Schutz fürs Baltikum Nato plant angeblich Osteuropa-Eingreiftruppe

Beginnt auch der Westen mit dem Säbelrasseln? Laut "Financial Times" will die Nato mit einer Eingreiftruppe auf die Eskalation in der Ukraine reagieren. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow warnt vor "schrecklichem Blutvergießen", wenn die Krise nicht beendet wird.
Britischer und polnischer Kampfjet über Litauen: Signal an Moskau

Britischer und polnischer Kampfjet über Litauen: Signal an Moskau

Foto: Jakub Kaminski/ dpa

Sechs beteiligte Nationen, Flugzeuge, Schiffe und rund 10.000 Soldaten: Das sind einem Medienbericht zufolge die Eckdaten einer neuen Eingreiftruppe, mit der die Nato für mehr Sicherheitsgefühl bei ihren osteuropäischen Mitgliedern sorgen will. Laut der "Financial Times" soll die Truppe in Divisionsstärke unter britischem Oberkommando stehen. Daneben werden nach gegenwärtigem Stand auch Dänemark, die Niederlande und die drei baltischen Nato-Mitglieder Estland, Lettland und Litauen Truppen entsenden. Möglicherweise wird die Sechs- sogar zur Sieben-Nationen-Armee: Auch Kanada erwäge eine Beteiligung.

Laut "Financial Times" will der britische Premierminister David Cameron die Pläne in seiner Rolle als Gastgeber auf dem Nato-Gipfel in Wales bekannt geben, der am 4. September beginnt. Die Truppe solle im Ernstfall schnell einsatzbereit sein, gemeinsam trainieren und sich bei Bedarf rasch aufstocken lassen.

Mit einer solchen Eingreiftruppe würde die Nato auf die Sicherheitssorgen insbesondere der baltischen Staaten reagieren. Angesichts ihrer exponierten Lage an der Grenze zu Russland fühlen sich die drei Länder durch die russischen Aktivitäten in der Ukraine bedroht. Die Nato hatte Russland zugesichert, in ihren osteuropäischen Mitgliedstaaten keine Bündnistruppen zu stationieren. Eine schnelle Eingreiftruppe wäre ein Mittelweg: Der Truppenverband bedeutet eine deutliche Warnung in Richtung Moskau, aber keine derart große Provokation wie dauerhaft stationierte Nato-Truppen an der russischen Grenze. Das Einsatzgebiet des geplanten Verbands soll sich laut "Financial Times" nicht auf Europa beschränken. Die Nato hatte im April bereits einen Minenräumverband für ein Manöver Richtung Baltikum geschickt.

Polen will stärkere Nato-Präsenz

Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski bezeichnete das russische Vorgehen in der Ostukraine als Invasion. Europa und die westliche Welt stünden nun vor der Frage, wie darauf effektiv zu reagieren sei, sagte er dem Deutschlandradio Kultur und dem Deutschlandfunk am Samstag. "Können wir das Russland von Präsident Putin davon abhalten, neue politische Einflusssphären zu bilden", was die "Wiedererrichtung des russischen Imperiums" bedeuten würde, sagte Komorowski. Es gehe nicht nur um politische Interessen, sondern darum, was aus Europa werde, "ein Europa der Kosaken oder ein demokratisches".

Komorowski forderte zugleich eine "Stärkung der Ostflanke des NATO-Bündnisses". "Wir wissen, dass die Schwäche potenzieller Opfer zur Aggression ermutigen kann. Umgekehrt schreckt Stärke eine aggressive Politik ab", sagte der Präsident. Deshalb sei er für Stärke.

Angesichts der Eskalation des Konflikts hatte die Ukraine am Freitag um Unterstützung durch die Nato gebeten. "Was wir brauchen, ist mehr Hilfe, auch militärisch", sagte der ukrainische Nato-Botschafter Igor Dolgow in Brüssel. Auch die Bemühungen um eine Aufnahme in das westliche Militärbündnis will Kiew wieder aufnehmen.

Gorbatschow warnt vor "schrecklichem Blutvergießen"

Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow hat angesichts der Eskalation im Ukraine-Konflikt vor einem "schrecklichen Blutvergießen" in Europa gewarnt. Es dürfe nicht dazu kommen, dass sich der Konflikt etwa durch ein militärisches Eingreifen Russlands zu einer internationalen Krise ausweite, mahnte der 83 Jahre alte ehemalige Sowjetpräsident am Samstag im Moskauer Radiosender Russkaja Sluschba Nowostej. "Wenn der Staat angerührt wird, (...) dann werden dort alle hineingezogen. Wir könnten dann zu einem schrecklichen Blutvergießen in Europa kommen. Das darf nicht zugelassen werden", sagte Gorbatschow. Zahlreiche Politiker hatten zuletzt vor einem möglichen Weltkrieg gewarnt.

ric/dpa/reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.