angeklagte vor den Uno-Richtern möglichst gebrechlich erscheinen soll, weshalb der Ex-General auch sagt: "Ich bin ein sehr kranker Mann." Überzeugend wirkt das jedoch nicht.

Vielmehr scheint der Serbe die öffentliche Aufmerksamkeit durchaus zu genießen. Er sitzt gerade, spricht laut und gibt sich als schneidiger, furchtloser Soldat, als der er wohl gesehen werden möchte: "Ich bin Ratko Mladic, die ganze Welt weiß, wer ich bin", tönt er. Und: "Ich will eine ordentliche Verteidigung. Nicht bloß einen Mann." Reue lässt er nicht erkennen, er wirkt noch nicht einmal zerknirscht.

Der Vorsitzende Richter Alphons Orie hält dem Angeklagten dann vor, was dieser in Bosnien getan haben soll. Konkret geht es um:

  • Völkermord und Beihilfe zum Völkermord. Mladic führte die bosnisch-serbischen Truppen, die 1995 in Srebrenica ein Massaker an rund 8000 muslimischen Jungen und Männern anrichteten und zwischen 1992 und 1995 in Städten und Dörfern Bosniens sogenannte ethnische Säuberungen durchführten.
  • Morde, Folterungen, Vergewaltigungen, Abschiebungen und illegale Inhaftierung von Muslimen und Kroaten.
  • Ausrottung, Mord, Grausamkeit (wegen der Tötung von Nicht-Serben in Städten und Dörfern durch bosnisch-serbische Truppen und wegen der Heckenschützenattacken und des Bombardements während der 44 Monate dauernden Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo).
  • Geiselnahme von militärischen Beobachtern und Soldaten der Friedenstruppen der Vereinten Nationen.

Mladic, aufmerksam zuhörend, spielt sich mit dem Daumen an der Nase, betupft mit einem Taschentuch den Mund und lächelt spöttisch. Nachdem der Richter fertig ist, sagt der Ex-General, dass er sich noch nicht grundsätzlich zu den Vorwürfen einlassen wolle, nur so viel: Das seien "widerliche, monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe". "Ich habe mein Land und mein Volk verteidigt und keine Muslime und keine Kroaten umgebracht", behauptet Mladic unbeirrt.

Angehörige von Opfern sind empört

Im Zuschauerraum, in dem Angehörige von Opfern sitzen, bricht in diesem Augenblick Empörung aus. Frauen schreien wild durcheinander, recken die Fäuste. Was sie sich da anhören müssen, trifft sie ins Mark.

Munira Subasic ist eine von ihnen, eine kleine, weißhaarige Dame, die ein T-Shirt mit der Aufschrift "Erinnerst du dich an den Genozid in Srebrenica?" trägt. Sie hat 1995 ihren Mann und ihren Sohn verloren und will, so sagt sie, demjenigen in die "blutigen Augen" sehen, der dafür die Verantwortung trägt. In diesem Moment aber ist das zu viel für sie. Tränen laufen über ihr Gesicht.

Auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe verlangt Ratko Mladic nun, die Öffentlichkeit vorübergehend auszuschließen. Er wolle einige Sätze zu seinem Gesundheitszustand sagen. Das Gericht kommt der Bitte nach - und vertagt den Prozess anschließend auf den 4. Juli.

In einem Monat wird sich Mladic also bekennen müssen: Schuldig oder nicht schuldig, das ist dann die Frage. Die Antwort wird ihm wohl keinerlei Gewissensqualen bereiten. Wann daraufhin das Hauptverfahren gegen den 68-Jährigen beginnt, ist noch unklar. Bei Gericht ist aber zu hören, dass es unter Umständen noch in diesem Jahr losgehen könnte.

Mladic droht eine lebenslange Freiheitsstrafe

Seinem Anwalt zufolge ist Mladic angeblich an Lymphknotenkrebs erkrankt und wurde deswegen 2009 bereits behandelt. Der ranghöchste Verwaltungsbeamte des Uno-Kriegsverbrechertribunals, John Hocking, sagte hingegen, dass ein Arzt den Angeklagten untersucht und keine medizinischen Probleme gefunden habe, die ein Erscheinen vor dem Tribunal verhindern könnten.

Hocking erkärte, er habe mit ihm auch über dessen Verteidigung gesprochen, dieser habe jedoch keine Hinweise auf seine Pläne gegeben. In dem Gefängnis in Scheveningen, in dem Mladic derzeit sitzt, können sich die Gefangenen in ihrem Flügel frei bewegen und werden erst abends in ihre Einzelzellen geschlossen. Eine besondere Bewachung wegen einer möglichen Selbstmordgefahr sei für Mladic nicht angeordnet worden, so Hocking.

"Ich werde leben", verkündet der Angeklagte am Freitagvormittag in seiner protzigen Art, "um wieder ein freier Mann zu sein."

Das allerdings könnte dauern. Ratko Mladic blüht ein mehrjähriger Prozess und ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.