Reaktion auf Papst-Rede Barroso liest Politiker-Kollegen die Leviten

Der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, hat Europas Politikern vorgeworfen, Papst Benedikt XVI. im Streit um seine Islam-Rede im Stich gelassen zu haben. Als Grund dafür sieht er auch eine übertriebene politische Korrektheit.


Berlin - "Ich war enttäuscht, dass es nicht mehr europäische Führer gab, die sagten: Natürlich hat der Papst das Recht, seine Ansichten zum Ausdruck zu bringen", sagte Barroso der "Welt am Sonntag". "Das Problem sind nicht die Äußerungen des Papstes, sondern die Reaktionen der Extremisten." Den Grund für die Zurückhaltung seiner Politiker-Kollegen sieht Barroso in einer "Besorgnis über eine mögliche Konfrontation", aber auch in einer "Art politischer Korrektheit", der zufolge "man nur dann tolerant ist, wenn man die Meinung der anderen über die eigene stellt".

Er könne jedoch nur raten, Extremisten, die die Zerstörung der westlichen Zivilisation zum Ziel erklärten, "sehr ernst zu nehmen", meinte Barroso. Europa brauche eine gemeinsame Antwort auf diese Gefahr. "Wir müssen unsere Werte verteidigen", sagte er. "Wir sollten auch die moderaten Führer in der islamischen Welt, und das ist die Mehrheit, ermutigen, sich deutlicher von diesem Extremismus abzugrenzen."

Die Äußerungen des Papstes während seiner Deutschland-Reise in der vorvergangenen Woche hatten massive Proteste in der muslimischen Welt ausgelöst. Benedikt XVI. bedauerte
daraufhin, dass seine Worte als Beleidigung aufgefasst worden seien. Er hatte in einer Vorlesung in Regensburg einen mittelalterlichen Kaiser und Gelehrten mit den Worten zitiert: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

kai/Reuters/AFP/ddp



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